Brecht: Lied einer deutschen Mutter – Analyse

Mein Sohn, ich hab dir die Stiefel…

Text

http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?ID=294 (6 Str.)

http://www.kde.cs.uni-kassel.de/tane/Gedichte.html (dito)

http://lukrezia-das-herz.myblog.de/lukrezia-das-herz/page/540556 (dito)

http://sonnemohn.wordpress.com/bertolt-brecht-2/ (dito)

Hier stehen überall sechs Strophen; auch Edgar Marschs Kommentar (1974) geht von sechs Strophen aus, gesungen werden aber vier Strophen; vier Strophen stehen auch in „Bertolt Brecht. Ausgewählte Werke in sechs Bänden“, 1997, Bd. 4, S. 352 f. Ich halte mich an die Version von vier Strophen (ohne die 3. und 5. der sechs Strophen; in der zweiten Strophe heißt es „grüßt“, in der letzten „ein braunes Hemd“). Das ist die ursprüngliche Fassung; in der Vertonung von Paul Dessau wurde das Lied mit Lotte Lenya für das Office of War Information aufgenommen, dabei wurde es um zwei Strophen erweitert.

Das Gedicht ist 1942 entstanden und im Januar 1943 in „Freiheit für Österreich“ (New York) veröffentlicht worden. Es ist ein Rollengedicht von der Ursituation Mutter-Sohn: Eine Mutter spricht ihren toten Sohn an, der offensichtlich aufgebahrt vor ihr liegt; das ergibt sich aus dem Zeigegestus „dies braune Hemd“ (V. 2). Sie beklagt, dass sie seine Mitgliedschaft in der NSDAP aus Unwissenheit gefördert statt verhindert hat; das Recht zu den Vorwürfen gegen sich selbst ergibt sich aus dem, was sie heute weiß. Dieses evidente Wissen gipfelt im Schluss-Satz des Gedichts: „Es war dein Totenhemd.“ (V. 16) Was die Mutter heute weiß, ist das, was Brecht weiß; insofern meldet er sich im Mutter-Ich zu Wort, während sie früher nur eine dumme deutsche Mutter war.

Inhaltlich und formal rahmen die erste und die letzte Strophe den Rest des Gedichtes ein: Es geht in beiden um das braune Hemd (SA-Uniform); in beiden Strophen wird im dritten Vers ausdrücklich darauf rekurriert, „was ich heut weiß“, während es in den anderen Strophen nur heißt: „wußte [damals] nicht“ (V. 11, ähnlich V. 7).

In jeder Strophe redet die Mutter den Toten mit „Mein Sohn“ an (V. 1 usw.). Sie zählt dann Episoden auf, in denen sie ihren Sohn als SA-Mann erlebt hat: Sie hat ihm die Uniform geschenkt (V. 1. F.), hat ihn beim Hitlergruß (V. 5 f.) und beim Marschieren „hinter dem Hitler her“ (V. 9 f.) gesehen; sie hat sich nicht dagegen gestellt, dass er „ein braunes Hemd“ trug (V. 13 f.). Im zweiten Teil jeder Strophe bringt sie dagegen ihr heutiges Wissen zur Geltung: Sie hätte sich besser aufgehängt, statt ihm die Uniform zu schenken (V. 3 f.); sie weiß, dass dem mit Hitlergruß Grüßenden „die Hand verdorren muß“ (V. 8 – eine archaische Strafe wie im Gedicht „An die deutschen Soldaten im Osten“; als Beleg gilt die Bibelstelle 1 Könige 13,4, wo dem frevelnden König die Hand verdorrt bzw. erstarrt). In der dritten Strophe bezeugt sie ihr Wissen, dass der mit Hitler (in den Krieg) Ziehende nicht mehr zurückkehrt (V. 11 f.); und heute weiß sie ebenfalls, dass das braune Hemd, welches sie ihrem Sohn geschenkt hat, „dein Totenhemd“ war (V. 15 f.).

Die Strophen gehen also Schritt für Schritt vor und führen dabei in der Klage der Mutter zum Tod des Sohnes; dabei sind die Strophen ähnlich aufgebaut – die beste Voraussetzung, sie zu einem eingängigen Lied zu vertonen. Es reimen sich der 2. und 4. Vers jeder Strophe, was jeweils zwei Langzeilen ergibt; zweimal endet hinter dem 1. Vers ein Satz, zweimal nicht. Pro Vers gibt es drei Hebungen; nur im dritten Vers kann man immer vier Hebungen zählen, wodurch dieser Vers etwas beschleunigt zu sprechen ist: Es ist der Vers vom Nicht-Wissen. Die Sprache ist die Umgangssprache, einige Wörter sind am Ende um das auslautende –e verkürzt (hab, V. 1; hätt, V. 3; heut, V. 3; hätt, V. 4; hab, V. 14; heut, V. 15). Was als Gedicht eher einfach ist, ist zu einem Lied geworden, das eindringlich die Folgen der leichtfertigen, ahnungslosen Nazi-Gefolgschaft beklagt.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=2WmScgUGiE0 (Gisela May)

http://www.youtube.com/watch?v=-enycd0E12g&list=PLB00860B15EF51549 (Andrea Emonds)

http://www.youtube.com/watch?v=l4WXMNXfaes (Dorine Niezing)

http://www.youtube.com/watch?v=4YsIzWGbWic (gerappt)

http://www.youtube.com/watch?v=RtEVdkiAraw&playnext=1&list=PLB00860B15EF51549 (gesprochen, Dika Newlin?)

Sonstiges

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?id=4682&lang=it (italien. Übersetzung)

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