Brecht: Frühling 1938 – Analyse

Heute, Ostersonntag früh…

Text

http://www.diendan.org/dich-thuat/tho-luu-vong-brecht

http://damau.org/archives/25809

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?id=42042&lang=en

http://anschauen.npage.de/berthold-brecht.html

Steffinsche Sammlung

Margarete Steffin, Brechts Mitarbeiterin und Geliebte, sammelte Einzelgedichte und stellte sie um 1939/40 in einer Abschrift zusammen; Brecht nannte diese nach Steffins Tod 1941 die Steffin’sche Sammlung. Zu ihr gehörten die Gedichte „Frühling 1938“ und „1940“. Brecht selber stellte 1942 in den USA eine neue Fassung der Sammlung unter dem Titel „Brecht. Gedichte“ her. 1948 plante Brecht eine Ausgabe seiner „Gedichte im Exil“, zu denen dann auch eine wiederum neue Fassung der Steffinschen Sammlung gehörte – diese letzte Fassung heißt heute „Steffinsche Sammlung“ (Ausgewählte Werke in sechs Bänden, 1997, Band 3, S. 353 ff.). – Hans Eisler vertonte 1942 fast alle Gedichte der Sammlung, sie machen einen Teil des „Hollywooder Liederbuchs“ aus.

Frühling 1938

Das sind drei Gedichte: I („Heute, Ostersonntag früh…“) ist am 17. April 1938 entstanden und 1949 in „Sinn und Form“ veröffentlicht worden, ebenso unter dem Titel „Frühling 1938“ in „Hundert Gedichte“ 1951. Dieses Gedicht findet man deshalb häufig allein unter der Überschrift „Frühling 1938“; so wird es hier analysiert. II ist im Frühjahr 1938 entstanden („Über dem Sund hängt Regengewölke…“), III am 6. Mai 1938 („In den Weiden am Sund…“). – Brecht wohnte 1938 auf der dänischen Insel Fünen, die durch den Sund von Deutschland getrennt ist.

Die Überschrift klingt zunächst nach einer einfachen Datierung; aber sie enthält mehr, wenn man weiß, dass deutsche Truppen am 12. März 1938 in Österreich einmarschiert waren und dass am 13. März das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ erlassen, also die Annexion Österreichs legalisiert wurde. Dann bekommt „Frühling 1938“ den Beigeschmack von „Zeit der Eroberung“, „Deutschland breitet sich gewaltsam aus“: Vorkriegszeit.

Ein lyrisches Ich, in dem man den Dichter Brecht (der jedoch nicht einfach mit dem Bürger Brecht identisch ist) erkennen kann, beschreibt die Wetterlage: Ein Schneesturm bricht plötzlich los, „Zwischen den grünenden Hecken lag Schnee.“ (V. 3) Hier zeigt sich in der Natur eine Spannung, welche die politische Spannung in Europa spiegelt. Dann berichtet das Ich, was geschieht: „Mein junger Sohn“ (Stefan, V. 3) holte ihn zu einem Aprikosenbäumchen draußen – er saß gerade drinnen bei einem eigenen Vers (er schrieb eventuell an einem Vers?), in dem er auf die Kriegstreiber „mit dem Finger deutete“ (V. 5); damit kann ein bloßer Hinweis gemeint sein, wahrscheinlicher ist aber, dass er die Kriegstreiber als solche anklagte (anklagender Gestus des Zeigens auf …). Vielleicht spielt der „Vers“ auf die „Deutsche Kriegsfibel“ (1936/37 entstanden; 1937 in „Das Wort“, Moskau, erschienen; 1939 in die „Svendborger Gedichte“ aufgenommen) an, wenn damit nicht ein neues Gedicht, das in Arbeit ist, gemeint ist. Das Ich erklärt die Bedeutung des drohenden Krieges in einem Relativsatz: „der […] vertilgen mag“ (V. 6-8), sowohl den Kontinent Europa wie „meine Familie und mich“ (V. 7), also von ungeheurer Bedeutung ist.

Es folgt der Bericht darüber, wie die beiden so unterschiedlich Interessierten, Sohn und Vater, gemeinsam handeln (V. 8-10): „Schweigend“ (V. 8) – der Vater kann sich innerlich nicht von der Kriegsdrohung lösen; aber sie legen doch „einen Sack / Über den frierenden Baum“ (V. 9 f.). Sie wehren also vom Aprikosenbäumchen die Drohung des Erfrierens ab, während der Vater mehr oder erfolglos die Bedrohung des Kontinents durch Schreiben abzuwehren versucht.

Das Gedicht mit seinen zehn Zeilen ist im epischen Stil Brechts geschrieben; eine Rhythmisierung sucht man vergebens, selbst wenn gelegentlich Schüler sie unter dem Druck des Findenmüssens auch finden. Der Zeilenschnitt lässt gelegentlich fragen, wie es weitergeht, da man es aufgrund des bisher Verlauteten nicht ahnen kann: V. 1, V. 3, V. 4, evtl. V. 6, V. 8. Neben der Aufzählung in V. 7 beherrschen zwei rhetorische Mittel das Gedicht: die Spannung (Kontrast) zwischen dem Grün der Hecken und dem Schnee, zwischen dem Frühling und 1938, zwischen den Sorgen des Sohnes und den Sorgen des Vaters; zweitens das Symbol des vom Frost bedrohten Aprikosenbäumchens, das zum Bild des vom Krieg bedrohten Kontinents hinüberleitetet. (Die Schüler sprechen in ihren Analysen von einer Metapher, was ich für falsch halte; das Bäumchen ist wirklich ein Bäumchen – es geht um die Analogie der Bedrohungen).

In der Zusammenstellung von Natur/politisches Geschehen erinnert das Gedicht an die Gedichte „Schlechte Zeit für Lyrik“  und „An die Nachgeborenen“ (V. 6-8).

http://www.faecher.lernnetz.de/faecherportal/index.php?DownloadID=2330 (dort S. 80 ff.: Gedichtvergleich der drei Gedichte mit „Über die Bezeichnung Emigranten“; die Zeilenzählung S. 80 ist falsch)

http://de.scribd.com/doc/26102770/Gedicht-Interpretation-%E2%80%93-Eugen-Berthold-%E2%80%9EBertolt%E2%80%9C-%E2%80%9EBert%E2%80%9C-Friedrich-Brecht-1898%E2%80%931956-%E2%80%93-Fruhling-1938-I-1-Strophe (schülerhaft)

http://home.arcor.de/wdomes/Grundlagen%20des%20Lernens/Brecht.doc (Analyseanleitung, alle drei Gedichte)

Rezeption

http://www.steitz-kallenbach.de/downloads/pd152.pdf (produktiver Umgang mit dem Gedicht)

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