Brecht: Einheitsfrontlied – Analyse

Und weil der Mensch ein Mensch ist …

Text

http://www.erinnerungsort.de/und-weil-der-mensch-ein-mensch-ist–28einheitsfrontlied-29-_113.html (alle mit 4 Strophen)

http://www2.igmetall.de/homepages/bremerhaven/buchtippsliedertexte/liedertexte/einheitsfrontlied.html (mit engl. und französ. Version)

http://ciml.250x.com/sections/german_section/gedichte_lieder/b_brecht.html

http://www.dkp-mk.de/musik/einheitsfrontlied

http://www.marxists.org/subject/art/music/lyrics/de/die-einheitsfront.htm (mit Musik)

Das „Einheitsfrontlied“ verfassten Bert Brecht und Hanns Eisler Ende 1934 im Londoner Exil, nachdem Erwin Piscator sie im Auftrag des Internationalen Musikbüros in Moskau um ein gutes Einheitsfrontlied gebeten hatte. Ursprünglich hatte das Lied, das in viele Sprachen übersetzt wurde, auch eine englische, französische und russische Strophe. Das Lied wurde öffentlich erstmals von Ernst Busch und einem Massenchor von 3.000 Arbeiterinnen bei der Ersten Internationalen Arbeitermusik- und Gesangs-Olympiade im Juni 1935 in Straßburg (Elsaß-Lothringen) gesungen. Gedruckt wurde es erstmals 1937 in Spanien in einem von Ernst Busch herausgegebenen Liederbuch; Brecht nahm es in die „Svendborger Gedichte“ (1939) und in die „Hundert Gedichte“ (1951) auf.

„Als Bertolt Brecht 1928 den größten Theatererfolg der Weimarer Republik verfasste (oder vielleicht besser: aus zahlreichen Quellen zusammenstellte), war sein sozialistisches Weltbild erst im Werden begriffen. Die Dreigroschenoper widmet sich eher dem genüsslichen Studium der Halb- und Unterwelt denn der strengen marxistischen Analyse. Konkreter wird Brecht, auch angesichts der zunehmend ungemütlichen Situation in Deutschland, erst zu Anfang der 1930er Jahre. In ‚Kuhle Wampe’, dem ersten deutschen Arbeiterfilm, verlangt das Solidaritätslied: ‚Vorwärts und nicht vergessen, / worin unsre Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen, / vorwärts, nie vergessen: / die Solidarität!’ Das ebenso berühmte Einheitsfrontlied stammt schon aus Brechts Exilzeit: ‚Und weil der Mensch ein Mensch ist…’ Für beide fand Hanns Eisler gut sing- und gangbare Weisen, rhythmisch, federnd, fordernd – und auch ein wenig preußisch: ‚Reih dich ein in die Arbeiter-Einheitsfront, wo dein Platz, Genosse, ist!’ Dieser Aufruf kam, jedenfalls für Deutschland, leider zu spät: Die Einheitsfront, also das Zusammengehen der kommunistischen und der sozialdemokratischen Kräfte, hätte Hitler zweifellos eher aufhalten können als die vor 1934 von der Kommunistischen Internationalen durchgesetzte Sozialfaschismusthese, die den Hauptfeind des Proletariats in den Sozialdemokratischen Parteien sah.“ (VPOD-Magazin, März 2011)

Das Gedicht ist als politische Auftragsarbeit ganz einfach gestrickt: Wir haben drei (oder vier – wie die Differenz zu erklären ist, weiß ich nicht) Strophen vor uns, die im Prinzip gleichartig aufgebaut sind: Der erste Vers lautet immer: „Und weil der Mensch ein Mensch ist“, was als Identitätsformel nicht besonders originell, aber plausibel ist; nur in der letzten Strophe ist „Mensch“ durch „Prolet“ ersetzt – da wird auch der sonst weniger bestimmte zweite Teil der Strophe politisch eindeutig. Auf den Kausalsatz der ersten Verse folgt im zweiten Vers der begründete Hauptsatz, was der Mensch braucht bzw. nicht braucht: Essen, Kleidung, keine „Stiefel im Gesicht“, also keine Unterdrückung (das Bild vom tretenden Stiefel hat Brecht kurz vorher schon im „Lied vom Wasserrad“ verwendet). In der letzten Strophe steht dagegen die Prognose (nach der Theorie des Klassenkampfes), dass kein anderer sie befreien wird, sondern dass die Arbeiter sich selbst befreien müssen. Im dritten und vierten Vers folgen unterschiedliche Fortsetzungen: dass Geschwätz nichts nützt; dass der Mensch keine Herrschaft ausüben oder ertragen will; dass nur die Arbeiter die Arbeiter befreien werden. An alle diese zweiten Teile (Vers 3 und 4 jeder Strophe) schließt sich der immer gleiche Refrain sinnvoll an: die Aufforderung, sich in die Arbeitereinheitsfront einzureihen, „weil auch du ein Arbeiter bist“; denn dann können die zuvor genannten Bedürfnisse befriedigt werden – das wird aber nicht eigens ausgesprochen. Zuvor wird mit dem wiederholten „Drum links, zwei drei“ der Rhythmus einer marschierenden Truppe dargestellt, verbunden mit der Aufforderung „Wo dein Platz, Genosse, ist“: bei der Arbeitereinheitsfront im Klassenkampf.

Es gibt keinen als Person hervortretenden Sprecher bzw. nur einen für die Arbeiter parteiischen Sprecher, der politische Wahrheiten verkündet; indem das Gedicht von vielen gesungen wird, werden die Sänger als Repräsentanten der Arbeiter zu den Sprechern des Gedichts. Sie wenden sich an den Einzelnen, der Arbeiter und eigentlich auch „Genosse“ ist, aber sich der Einheitsfront noch nicht angeschlossen hat – sie unterstellen damit, dass sie die Arbeitereinheitsfront sind. Die einfachen, durch Wiederholung eindringlichen Thesen und Aufforderungen stehen in Strophen, wo sich jeweils der zweite und vierte Vers reimen. Die dritten Verse haben vier Hebungen, die ersten, zweiten und vierten Verse drei Hebungen, mit unregelmäßiger Füllung; im Refrain haben der erste und dritte Vers vier, der zweite und vierte Vers drei Hebungen, das ergibt einen straffen Rhythmus. Das Gedicht lehnt sich so an die Chevy-Chase-Strophe an, welche die vorherrschende Strophenform englischer Volksballaden ist. Die internationale Verbreitung des Liedes gibt der künstlerischen Konzeption von Brecht und Eisler Recht: Wenn man theoretische Debatten über die Einheitsfront verfolgt, schläft man leicht ein; Brecht und Eisler haben dagegen ein einfaches, schmissiges Lied fabriziert, was eine gute Voraussetzung für die breite Rezeption ist.

Analyse

http://de.wikipedia.org/wiki/Einheitsfrontlied (Begriff und Geschichte der Einheitsfront)

http://www.kommunisten.ch/index.php?article_id=235 (historischer Kontext)

http://www2.cddc.vt.edu/marxists/deutsch/archiv/thalheimer/1932/einheitsfront/index.htm (August Thalheimer über die Einheitsfront gegen den Faschismus, 1932)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=U0ihz0ryFRA

http://www.lastfm.de/music/Ernst+Busch/_/Einheitsfrontlied (Ernst Busch, 3 Strophen)

http://www.youtube.com/watch?v=R4ExkGrnUzo (Ernst Busch, mehrsprachig)

http://www.youtube.com/watch?v=cTM9J1PX4CI (Ernst Busch, mit engl. Untertiteln)

http://www.youtube.com/watch?v=US7TVy0m_b8 (DsingisKahn)

http://www.youtube.com/watch?v=1f_otoGMAoE (Commandantes)

http://www.youtube.com/watch?v=Pkicbh8UgUo (Ton, Steine, Scherben)

http://www.youtube.com/watch?v=HTgbQhaiZDs (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=-aY9_3FmAi0 (Angelika Sacher, 1 Str.)

http://mp3.li/index.php?q=Hannes%20Wader%20-%20Das%20Einheitsfrontlied (mehrere Versionen)

http://www.filestube.com/e/einheitsfrontlied (mehrere Versionen)

http://zomobo.net/einheitsfrontlied (viele Versionen)

http://www.myspace.com/music/player?sid=19243620&ac=now (Tatendrang)

Rezeption

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=en&id=9297 (viele Sprachen)

http://www.youtube.com/watch?v=9MK18OjSsYc (finnisch?)

http://www.stadtbekannt.at/de/magazin/musik/reih-dich-ein_-genosse_.html (Plädoyer dafür, beim Arbeiten zu singen)

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