Rainald Goetz: Johann Holtrop – Besprechung

Ich bekenne: Ich habe mich verführen lassen. In der SZ vom 19. Dezember 2012 waren „Bücher des Jahres“ genannt, ausgesucht laut SZ von Deutschlands Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen. Die müssen es wissen, hatte ich gedacht, müssen es besser wissen als die Kritiker der SZ, von deren Leseratschlägen zu Weihnachten ich schon öfter enttäuscht wurde. Drei von den befragten „Intellektuellen“ (ein schönes Wort!) hatten als ihr Buch des Jahres den Roman „Johann Holtrop“ von Rainald Goetz (Suhrkamp 2012) genannt. Ich habe mir den Roman gekauft und gelesen und bin ziemlich enttäuscht.

Rainald Goetz kann nämlich nicht erzählen; er erschlägt seinen „Helden“ Johann Holtrop, ein Bild des Managers Thomas Middelhoff, mit seinen Erzählerkommentaren gleich auf der ersten Seite: Holtrop gehört zu den Machern, die „sich die Welt vorstellten, weil sie selber so waren, gesteuert von Gier, der Gier, sich dauernd irgendeinen Vorteil für sich zu verschaffen, am liebsten natürlich in Form von Geld, genau darin aber, in ihrem Kalkül auf Eigennutz, umgekehrt selber kalkulierbar, ausrechenbar und ausbeutbar zuletzt, das war die Basis der abstrakten Geldmaschine, die hier residierte; das Phantasma der totalen Herrschaft des KAPITALS über den Menschen“ (S. 11). Und genau so einer ist Johann Holtrop, gierig, dumm, frech, arrogant, hektisch, eingebildet, ein Egomane, blind, getrieben von Pillen und Ehrgeiz… und das bekommt man auf über 300 Seiten in immer neuen Varianten, in seinen schwer überschaubaren Begegnungen mit immer neuen Menschen und Firmen zu lesen, und am Ende hat er Selbstmord begangen, eine Null, wie sie im Buche steht. Aber wirklich von ihm erzählt worden ist nicht; seine Frau hat einen Namen, Pia, kommt aber nur auf wenigen Seiten vor; von seinen vier Kindern hat nur eines einen Namen, sie kommen gar nicht vor; dafür kommen schrecklich viele Untergebene mit ihren Untergebenen und Vorgesetzten (Unter und Ober heißen sie) vor, dazu einige Unternehmer, Herr Binz als alter ego Leo Kirchs, aber sonst nicht viel. Seinen Mangel an Fähigkeit zu erzählen kaschiert Goetz durch die Erfindung neuer Wörter (Interessantizismus, Inhaltismus, Detaillismus, tatistisch orientierte Wirrheit, hysterifizieren usw.) und eigenwillige Schreibweisen (nocheinmal, vorallem, ersteinmal…).

Goetz schreibt das, was heute jeder zweite Zeitungsleser schon lange weiß; deshalb braucht man das Buch nicht zu lesen. Empfohlen wurde es von Diedrich Diederichsen, Armin Nassehi und Eckhard Schumacher; diese drei Professoren haben wenig Ahnung von Literatur, obwohl Schumacher sie als Professor vertritt:

Diedrich Diederichsen, geb. 1957, ist u.a. Professor für Verschiedenes, so ungefähr alles und jedes.

Armin Nassehi, geb. 1960, Professor für Soziologie, Nachfolger von Walter L. Bühl in München

Eckhard Schumacher, geb. 1966, Professor für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie in Greifswald

Ernst zu nehmende Besprechungen des Buchs:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rainald-goetz-johann-holtrop-im-gehege-des-wirtschaftsungeheuers-11881276.html (von Andreas Platthaus)

http://www.neues-deutschland.de/artikel/803329.verkuemmerte-menschen.html (Gespräch zwischen Thomas Blum und Martin Hatzlus)

http://www.zeit.de/2012/37/Rainald-Goetz-Johann-Holtrop-Wirtschaft (Iris Radisch und Rüdiger Jungbluth)

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/dokument-einer-literarischen-anmassung-1.17597866 (Rainer Moritz, er sei zum Schluss zitiert: „Sagen wir es frei heraus: «Johann Holtrop» ist alles andere als ein ernstzunehmender Roman. Er setzt sich in weiten Teilen aus Kolportageelementen zusammen, denunziert seine Figuren permanent und ist aus einer Attitüde des Rechthabens und Besserwissens geschrieben, die die Lektüre schwer erträglich macht.“)

Na, dann halt noch ein bisschen über Rainald Goetz:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-morgens-um-sieben-ist-die-welt-noch-in-ordnung-110234.html (gute Einführung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Rainald_Goetz (schwache Fortsetzung)

http://www.zeit.de/2010/37/Interview-Rainald-Goetz (ein Interview: mittelprächtiges Ende)

Rainald Goetz bekommt 2015 den Georg-Büchner-Preis. Zur Begründung heißt es, dass ein Autor ausgezeichnet werde, der sich mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht habe, als teilnehmender, denkender und moralisch urteilender Beobachter. „Rainald Goetz hat die deutsche Gegenwart der letzten dreißig Jahre beschrieben, zur Anschauung und zu Wort kommen lassen, er hat sie gefeiert und verdammt und immer wieder auch mit den Mitteln der Theorie analysiert.“ Zudem lobte die Akademie die formelle Vielfalt von Goetz‘ literarischem Werk, der sowohl Erzählungen, Romane, Dramen wie auch Blogs und Text-Bild-Collagen veröffentlicht hat. (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/literaturauszeichnung-rainald-goetz-gewinnt-buechner-preis-2015-a-1042603.html) – Der Roman „Johann Holtrop“ ist ein mieses Machwerk, eine pseudomoralische Schelte, kann ich nur sagen; dafür verdient der Autor keinen Preis.

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