David Graeber: Schulden – Rezensionen, Gespräche

Gerade lese ich David Graebers Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ (gibt es jetzt bei der Bundeszentrale für politische Bildung für 7,00 €); anfangs war es mühsam zu lesen, da etwas verwirrend geschrieben; inzwischen ist es interessant und spannend (bis S. 144). Es geht um die Fragen, was Geld ist (ein Wert oder eine Verrechnungseinheit für Schulden), wie es entstanden ist, was Schulden mit Schuld zu tun haben und ob man Schulden in jedem Fall begleichen muss und kann – das Ganze in anthropologisch-historischer Sicht. Für mich war die Einsicht überraschend, dass in der sozialen Wirklichkeit der Völker die Reziprozizät nicht unbedingt als Grundprinzip der Gerechtigkeit und des Ausgleichs fungiert (S. 97 ff.), dass vielmehr in elementaren Beziehungen gilt: „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. – Im Begriff, das Buch meiner Tochter Eva (BWL) zur Lektüre zu empfehlen, habe ich mich in den Rezensionen umgeschaut und die relevanten Besprechungen notiert:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/tacheles/1811680/ (Gespräch mit D. Graeber und Links zu Rezensionen – dieses Gespräch sollte man lesen!)

http://jungle-world.com/artikel/2012/28/45865.html (Gespräch mit D. Graeber)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kapitalismus/eurokrise-und-vergib-uns-unsere-schulden-11527296.html (begeistert)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/david-graebers-kapitalismuskritik-sklaven-sind-wir-alle-11752380.html (kritisch)

http://www.ifkt.org/Graeber.pdf (fundamental kritisch)

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article106303265/Der-boese-Geist-des-Geldes.html (kritisch)

http://www.kritisch-lesen.de/rezension/die-politik-der-schulden (verständnisvoll, mit Links)

http://www.taz.de/!94485/ (kritisch)

http://www.socialnet.de/rezensionen/13486.php (Kontext der Diskussion, Inhalt, positive Würdigung)

http://www.n-tv.de/leute/buecher/David-Graeber-ruft-zum-Ablassjahr-auf-article6372011.html (positiv würdigend)

http://www.gegenblende.de/++co++a5ccf7aa-e6d0-11e1-a14d-52540066f352 (kritisch würdigend)

http://www.freitag.de/buch-der-woche/schulden.-die-ersten-5000-jahre-1 („der Freitag“ zum Buch)

http://stuetzle.cc/tag/david-graeber/ (fundamental kritisch)

http://www.institutional-investment.de/content/am-books/artikel//buchbesprechung-debt-the-first-5000-years-von-david-graeber.html (verhalten würdigend)

http://de.wikipedia.org/wiki/Schulden:_Die_ersten_5000_Jahre (mit Links zu englischen Rezensionen)

Wenn der evangelische Theologe Ingo Reuter das Buch uneingeschränkt empfiehlt (http://www.rkm-journal.de/archives/9143), ist vielleicht doch Skepsis geboten: Es könnte sich bei Graebers Buch um eine anthropologisch-wirtschaftswissenschaftlich verkleidete Predigt handeln (oder man kann es so lesen).

P.S. Inzwischen habe ich sieben Kapitel gelesen und bin gegen den Inhalt skeptischer geworden; ich möchte den Grund dafür an einigen Beispielen aus dem 7. Kapitel zeigen – dabei kann ich nicht immer entscheiden, was auf Schlamperei der Übersetzer (die gibt es offensichtlich!) und was auf Laschheit des Autors zurückgeht.

Proto-Sumerian dictionary (Anm. 1) ist sicher kein „Frühes sumerisches Lexikon“ (S. 173), sondern ein Lexikon des Altsumerischen oder des frühen Sumerisch. – Dieser Fehler geht sicher auf die Übersetzer zurück.

Die Definition von Ehre als überschüssiger Würde, die entsteht, wenn anderen ihre Macht und Würde genommen wird (S. 178 f.), ist problematisch und widerspricht der Einsicht, dass Ehre in der Wertschätzung der anderen besteht (S. 181).

Wenn griech. timé sowohl „Ehre“ wie „Preis“ bedeutet, ist nicht eine Krise für die Bedeutungsvariante verantwortlich zu machen (S. 185); das Gemeinsame beider Bedeutungen besteht darin, dass sie auf Schätzung oder Einschätzung beruhen.

Wenn der wilde Enkidu duch die Liebe einer Kurtisane, der Priesterin der Ischtar, zu einem „Menschen“ wird, besagt das keinesfalls die „Identität von Prostitution und Zivilisation“ (S. 190), sondern es besagt etwas über die zivilisierende Macht der Liebe; und dass mit Liebe ein „Erkennen“ verbunden ist, steht ja auch in der Bibel (Gen 4,1).

Die Geschichte von Nasreddin Hodscha auf S. 202 ist falsch erzählt und ihrer Pointe beraubt (ich beziehe mich auf die Ausgabe „Wer den Duft des Essens verkauft“, rororo 40046, S. 132): Erstens ist es der Hodscha, der dem geliehenen Topf die kleine Schüssel als Junges beigibt, und zweitens gibt er beim zweiten Leihen nichts zurück, da der Topf gestorben sei: „Du hast doch geglaubt, daß er Junge bekommen hat. Warum willst du jetzt nicht glauben, daß er gestorben ist?“ fragte der Hodscha. – Die Pointe liegt also nicht in der Beziehung von Junges/Zinsen, sondern in der Beziehung von Junge kriegen/sterben.

Die Interpretation des Dilemmas beim Begriff „Gerechtigkeit“ in Platons Politeia (S. 205 ff.) hat mit Graebers Argumentation nichts zu tun – es ist die klassische Situation des Philosophen, mit den Grundbegriffen nichts ins Reine zu kommen.

Dass Eigentum (dominium) etwas mit einer Beziehung zu einer Sache zu tun hat, versteht Graeber nicht (S. 208 f.), ich aber durchaus: Erstens muss man diese Beziehung nicht im Sinn menschlicher Beziehungen denken, zweitens muss man juristisch Eigentum vom Besitz unterscheiden (das weiß sogar ich als Nichtjurist), was mit besagter Beziehung geschieht. Was Graeber zu lat. dominium = Besitz (S. 209) schreibt, hat nichts mit dem Spezifischen des Besitzes, sondern mit dem Spezifischen des Rechts zu tun: Übereinkunft zwischen Menschen bezüglich Sachen zu sein.

Lat. Famulus heißt nicht „Sklave“, sondern „Diener“ (S. 211), ein primitiver Patzer. Und darüber die Beziehung zu Familie/Recht des pater familias zu knüpfen, ist abenteuerlich, ebenso die Konstruktion der absoluten politischen Macht als Wesensmerkmal des Haushalts (S. 213).

Was Graeber zu libertas schreibt (S. 214 ff.), leuchtet nicht ein, erst recht nicht die Pointe, dass wir als Freie unsere eigenen Sklaven seien; denn wenn wir sagen, dass wir uns selbst besitzen (S. 217 f.), besagt dass doch nur, dass uns niemand (kein anderer) besitzen kann – beim Selbstbewusstsein werden die komplizierten Reflexionsverhältnisse ähnlich oft verwirrend gedeutet. Wir verdoppeln auch nicht die grausamsten Aspekte des antiken Haushalts in unserem Selbstkonzept (S. 220); das ist genauso ein Humbug wie die letzte Schlussfolgerung, dass wir aufgrund des rechtlichen Rahmens angeblich unsere kostbarsten Rechte und Freiheiten nicht besitzen sollten (S. 221).

Fazit: Viele Nachlässigkeiten und Fehler, zudem werden „Entwicklungen“ recht großzügig unterstellt. So kann man keine moralische Revolte begründen. Anderseits wird ein elementarer Gedanke Graebers, dass die Einführung von Geld mit staatlichen Steuern zusammenhängt und Unfreiheit bedeutet, mit Einschränkungen etwa von David Van Reybrouck: Kongo. Eine Geschichte, 2012, S. 156-158 (oder in einem Erfahrungsbericht dort, S. 206), illustriert.

2. P.S. Am Beispiel von Hobbes (S. 342, 348 f.) möchte ich noch einmal zeigen, wie willkürlich Graeber argumentiert: Er verbindet ihn anekdotisch mit Kasimir von Brandenburg-Kulmbach, der um 1500 in Deutschland lebte (S. 340 f.) und den Hobbes sicher nicht kannte: „Angesichts solcher Geschehnisse kann es kaum überraschen, dass Denker wie Thomas Hobbes glaubten, der Grundzustand der menschlichen Gesellschaft sei der Krieg aller gegen alle…“ (S. 342). Erstens ist fraglich, ob Hobbes das glaubte (oder ob er eine Folie brauchte, um die Souveränität des Staates zu begründen), und zweitens erlebte Hobbes tatsächlich einen Bürgerkrieg in England (ab 1642), was Graeber mit keinem Wort erwähnt. – Je länger, desto flüchtiger habe ich das Buch gelesen, weil es mir zum Schluss wie eine Sammlung von Anekdoten vorkam, die durch das Gefühl zusammengehalten werden: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Aber wie es weitergehen soll, weiß David Graeber auch nicht.

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