Brecht: An die deutschen Soldaten im Osten – Analyse

Brüder, wenn ich bei euch wäre…

Text

http://hhp-hangover.de/print.php?threadid=3178&page=5&sid=20c55f26aca3dd3af936c1173755ce59 (dort unter dem Datum 21.12.2009)

http://de.scribd.com/doc/7351084/AnDieDeutschenSoldatenImOsten (Umlaute durch Zeichenfolgen ersetzt)

Das Gedicht ist am 9. Januar 1942 entstanden und im März 1942 in der Zeitschrift „Alemania libre“ (Freies Deutschland) in Mexiko veröffentlicht worden; Brecht lebte seit 1941 in Südkalifornien. Die deutschen Truppen waren bei ihrem Vormarsch im Dezember 1941 kurz vor Moskau gestoppt worden; Anfang Januar 1942 begannen die sowjetischen Gegenoffensiven gegen die auf einen Winterkrieg nicht vorbereiteten Deutschen; Hitler hatte nämlich nur mit einem „Blitzkrieg“ gerechnet.

AUFBAU des Gedichts (1-11)

Teil I

* Brüder, wenn ich bei euch wäre, würde ich wissen:

Da ist kein Weg nach Hause mehr. Also muss ich sterben. (1) ZUKUNFT

* Brüder, wenn ich bei euch wäre, würde ich fragen:

Warum bin ich hierhergekommen? Weil ich ein Knecht war.

Also muss ich erschlagen werden, (2)

weil ich eingebrochen bin in ein friedliches Land; GRUND

darum muss ich sterben, wie eine Ratte, (3)

auf dass die Erde gereinigt werde ZWECK

und dass ein Exempel statuiert werde, (4, 5)

und ich werde nicht mehr sehen die Heimat FOLGE

und nichts mehr hören von ihr, (6)

sondern ich werde sterben, unvermisst,

und werde beseitigt als ein Dreck und Gestank. (7)

Teil II

* Brüder, wenn ich jetzt bei euch wäre, würde ich fühlen:

Ich habe anders als Hitler gewusst, dass der Krieg im Osten scheitern muss, VERGANGENHEIT

sodass wir alle vertilgt werden, (8, 9) ZUKUNFT

weil wir das dort mühsam Erbaute zerstören wollten. (10) GRUND

Teil III

– Die Nazis haben („1000 Jahre“) über Zerstörungen in der Sowjetunion nur gelacht, VERGANGENHEIT

– aber jetzt wird sich in der Welt herumsprechen, dass die Zerstörer des Neuen vernichtet sind. (11) ZUKUNFT

Kurzer Kommentar zum Aufbau:

Teil I ist in der Form persönlicher Rede an die deutschen Soldaten im Osten dem gewidmet, was jeder Soldat im Osten weiß; der Blick geht in die Zukunft. Wesentlich ist die Ich-Form: In dieser Form (als Reflexion, Gewissenserforschung) wird das persönliche Schicksal des einzelnen Soldaten ins Zentrum gerückt, werden die eigene Verantwortung benannt, die Folgen für jeden persönlich drastisch vor Augen geführt. – Das ist ein Unterschied zur NS-Ideologie: Du bist nichts, dein Volk ist alles (aber auch ein Unterschied zur Sowjetideologie!).

Teil II verbindet diesen Blick in die persönliche Zukunft mit dem Schicksal der anderen Soldaten (wir) und dem Wissen vom Scheitern, das bereits in der Vergangenheit vorhanden war (nur bei Hitler nicht). – Teil II ist eine verkürzte Variation von Teil I.

Teil III konfrontiert die Reaktion der Nazis auf die Zerstörungen in der Sowjetunion mit dem, was man in der Welt künftig darüber sagen wird.

* Alle weiteren Erklärungen und Analysen müssen in diesen großen Rahmen eingeordnet werden. Es folgen Detailanalysen:

(1) Dieser Teil lebt von dem Kontrast: Ich würde sagen (wie ihr): Sicher muss da ein Weg nach Hause sein /Aber ich würde wissen (wie ihr): Da ist kein Weg nach Hause mehr. – Begründung des Wissens (Weg zu weit, Mensch hält nicht ewig); Folgerung: Also muss ich sterben – als Räuber und Mordbrenner (wiederholt).

(2) Parallel zum Wissen (1) wird die Frage vorgetragen: Warum bin ich hierhergekommen? Wiederholt wird „Räuber und Mordbrenner“ (aus 1); als Grund des Kommens wird erkannt: „Nur weil ich ein Knecht war“; Wiederholung (aus 1): morden und brennen, gejagt und erschlagen werden.

(3) Land der großen Ordnung: Aufbau des Sozialismus unter Lenin, mit Beispielen. Am Ende der (Tier)Vergleich: sterben wie eine Ratte…

(4) „Daß von mir gereinigt werde / Das Gesicht der Erde, / Von mir Aussatz!“ Hier verbindet sich die Ich-Rede, welche die Einsicht jedes Soldaten formuliert (ab 1), mit einer „objektiven“ Sicht von außen, die für den einzelnen in ihrer Schärfe kaum zu akzeptieren wäre: „Räuber und Mordbrenner“ wird wiederholt und eingeschärft. – Damit stellt sich die Frage nach den Adressaten und dem Zweck des Gedichts: In Mexiko veröffentlicht, wird es kaum die deutschen Soldaten im Osten erreichen. Das Gedicht hat also eher den Zweck plakativer Anklage des Nazi-Regimes und in der Form der Gewissenserforschung des einzelnen Soldaten die Ankündigung des baldigen Untergangs der Deutschen Wehrmacht.

(5) Die drei daß-Sätze bezeichnen die Folge davon, dass so mit den Räubern und Mordbrennern (4) verfahren wird: Selbst ihre Frauen (Mütter) und Kinder sagen sich von ihnen los; die Erdhügel der Gräber verschweigen sie. – „Mütter und Kinder“ sind eine beliebte Figur der humanen Argumentation gegen politisch-militärischen Unverstand.

(6) Durch Aufzählungen wird umschrieben, was Heimat der Soldaten ist. Im zweiten Teil steht die Parallele nicht mehr sehen / nicht mehr hören, ferner die Parallele „und ich nicht und du nicht“.

(7) Hier ist ein Höhepunkt der Negativität des deutschen Soldaten: Zunächst die Aufzählung der Partizipien negierter Verben (ungeliebt…), dann das Aufatmen an der Grube des begrabenen „Schädlings“, mit einer Häufung negativer Namen (faulendes Fleisch, dürrer Strauch, Dreck, Gestank).

(8) Neuer Einsatz: Hier wird in Parallele zu (1, ich würde wissen) „ich würde fühlen“ eingeführt, das eigene sichere Wissen dem Unwissen des Führers konfrontiert, die Konsequenz aus dessen Unwissen benannt: dass wir alle vertilgt werden (hier erstmals „wir“ gegenüber dem bisher dominierenden „ich“).

(9) Aufzählungen, wo und wodurch wir vertilgt werden; Wiederholung „vertilgt werden“ (zu 8), weitere Aufzählungen führen Formel „Was hier gekommen ist, zu verwüsten / Was von Menschenhand errichtet wurde“ (Zweck des Kommens, Grund der Bestrafung).

(10) Der Grund der Bestrafung wird expliziert; Wechsel vom Präsens zum Präteritum und damit zur realen Welt, von der berichtet werden kann.

(11) Kontrast: Lachen der Nazis – künftige Rede „auf allen Kontinenten“: Die Strafen sind gerecht, weil der zertretende Fuß verdorrt, die zerstörende Hand abgehauen worden ist. Das sind archaische Bilder von gerechter Strafe, die die Zerstörer der neuen (wiederholt!) Sowjetwelt treffen.

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Kesselschlacht_bei_Smolensk Die große Schlacht im Herbst 1941, knapp 400 km vor Moskau, endete mit einem Sieg der Deutschen, aber wegen der starken Gegenwehr war der „Blitzkrieg“ gescheitert; Smolensk wird Station auf dem Rückzug sein.

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