Eichendorff: Frische Fahrt – Analyse

Laue Luft kommt blau geflossen …

Text (zugleich ein Überblick über mögliche Quellen für traditionelle Gedichte)

http://de.wikisource.org/wiki/Frische_Fahrt

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=104 = http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem&ds=264

http://www.hs-augsburg.de/~%20harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Eichendorff/eic_gc10.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Frische+Fahrt

Das Gedicht ist 1810 entstanden, als Rollengedicht im Roman „Ahnung und Gegenwart“ 1815 veröffentlicht worden und 1837 in einer Gedichtsammlung Eichendorffs als Einzelgedicht erschienen. Die methodische Frage lautet also: Müssen oder sollen wir es als Rollengedicht im Kontext des Romans verstehen oder als Einzelgedicht? Heute begegnet es uns durchweg als Einzelgedicht, den Roman kennt kaum jemand; ich halte es daher für legitim, es auch als solches zu verstehen, zumal da es ja wohl als Einzelgedicht entstanden ist.

Eichendorff, 1788 geboren, hatte 1805 begonnen, in Halle Jura und Geisteswissenschaften zu studieren. „Im April 1808 unternahm Eichendorff eine Bildungsreise, die ihn über Straßburg nach Paris führte. Am 13. Mai reiste er von Heidelberg über Würzburg und Nürnberg nach Regensburg und von dort mit dem Postschiff auf der Donau nach Wien. Im Sommer kehrte er nach Lubowitz zurück, um dem Vater bei der Verwaltung der Güter zur Seite zu stehen. Seine erste Veröffentlichung erschien unter dem Pseudonym ‚Florens’, es war der Abdruck einiger Gedichte in Asts ‚Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst’. Um diese Zeit begann er auch mit der Niederschrift der Märchennovelle Die Zauberei im Herbste. 1809 verlobte sich Eichendorff mit Luise von Larisch (1792–1855), der siebzehnjährigen Tochter des in Pogrzebień im Kreis Ratibor ansässigen Gutsbesitzers Johann von Larisch. Im November 1809 fuhr Eichendorff mit seinem Bruder nach Berlin, wo er Privat-Vorlesungen von Fichte hörte und mit Arnim, Brentano und Kleist zusammentraf. Im Sommer 1810 setzte er das Studium der Rechte in Wien fort und schloss es 1812 ab.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_von_Eichendorff ) So viel zur Lebenssituation des Dichters um 1810.

Es spricht ein lyrisches Ich (V. 9); es spricht sich selber Mut zu: „Fahre zu!“ (V. 15). Das lässt darauf schließen, dass es auch sich selber meint, wenn es feststellt, dass „dich dieses Stromes Gruß“ lockt (V. 8). Es erwähnt „euch“ (V. 10) als seine Zuhörer, ohne dass diese „ihr“ noch einmal genannt würden oder zu bestimmen wären – es mag sich um die nicht anwesenden Bekannten und Verwandten handeln, die pauschal angesprochen werden und vor denen es seinen Aufbruch rechtfertigt. Denn darum geht es: um eine Lockung durch einen Strom und tausend Stimmen (V. 8, V. 13); dieser (Ver)Lockung will das Ich nachgeben, das muss es rechtfertigen.

Zunächst beschreibt das Ich, was es als Verlockung wahrnimmt: Es sieht Luft „blau geflossen“ (V. 1, Synästhesie) kommen, es hört Hörnerklang (V. 3), sieht den Schein mutiger Augen (V. 4, Metonymie), nimmt das alles als buntes Wirrwarr wahr, das „ein magisch wilder Fluß“ ist (V. 6), welcher „in die schöne Welt hinunter“ (V. 7) zieht und lockt (V. 8). Unklar ist allenfalls die Richtungsangabe „hinunter“ (V. 7); sie setzt eine erhöhte Position des Ichs voraus – die Situation bleibt insgesamt unklar, wie so oft bei Eichendorff, der ja keine Erlebnislyrik schreibt.

Die laue Luft stelle ich mir als blauen Himmel mit Sonnenschein vor [das passt aber nicht zur Aurora in V. 14!], die vielleicht von einem Südwind herangeweht wird; wieso sie fließt, bleibt offen, vielleicht ist damit das Weiche milder Frühlingsluft bezeichnet. Vermutlich spielt hier aber auch die Assonanz lau/blau eine Rolle – und die ist bedeutsam, weil die einfache blaue Luft in der deutschen Dichtung längst ihren festen Platz hat, also nach einer sprachlichen Variation verlangt, während die lau fließende blaue Luft noch etwas blauer als blau ist. Ich nenne einige Beispiel für die traditionelle Wendung. Barthold Heinrich Brockes (1680-1747): Die, durch eine schöne Landschaft in der Luft, vermehrte Schönheit einer irdischen Landschaft: „Es gläntzt‘ und schien, bey aufgeklärtem Wetter, / Die Luft noch einst so blau, das Feld noch einst so grün, / Es gläntzten die getränckten Blätter, / Es funckelt‘ jedes feuchte Kraut, / Wenn sie der Sonnen Licht beschien, / Und sich in jedem Tropfen bildet:…“

Die Luft ist blau, das Tal ist grün,
die kleinen Maienglocken blüh’n,
und Schlüsselblumen drunter;
der Wiesengrund
ist schon so bunt
: und malt sich täglich bunter. :

So dichtete Ludwig Hölty (1748-1776); von Franz Schubert (1797-1828) vertont, wurde das Gedicht zum Volkslied. (Rosalie Koch schrieb später, 1848, den Text „Die Luft ist so blau“ auf eine Volksliedweise, in Anlehnung an Höltys „Frühlingslied“.)

Friedrich Gottlieb Klopstock: Die Lehrstunde: „Der Lenz, ist, Aëdi, gekommen; / Die Luft ist hell, der Himmel blau, die Blume duftet, / Mit lieblichem Wehen athmen die Weste, / Die Zeit des Gesangs ist, Aëdi, gekommen!“ (Oden, Band 2, Leipzig 1798)

Charlotte von Ahlefeld: Der Frühlingstag (1808): „Wenn über mir das reine Blau der Luft / Und rings um mich der Blüthenbäume Duft / Den Frühlingstag in mein Gedächtniss ruft, / Der unsre Herzen liebend einst verband…“

Ernst Schulze: Fürstenberg (in: Reise durch das Weserthal): „Die Luft ist blau und leichte Winde wehn, / Ein frischer Duft umsäuselt meine Wangen, / Fort zieht es mich mit brennendem Verlangen, / Auf neuer Bahn zum neuen Ziel zu gehn.“ (Sämmtliche poetische Schriften, Bd. 3, Leipzig 1819/20) Hier ist die blaue Luft sogar mit dem Motiv des Aufbrechens verbunden. Schulze unternahm seine Reise durch das Wesertal 1814; wann das Gedicht verfasst wurde und ob er dabei schon Eichendorffs Gedicht, 1815 veröffentlicht, kannte, kann ich mit meinen Mitteln nicht herausfinden. Adelungs Wörterbuch belehrt uns, dass es im Oberdeutschen sogar eine entsprechende Redewendung gibt: Blauen, in einigen Mundarten Bläuen, verb. reg. welches im gemeinen Leben in doppelter Gattung üblich ist. 1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, blau werden, in welcher Bedeutung man aber nur im Oberdeutschen zuweilen sagt: der Himmel blauet, wenn die Luft heiter wird. […] (Adelung, Bd. 1, 1793, S. 1055)

Laue Luft kommt also blau geflossen, das Ich jubelt zustimmend: „Frühling soll es sein!“ (V. 2) und wiederholt enthusiastisch „Frühling“. V. 3 ist elliptisch; ich denke, es sollte das Prädikat „kommt“ aus V. 1 ergänzt werden. Dass der Hörnerklang „geschossen“ (V. 3) kommt, bezeichnet seine Eindringlichkeit, hat aber nichts mit Schüssen einer Jagd zu tun. Vom Wald her kommt auch der lichte Schein der Augen (V. 4), vielleicht derer der Hornisten. Dass dies alles ein „Wirren“ (V. 5) ausmacht, klingt negativ; die Frage ist also, ob die magische Verlockung Verführung zu einem Fehltritt ist – dieser Frage werden wir uns zum Schluss zuwenden. Vermutlich muss man sich den Wald „oben“, den Sprecher in der Mitte und die Welt „unten“ vorstellen (wie in „Der Jäger Abschied“), damit der Fluss „in die schöne Welt hinunter“ (V. 7) fließen kann – bereits mit dem Bild des Flusses ist notwendig die Richtung „hinunter“ vorgegeben. Dieser Fluss stellt einen „Gruß“ dar (V. 8 – in Goethes Gedicht „Der Fischer“ schwillt das Herz des Verführten sehnsuchtsvoll wie bei der Liebsten Gruß an), spricht also das betrachtende Ich an und ruft es auf mitzukommen.

In der 2. Strophe erklingt die Antwort des Ich auf diese Einladung. Es ruft: „Und ich mag mich nicht bewahren!“ (V. 9) Was heißt „bewahren“? Ich ziehe das Wörterbuch von Adelung zu Rate: „1) An einem sichern Orte aufbehalten, verwahren.“ „2) Den Zustand einer Sache unverletzt erhalten.“ „3) Besonders, durch Beobachtung der Gefahr, für bewachen.“ „4) Ingleichen, durch Abhaltung dessen, was schädlich seyn kann.“ „5) Wie auch, durch Erfüllung seiner Verbindlichkeiten.“ Sich dem Fluss anzuvertrauen heißt also, sich einer Gefahr auszusetzen – dazu entscheidet sich das Ich bewusst; drei Gründe führt es dafür an: Ich mag mich nicht bewahren (V. 9); der Wind treibt mich (V. 10); ich will auf dem Strom fahren (V. 11) – das alles sind keine „Sachgründe“, es sind Umschreibungen der eigenen Motivation, da es „von dem Glanze selig blind“ (V. 12) ist, also im Gemüt mitgerissen wird. Der Glanz ist ein beinahe göttlicher Lichtschein, die Verheißung eines großen Glücks; er erscheint außerdem in der aufflammenden Morgenröte, Aurora (V. 14, die Morgenröte) – die morgendliche Frühe ist später für den Taugenichts (1826) die Zeit des Aufbruchs, der erste Sonnenstrahl lockt ihn hinaus – anderseits ist das Ich quasi „blind“, was negativ zu bewerten ist. Ebenso locken „tausend Stimmen“ (V. 13) – eine Übertreibung der Anzahl der Leute, die vom Wald her kommen, aber als Verlockung überwältigend viele sind. Noch einmal ermuntert das Ich sich: „Fahre zu!“ (V.  15) Und es wischt alle Bedenken weg: „ich mag nicht fragen …“ (V. 15 f.). Es weiß nicht, wo, wann und wie „die Fahrt zu Ende geht“ (V. 16); wer allen Bedenken Rechnung trägt, bricht niemals auf.

Ist der Aufbruch also ein Fehltritt? Das wird so nicht gesagt; der Aufbruch stellt ein Risiko dar, es ist ein Aufbruch ins Ungewisse. Das Ich ruft weder andere auf mitzukommen noch warnt es andere vor dem Aufbruch; es stellt nur dar, wie es selber die Aufbruchssituation erlebt, wie es Bedenken beiseite schiebt und dem lockenden Ruf der Ferne (denn die spricht im Stimmengewirr der Anwesenden, im Hörnerklang und im Glanz des bunten Treibens wie im Schein der Aurora) folgt. Alles andere, also auch Koopmanns Deutung ist aus der Figur der Gräfin Romana im Roman „Ahnung und Gegenwart“ herausgesponnen; das mag im Roman richtig sein, gilt aber nicht für das isolierte Gedicht. Die Überschrift „Frische Fahrt“ spricht gegen den Pessimismus in Koopmanns Deutung.

Der Sprecher spricht kunstvoll im Trochäus, vier Takte pro Vers, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, dazu im Kreuzreim. Durch die Verkürzung jedes zweiten Verses entsteht dort eine kleine Pause, die durch das mitgegebene Satzende zu einer großen wird. Manchmal wirken die (Reim)Wörter noch gesucht; so ist „geschossen“ (V. 3) vor allem durch „geflossen“ bedingt, und wieso die Augen mutig sind (V. 4), bleibt unklar, ebenso der Grund dafür, dass aus der lau fließenden Luft (V. 1) ein magisch wilder Fluss (V. 5) wird – halten wir fest, dass Eichendorff etwa 22 Jahre alt war, als er dieses Gedicht schrieb, und noch in den Anfängen steckte. Die Semantik der Reime stimmt aber durchweg, wie ich beispielhaft zeigen möchte: Da die Stimmen lockend schlagen / mag ich nicht lange fragen (V. 13/15); ein wilder Fluss / entbietet des Stromes Gruß (V. 6/8) usw.

Das Gedicht ist heute noch breit rezipiert, es wird häufig im Internet zitiert. Es ist ein fröhlich bewegtes Gedicht („Frische Fahrt“!), aus dem die jugendliche Kraft und Freude seines Autors spricht; ich denke, dass es von den Lesern als Zuspruch erfahren wird, selber aufzubrechen, auch wenn man nicht weiß, wo die Fahrt zu Ende geht.

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-frische-fahrt,textbearbeitung,144.html (hilflos-„kluges“ Gerede, methodisch unsauber)

http://de.wikipedia.org/wiki/Frische_Fahrt

http://www.litde.com/gedichte-aus-sieben-jahrhunderten-interpretationen/frische-fahrt-joseph-von-eichendorff.php (Interpretation im Rahmen des Romans „Ahnung und Gegenwart“: von Helmut Koopmann abgeschrieben!)

http://www.verlag20.de/unterrichtsmaterial/6806 (Stichworte)

http://www.philosophie-sgl.de/Faecher/deutsch/abitur13/Aufsatz2/Benn%20Eichendorff%20sba.htm (Gedichtvergleich mit Benn: Reisen – für uns irrelevant)

http://gedichte.xbib.de/_Fahrt_gedicht.htm (Fahrt-Gedichte, thematisch)

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Eichendorff.pdf (Bollnow: Das romantische Weltbild bei J. v. Eichendorff, dort u.a. S. 4 – insgesamt lehrreich)

http://de.wikipedia.org/wiki/Ahnung_und_Gegenwart („Ahnung und Gegenwart“)

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-ndl-1/medien/pdf/band1.pdf (zu „Aurora“, S. 2 ff.)

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-ndl-1/medien/pdf/band7.pdf („Aurora“, 1937, S. 30 ff. – zum Roman)

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-ndl-1/medien/pdf/band41.pdf (zur Integration der Gedichte in „Ahnung und Gegenwart“, spez. S. 17)

Vortrag

http://www.lutzgoerner.de/gdt/313/

One thought on “Eichendorff: Frische Fahrt – Analyse

  1. Vielen Dank für die kenntnisreiche Interpretation! Es ist aufschlussreich, das Gedicht einmal als Einzelgedicht interpretiert zu sehen, so überwiegen die fröhlichen Aspekte und der religiöse Bezuug tritt etwas in den Hintergrund.

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