Brecht: Gedanken über die Dauer des Exils – Analyse

Schlage keinen Nagel in die Wand…

Text

http://www.literaturepochen.at/exil/multimedia/pdf/brechtdauerexil.pdf

Das Gedicht ist um 1937 in Dänemark entstanden, dann in den „Svendborger Gedichten“ 1939 und in „Hundert Gedichte“ (1951) veröffentlicht worden. Es ist in Lehrplänen unter dem Stichwort „Exil“ bzw. „Exilliteratur“ empfohlen (z.B. http://db2.nibis.de/1db/cuvo/datei/kc_deutsch_go_i_2009.pdf ) und hat einige Interpretationen durch Schüler hervorgebracht.

Das Gedicht stellt zwei Selbstgespräche eines Schriftstellers dar; vermutlich spiegelt es also Erfahrungen Brechts, ohne dass man das sprechende Ich, das sich nur mit „du“ anredet, mit dem konkreten Menschen Brecht gleichsetzen dürfte. Ich bezweifle nämlich, ob Brecht selber so naiv war zu meinen, er kehre „morgen“ zurück (V. 4) und brauche nicht für vier Tage vorzusorgen (V. 3) – schließlich hat er sich in Dänemark ein Haus gekauft. Andrea Paluch und Robert Habeck legen jedenfalls dar, „daß Brecht sich in Dänemark wohl fühlt – und das nicht, weil sich von hier besonders viel bewegen ließe, sondern weil der Sund einen schönen Anblick bietet, das Arbeitszimmer geräumig ist und das Leben mit seinen Kindern einem bürgerlichen Idyll gleicht.“ Aber „obwohl er sich hier häuslich niederließ und wie für längere Zeit einrichtete, weigerte er sich doch beharrlich, die dänische Sprache zu erlernen, weil er wohl doch insgeheim wie andere Exilanten hoffte, daß der Nationalsozialismus bald wie ein düsterer Spuk ein Ende finde. Der einzige, der sein notdürftiges Kauderwelsch verstand, war der Zigarrenhändler in Skovsbostrand, bei dem Brecht seine Zigarren kaufte, telephonierte und mit dem er gern “diskutierte“.“ (Volker Skierka in der SZ vom 13. Mai 1989)

Das Gedicht besteht aus zwei Teilen, die als solche nummeriert sind. Im ersten Teil (vier Strophen zu 4 bzw. 5 Versen) fordert das Ich sich auf (durch Imperative, z.B. „schlage“, V. 1; Fragen, z.B. V. 3; Aussagen im Indikativ, evtl. mit Zeitangabe, z.B. V. 4; einmal eine Aussage im Futur, V. 15), sich im Exil nicht häuslich einzurichten.

Die erste Aufforderung lautet: „Schlage keinen Nagel in die Wand“ (V. 1). Einen Nagel schlägt man ein, um etwas auf die Dauer zu befestigen oder aufzuhängen; die erste Aufforderung zeigt symbolisch, dass das sprechende Ich nicht an die Dauer des Exils glaubt bzw. denkt (Überschrift!), dessen Ende stehe unmittelbar bevor. In der ersten Zeile des Teils 2 ist dieser Gedanke als falsch erwiesen: „Sieh den Nagel in der Wand, den du eingeschlagen hast.“ (V. 18); durch sein eigenes Handeln hat das Ich seine ersten Gedanken widerlegt, die damalige Hoffnung Lügen gestraft. Es ist im Exil geblieben und hat sich auf eine längere Dauer dort eingerichtet.

Vielleicht schließt die zweite Aufforderung („Wirf den Rock auf den Stuhl!“, V. 2) unmittelbar an die erste an; dann hätte der Nagel dazu dienen sollen, den Rock aufzuhängen. Dafür spricht, dass hinter dem ersten Vers kein Satzzeichen steht, hinter dem zweiten aber das Rufzeichen, was die beiden Sätze als zusammengehörig erweist. Es folgt dann die rhetorische Frage „Warum vorsorgen für vier Tage?“ mit der hoffnungsvollen Erklärung: „Du kehrst morgen zurück!“ (V. 3 f.)

Das gleiche Thema wird in den beiden nächsten Strophen durchgespielt: Es sei überflüssig, den kleinen Baum zu begießen (d.h. einen Baum zu pflanzen, V. 5 f.), Leute zu grüßen und eine fremde Sprache zu lernen (V. 9 f.); darauf folgt jeweils in zwei Versen die von der Hoffnung getragene Erklärung, dass die Rückkehr in die Heimat bald bevorsteht (der zeitliche Aspekt fehlt in der 3. Strophe, sie ist dort durch die Muttersprache der erlösenden Nachricht ersetzt, V. 11 f.).

Exkurs: Einen Baum pflanzen, das ist nach verbreiteter Auffassung die Aufgabe eines Mannes (außer: ein Kind zeugen, ein Haus bauen). Der berühmte Spruch: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“ wird Luther in den Mund gelegt. Wenn das hier sprechende Ich sich um das kleine Bäumchen nicht kümmern will, zeigt das nicht nur seine Ungeduld bzw. den Wunsch nach Aufbruch, sondern auch einen menschlichen Defekt in dieser Ungeduld: nicht einmal um ein Bäumchen will es sich kümmern. Das besagt, dass die Gewichtung der beiden Teile des Gedichts nicht einfach nach dem Schema positiv/negativ (Hoffnung/Verzweiflung) vorgenommen werden kann, wie man das in einigen Schülerarbeiten findet – unten wird zum Teil 2 das Nötige dazu gesagt.

Die ersten drei Strophen sind also gleich aufgebaut: zwei Verse mit Aufforderungen und Fragen, zwei Verse mit der erklärenden Begründung dafür. Die vierte Strophe ist nicht nur anders aufgebaut, sondern steht auch unter einem anderen Thema: Es geht um den (Grenz)Zaun der Gewalt, der an Deutschlands Grenze „gegen die Gerechtigkeit“ errichtet worden ist. Was Gerechtigkeit ist, ist reichlich unbestimmt – bestimmt ist das Unrecht, das gegen die Gerechtigkeit verstößt. Was Brecht darunter versteht, kann man etwa in den Gedichten „Deutschland“ oder „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ nachlesen. Dass der Zaun der Gewalt zerbrechen wird, ergibt sich dem sprechenden Ich aus der Beobachtung, dass „der Kalk vom Gebälk blättert“ (V. 13) – in Analogie dazu (gemäß dem Gesetz, dass alles vergeht) erwartet es, dass auch der Zaun der Gewalt gleichermaßen „zermorschen“ (Neologismus: morsch werden, zerfallen) wird. Durch die eingeschobene Aufforderung „(Tue nichts dagegen!)“ wird diese Strophe mit den ersten dreien verbunden; dadurch zählt sie aber auch fünf statt vier Verse.

Die einzige Überraschung, die durch den Zeilenschnitt der reimlosen Prosa hervorgerufen wird, ist V. 17: Einen Zaun gegen die Gerechtigkeit erwartet man nicht. Sonst werden Sätze oder semantische Einheiten in eine Zeile gepackt.

Das im Teil 2 sprechende Ich ist in einer anderen Stimmung als das von Teil 1. Es hat sich der Realität gestellt, indem es sich im Exil eingerichtet hat, und macht sich jetzt andere „Gedanken über die Dauer des Exils“ – Gedanken, die sein eigenes Handeln im Exil betreffen. In der ersten kleinen Strophe fordert es auf, den in die Wand (entgegen der ersten Aufforderung) eingeschlagenen Nagel zu betrachten (V. 18). Dieser Nagel gibt über den eigenen Glauben an die Dauer des Exils zu denken (V. 19 f.); durch seine rhetorischen Fragen macht es sich klar, was es wirklich glaubt, „im Innersten“ glaubt: dass das Exil lange dauern wird.

In der zweiten Strophe stellt es die Frage nach dem Sinn seiner Arbeit als Schriftsteller, der Tag für Tag „an der Befreiung“ arbeitet (= schreibt, V. 21-23). Es fragt sich, indem es den kleinen Kastanienbaum betrachtet (bzw. zu betrachten fordert, V. 25), den es entgegen der eigenen Aufforderung (V. 5-8) begießt, womit es auf dessen Wachstum und Bestand, also auch auf das eigene Bleiben setzt. Die Frage ist radikal, geht an die Wurzeln der eigenen Existenz als Schriftsteller: „Willst du wissen, was du von deiner Arbeit hältst?“ (V. 24) Die Antwort wird hier nicht formuliert; sie kann nur lauten: Du glaubst selbst nicht, dass du mit deinem Schreiben etwas bewirkst. Der Baum wächst, aber deine Hoffnung auf Heimkehr ist gestorben

Dieser offene Schluss ist beinahe ein Ausdruck der Verzweiflung des Schriftstellers – ist es nur beinahe, weil er im Schreiben dieses Gedichts sich über die Hoffnungslosigkeit erhebt und sie von außen betrachtet, statt in ihr zu versinken? Im Denken darüber, welche Gedanken er sich über die Dauer des Exils macht, kann der Schriftsteller sowohl die leichtfertige Euphorie („morgen“) wie auch die Resignation („was du von deiner Arbeit hältst“) auffangen. Wie er sie dann verarbeitet – außer im Gedicht – bleibt offen. Die letzte Strophe macht das Gedicht zu einem poetologischen Gedicht.

Analyse

http://www.abipur.de/referate/stat/648014032.html (schülerhaft)

www.faecher.lernnetz.de/faecherportal/index.php?DownloadID=2330 (dort S. 104 ff.: eine Schülerarbeit als Gedichtvergleich: „Gedanken über die Dauer des Exils“ – „Zufluchtsstätte“, die mit 1+ bewertet worden ist; erfreulich ist die Tatsache, dass der beurteilende Kollege berücksichtigt, was von einem Schüler in begrenzter Arbeitszeit erwartet werden kann)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=QL0dOxYbcos (Schüler)

http://www.youtube.com/watch?v=2ix9LDy44B0 (vertont von Hanns Eisler)

http://www.youtube.com/watch?v=FQjrF_RG8WA (türkisch, vertont)

Sonstiges

http://www.deutsch-gymnasium.de/fortbildung/Exillyrik/Vortrag.ppt (Heimatverlust und Exil)

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/22/thema-exilliteratur-1933-1945/ (Exilliteratur)

http://www.exil-club.de/dyn/bin/51529-51578-1-exillyrik_ohne_bilder.pdf (U-Reihe über Exillyrik)

http://www.christin-s.wv.to/literatur-des-exils (Literatur des Exils: Stichworte)

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