Brecht: Ballade von der Judenhure Marie Sanders – Analyse

In Nürnberg machten sie ein Gesetz…

Text

http://gramsci.objectis.net/brecht/writings/poems-and-theater/ballade-von-der-judenhure-marie-sanders (mit italien. Übersetzung)

http://www.kampflieder.de/liedtext.php?id=5938

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht40_53.html

Das Gedicht ist 1935 entstanden, sicher nach den „Nürnberger Gesetzen“ vom 15.09.1935 („Reichsbürgergesetz“ und „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“); es wurde 1937 in „Das Wort“ (Moskau) veröffentlich, 1939 in die „Svendborger Gedichte“ und 1949 in die „Kalendergeschichten“ aufgenommen. 1937 hieß es im Refrain: „Das Brot schlägt auf…“

Das Gedicht besteht aus vier nummerierten Strophen; der dreizeiligen Strophe folgt ein vierzeiliger Refrain, der dreimal gleich und in (4) variiert ist. In der ersten Strophe berichtet ein Außenstehender über den Erlass der Nürnberger Gesetz (genauer: „ein Gesetz“, das muss wegen der folgenden Verse das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ sein) und seine Folgen: „Darüber weinte manches Weib“. Der „falsche“ Mann (V. 3) ist ein Jude, mit dem ein Verhältnis zu haben gerade verboten worden war. Der Berichterstatter nennt die Nazis „sie“ (V. 1); er grenzt sich so von ihnen ab.

Als Refrain wird der innere Monolog einer von den Gesetzen betroffenen Person (einer Frau?) präsentiert: zuerst zwei Verse zur Situation in Deutschland (Das Fleisch = der Fleischpreis schlägt auf, die armen Leute in den Vorstädten können sich weniger leisten; „Die Trommeln schlagen mit Macht“ und verkünden so die Herrschaft der Nazis und ihrer marschierenden Verbände.), dann zwei Verse zur eigenen Situation: „Gott im Himmel…“ (V. 6 f) – daraus spricht die Angst vor einer unmittelbar bevorstehenden Verhaftung oder Behelligung (durch die marschierenden Verbände?).

Die drei Verse von Str. 2 – der Refrain ist unverändert – sind der Ratschlag einer unbekannten Person an Marie Sanders, sich von ihrem jüdischen Geliebten („hat zu schwarzes Haar“, V. 8 – Arier sind angeblich blond) zu trennen. Die Temporalabverbien „heut/gestern“ (V. 9 f.) markieren den Einschnitt, den die Nürnberger Gesetze bedeuten.

In Str. 3 – wieder ist der Refrain der gleiche wie bisher – spricht eine jüngere Person, vermutlich Marie Sanders, unbekümmert zu ihrer Mutter („alles halb so schlimm“, V. 16) und bittet sie um den Schlüssel – vermutlich, um zu ihrem Geliebten zu gehen: „Der Mond sieht aus wie immer“ (V. 17), lautet ihre Begründung für ihre naive Sorglosigkeit – als ob der Mond etwas für die politische Lage oder die eigene Sicherheit bedeutete! Sie steht in Spannung zur Beschreibung der Situation Deutschland und der besorgten Vermutung („wenn sie was vorhätten“), wie sie im Refrain enthalten sind.

In Strophe 4 (diesmal 5 statt 3 Verse) wird berichtet, was „eines Morgens“ (V. 22) geschah: „Sie“, das ist Marie Sanders, wie die Überschrift sagt, fährt gedemütigt (Schild um den Hals, Haar geschoren) im Hemd durch die Stadt; sie ist offensichtlich bei ihrem Geliebten erwischt worden. Ihre Distanz zu den Nazis wird in den beiden letzten Versen beschrieben: „Die Gasse johlte. Sie / Blickte kalt.“

Im Refrain ist nur der 1. Vers gleich geblieben. Als Steigerung des bisherigen 2. Verses heißt es: „Der Streicher spricht heute nacht.“ Der Streicher ist vermutlich „der Anstreicher“, wie Brecht Hitler verächtlich nennt; dass Julius Streicher, der Herausgeber des Blattes „Der Stürmer“ gemeint sein könnte, halte ich nicht nur wegen des Artikels für unwahrscheinlich; das Reden passt eher zu Hitler, zu Streicher das Schreiben. Wenn Hitler spricht, ist das noch gefährlicher, als wenn die Trommeln schlagen und die Nazis herumziehen. Vers 3 ist gegenüber den bisherigen Strophen bei gleichem Klang verändert: „wenn sie ein Ohr hätten“ – „sie“ sind die Deutschen, die nicht Nazis sind [und die zu großen Teilen nach 1945 gesagt haben, sie hätten von der Judenverfolgung nichts gewusst]: Wenn sie ein Ohr hätten (und das wirklich hörten, was „der Streicher“ sagt), „Wüßten sie, was man mit uns macht.“ (V. 30) Hier spricht eindeutig eine jüdische Stimme, sie zählt sich („uns“) zu den Betroffenen. In ihrer Klage kommt die Hoffnung zum Ausdruck, dass wissende Deutsche nicht damit einverstanden sein könnten, „was man mit uns macht“, zugleich aber auch die Einsicht, dass offensichtlich viele Deutsche dies nicht so genau wissen wollen. – Aus heutiger Sicht widerspricht Brecht hier bereits 1935 der nach 1945 viel gebrauchten Ausrede, man habe nicht gewusst, was die Nazis alles machten…

Die Sprache des Gedichtes ist Prosa, reimlos, ohne festen Takt. Im Zeilenschnitt wird einmal „Sie“ (V. 25) hervorgehoben und gegen „Die Gasse“ abgesetzt; nicht ganz so stark ist die Hervorhebung von „das“ (V. 2) – da wird zunächst offen gelassen, was für ein Weib weinte.

Vielleicht kann man zum Rhythmus des Refrains Folgendes sagen: Durchweg haben die Verse drei Hebungen; nur die beiden letzten Verse weichen davon ab (haben sie vier Hebungen?) und sind so in ihrem Sonderstatus ausgewiesen. Dadurch ist hier am Schluss der Höhepunkt des Gedichtes markiert: Eine jüdische Stimme klagt das mögliche, aber fehlende (Konjunktiv II: wenn sie hätten) Verständnis, die fehlende Solidarität der Deutschen ein.

Die Überschrift „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ nimmt mit der Bezeichnung „Judenhure“ die NS-Perspektive ein; davon ist im Gedicht nichts zu spüren. So ist es konsequent, dass man in der Überschrift gelegentlich die Anführungszeichen findet: Bericht von der „Judenhure“ Marie Sanders (so im Kommentar von Edgar Marsch, 1974, und in der alten Sammlung „Bertolt Brechts Gedichte und Lieder“, hrsg. von Peter Suhrkamp); es mag aber auch ein Zeichen von politischer Korrektheit sein, wenn man „Judenhure“ in Anführungszeichen setzt – in der Ausgabe „Ausgewählte Werke in sechs Bänden“ (1997) ist es nicht der Fall; deshalb verzichte ich darauf.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=kTh0jBDdeKA (gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=YGun1QbtYgk (gesungen von Mirja) = http://www.juzp.net/hGR2x6QD3-m_-

http://www.youtube.com/watch?v=mCmhMgEpIi4 (gesungen von Christine Felix Pohl)

http://www.youtube.com/watch?v=vdCfVpaADew (italienisch gesungen von Milva)

http://www.youtube.com/watch?v=wZwffHVPg1E (italienisch gesungen von Marta Ossoli)

http://www.youtube.com/watch?v=tM6qTXxzf4A (italienisch gesungen)

Rezeption

http://www.scherbaummusic.com/works/PDF/1500/AS-1535.bw.pdf (vertont)

Sonstiges

http://de.wikisource.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Gesetze (Übersicht „Nürnberger Gesetze“, mit Links)

4 thoughts on “Brecht: Ballade von der Judenhure Marie Sanders – Analyse

  1. Gute Analyse, allerdings ist dir bei V.29f ein Fehler unterlaufen:

    „Grosser Gott, wenn sie ein Ohr hätten
    Wüssten sie, was man mit ihnen macht“.

    Gemeint sind also nicht die Juden aus ihrer eigenen Perspektive, sondern das deutsche Volk aus der Perspektive des Erzählers oder eines Juden.
    Daraus ergibt sich eine komplett andere Interpretationlinie. Hitler hat das Elend des Volkes für seine Zwecke ausgenutzt, und „… wenn sie (das Volk) ein Ohr hätten wüssten sie, was man mit ihnen macht“.

    Aus dieser Sicht widerspricht Brecht eben nicht der Ausrede, man habe von nichts gewusst und sein Mitläufer gewesen. Ob das sinnvoll ist, ist wieder eine andere Frage.

    Grüße

    • Hallo „Hundesohn“,

      ein Blick in die Links und die verschiedenen Textausgaben zeigt, dass der Text der besagten beiden Verse nicht eindeutig ist. In „Bertolt Brechts Gedichte und Lieder“, hrsg. von Peter Suhrkamp (Bibl. Suhrkamp 33), heißt es:
      „Großer Gott, wenn sie ein Ohr hätten,
      Wüßten sie, was man mit uns macht.“

      Auf diese Lesart hatte ich mich bezogen. In „Hundert Gedichte 1918-1950“ (Aufbau-Verlag 1962) heißt es:
      „Großer Gott, wenn sie ein Ohr hätten,
      Wüßten sie, was man mit ihnen macht.“

      Das ergibt natürlich einen ganz anderen Sinn, den du richtig herausgearbeitet hast. (In den Kampfliedern steht überall ein aktualisierendes „wir“; das berücksichtige ich nicht.)

      Jetzt müsste die gelehrte Forschung untersuchen, welcher Text wann von Brecht autorisiert worden ist. Halten wir fest: Jeder von uns beiden hat für seine Lesart recht.

      Gruß, n.

  2. Ich glaube der Sinn sollte allen klar sein, aus welcher Perspektive nun auch immer🙂
    Danke für die Mühe!!!!

  3. Pingback: Brecht: Gedanken über die Dauer des Exils – Analyse | norberto42

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