Brecht: 1940 – Analyse

Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Mathematik lernen?…

Text

http://home.arcor.de/hansberger/lyrik/brecht/brecht_1940.html

http://el-jott.de/Lernen1.htm (mit Analyse)

http://www.deutschboard.de/topic,5764,-bertolt-brecht–1940.html (acht Gedichte unter „1940“, darunter die Nummer VI)

http://el-jott.de/lernenN.doc (mehrere Gedichte Brechts über das Lernen; intelligent markiert, mit kurzem Kommentar) = http://el-jott.de/brecht.htm (ohne Markierung)

Die acht unter der Überschrift „1940“ in der Steffinschen Sammlung zusammengestellten Gedichte sind zwischen 1938 und 1941 entstanden. Das Gedicht Nr. 6 (bzw. VI) ist 1940 entstanden, erstmals 1949 in „Sinn und Form“ veröffentlicht und 1951 in die „Hundert Gedichte“ aufgenommen worden.

Die Überschrift „1940“ datiert das Gedicht nur, stellt die Überlegungen in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang: Seit Februar 1940 fuhr die deutsche Flotte Angriffe in den skandinavischen Gewässern, im April wurden Norwegen überfallen und Dänemark von deutschen Truppen besetzt. Am 10. Mai begann der Westfeldzug, in dem die Niederlande, Belgien und Frankreich erobert wurden… In dieser Zeit stellt sich das lyrische Ich den Fragen seines jungen Sohnes (wenn wir das lyrische Ich als Brecht denken, ist es sein Sohn Stefan – aber Stefan Brecht muss nicht so gefragt haben, damit der Dichter Brecht dieses Gedicht schreiben konnte! Der Dichter Brecht ist nicht identisch mit Bertolt Brecht, und das lyrische Ich ist nicht ohne weiteres der Dichter Brecht.). Was tat Bertolt Brecht? Im Jahre 1939 verließ er Dänemark, lebte ein Jahr in einem Bauernhaus in Lidingö bei Stockholm und im April 1940 in Helsinki. Während des Sommeraufenthalts 1940 in Marlebäck, wohin die Familie von der finnischen Schriftstellerin Hella Wuolijoki eingeladen worden war, schrieb Brecht das Stück Herr Puntila und sein Knecht Matti. Erst im Mai 1941 erhielt Brecht sein Einreisevisum in die USA und machte sich mit seiner Familie via Moskau und Wladiwostok mit dem Schiff nach Santa Monica, Kalifornien, auf. (Wikipedia-Artikel „Bertolt Brecht“)

In den ersten drei Strophen, die streng parallel aufgebaut sind, wird aus der Sicht der lyrischen Ich berichtet: Der junge Sohn fragt, ob er Mathematik, Französisch und Geschichte lernen soll – also Fächer, die man zur höheren Schulbildung zählt. Das lyrische Ich berichtet dann dreimal, was es antworten möchte; entscheidend ist die Verwendung des Modalverbs „mögen“ (in der Form des Konjunktivs II, die wir aber beinahe wie eine Form des Indikativs verstehen) – was es dann tatsächlich antwortet, steht (als wörtliche Rede) in der kurzen Strophe 4 und ist nicht das, was es antworten möchte.

Was es sagen möchte, läuft darauf hinaus, dass „du“ = der kleine Sohn keine höhere Schulbildung braucht, weil es in dieser Zeit (1940) ums nackte Überleben geht, wozu man keine höhere Bildung braucht: Dass zwei Stücke Brot mehr als eines sind (Mathematik der Grundschule oder des Kindergartens, nicht einmal der höheren Bildung!), „wirst du auch so merken“ (V. 3), also ohne Mathematik zu lernen. Das Verb „werden“ in V. 3 schwankt zwischen futurischer Bedeutung und dem Ausdruck der Vermutung. Entsprechend fällt die zweite Antwort aus: Frankreich wird untergehen (V. 5), und um den eigenen Hunger und die Bitte um Brot ausdrücken, braucht man nicht die Kenntnis des Französischen (allgemein: einer Fremdsprache), dazu genügt eine Geste (sich den Bauch reiben, V. 6, und stöhnen). Ähnlich ist die Antwort, die das Ich in Str. 3 geben möchte: Geschichte braucht man nicht zu lernen, um zu überleben; dazu genügt es, den Kopf in die Erde zu stecken („den Kopf in den Sand stecken“ wie angeblich der Vogel Strauß bei Gefahr: Wenn man die Gefahr nicht sieht, ist sie vermeintlich verschwunden). „Da wirst du vielleicht überleben.“ (V. 10) Das Modalwort „vielleicht“ drückt die Skepsis des Sprechers aus: Vogel-Strauß-Politik ist keine sichere Methode des Überlebens, aber das Lernen von Geschichte nützt in diesen Zeiten auch nicht.

Man muss sich die Kriterien klarmachen, nach denen der Ich-Sprecher seine drei abschlägigen Antworten geben möchte: Der oberste Maßstab in der Frage, was man tun soll oder lernen soll, ist dabei das nackte eigene Überleben; nach diesem Maßstab möchte es seinen Sohn beraten und erziehen, hier in der Frage, ob es sinnvoll ist, höhere Bildung zu erwerben. Es antwortet jedoch anders: „Ja, lerne Mathematik, sage ich…“ (V. 11 f). Das Ich verwirft die von ihm zunächst erwogenen drei Antworten; damit verwirft es auch den Maßstab, dass letztlich nur das eigene nackte Überleben zählt. Was als letzter Maßstab zählt, sagt das Ich hier nicht; von den Überlegungen, die zur Antwort in Str. 4 führen, erfahren wir nichts, auch nicht davon, ob dem Ich die Entscheidung zwischen den beiden Möglichkeiten schwergefallen ist: Wir hören nur die drei Antworten und schließen daraus, dass das bloße eigene Überleben dem Ich nicht der letzte Maßstab von Erziehung ist. Das ist indirekt eine Aufforderung an den Leser, selber zu überlegen, warum der verworfene Maßstab nicht der gültige ist.

Wie das Gedicht aufgebaut ist, ist schon beschrieben worden. Sonst ist zur Form und zur Sprache nicht viel zu sagen: gehobene Umgangssprache, Prosa, Zeilenschnitt; die einzelnen Zeilen sind Sinneinheiten, wobei das Kriterium bei den drei möchte-Antworten jeweils abgeschnitten ist und in einer Zeile für sich steht. Dass die Strophe 3 aus vier Zeilen besteht, ist ohne tiefere Bedeutung – wegen des Hinweises auf den bevorstehenden Untergang Frankreichs fällt die Vorüberlegung etwas länger aus.

Noch ein Wort zur Markierung el-jotts (oben 2. Link): Außer dem Hilfsverb „wirst“ müsste auch jeweils der Infinitiv markiert werden, um die Logik bzw. den Maßstab der möchte-Antworten sichtbar zu machen.

http://www.gutefrage.net/frage/gedichtinterpretation-bertolt-brefcht- (in einem Deutschboard)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/966/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=d998I7_ApxY (spanisch)

Rezeption

http://books.google.de/books?id=ejh5kqkb_HAC&pg=PA136&lpg=PA136&dq=brecht+1940&source=bl&ots=v0itHljKEK&sig=a90BY6Qhao9-PHf25fvn9Mv1xq8&hl=de&sa=X&ei=-q7iUKuxKInVsgb0q4GABA&ved=0CEYQ6AEwBDgU#v=onepage&q=brecht%201940&f=false (im Roman „Die Unberatenen“ von Thomas Valentin und Hartmut Steinecke ist das Gedicht Gegenstand der Interpretation in der Stunde eines autoritären Deutschlehrers.)

http://www.cwcity.de/community/board/showthread_35_5_14743–Gedicht-von-Bertolt-Brecht.html (Diskussion in einem Forum zur Analyse)

http://www.artofeurope.com/brecht/bre1.htm (englische Übersetzung)

http://www.doubledialogues.com/in_stead/in_stead_iss03/Jacobs.html (englischer Text in einer Vorlesung über Brechts Gedichte)

Sonstiges

http://www.rezitator.de/3sat/autor/ (Sieben Folgen „Bertolt Brecht“ in „Lyrik für alle“)

One thought on “Brecht: 1940 – Analyse

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