Eichendorff: In der Fremde – Analyse

Ich hör’ die Bächlein rauschen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&print=1&spalten=&id=442

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/eichendorff_alle_gedichte.htm#g41

http://www.volksliederarchiv.de/text1930.html

Das Gedicht ist 1837 erstmals veröffentlicht worden; die Freiburger Anthologie nennt als ihre Quelle eine Ausgabe der Gedichte Eichendorffs 1811-1815. Lassen wir also offen, wann das Gedicht entstanden ist.

Die Überschrift weist als Verstehenshorizont „In der Fremde“ aus. In der Fremde ist der Mensch seiner Heimat entfremdet, das Leben kann nicht gelingen. Während die Ferne für den Romantiker die lockende Weite darstellt, ist die Fremde das, was man fern der Heimat findet, wenn man nicht zu sich selber kommt, wenn die Fahrt nicht gelingt. Es spricht ein lyrisches Ich, das offensichtlich schon älter ist.

Dieses Ich spricht monologisch, also vielleicht innerlich; es beschreibt, was es erlebt, es hört „die Bächlein rauschen“ (V. 1), und zwar „im Walde her und hin“ (V. 2). Die nähere Bestimmung „her und hin“ passt eher zu dem, was man sich hin und her bewegen sieht; da die Bächlein ihren festen Lauf haben und gleichmäßig fließen, ergibt die Bestimmung „her und hin“ keinen rechten Sinn. Auch dass Bächlein „rauschen“, überrascht mich; ich würde ihnen eher „plätschern“ zugestehen. Das Ich wiederholt sich in einigen Wendungen (rauschen, im Walde, V. 1-3; Anapher „ich“, V. 1 und 4); es nimmt also nicht viel wahr, es dreht sich um sich selbst: „Ich weiß nicht, wo ich bin.“ (V. 4) Aber es ist doch von einem Wohnsitz aus in den Wald gegangen? Es hat offensichtlich seine Orientierung verloren; daran ist wohl das Rauschen schuld, zumal da dieses „her und hin“ geht – das ist die Fremde.

Das Ich beschreibt seinen nächsten Eindruck: „Die Nachtigallen schlagen …“ (V. 5 f.). Der bestimmte Artikel „Die“ (V. 5, wie vorhin bei Bächlein, V. 1) zeigt an, dass die Nachtigallen schon eingeführt sind; das ist aber nicht der Fall, also können es nur alle Nachtigallen sein, die schlagen, wie vorhin eben alle Bächlein als rauschende zu hören waren. Die Nachtigall ist der in der Romantik bedeutsame Vogel schlechthin. Mit „Einsamkeit“ (V. 6) wird die soziale Isolierung des lyrischen Ichs „hier“, an seinem Ort in Raum und Zeit, umschrieben; das wird in den folgenden Versen ausgeführt.

Zunächst beschreibt das Ich, wie es den Gesang der Nachtigallen aufnimmt: „Als wollten sie was sagen / Von der alten, schönen Zeit.“ (V. 7 f.) Das ist ein irrealer Vergleich, worin das Verb „wollten“ wichtig ist; ich lese diesen wollten-Vergleich so, dass es den Nachtigallen nicht gelingt, von der schönen alten Zeit zu singen – sie wollen es, aber sie können es nicht – oder das Ich ist nicht imstande, das zu hören, was die Nachtigallen von der alten Zeit sagen wollen; das passte dann zu seiner Existenz in der Fremde. Die alte, schöne Zeit ist bei Eichendorff ein Topos, der im Kontrast zur gegenwärtigen Entfremdung steht und zeitlich völlig unbestimmt ist, also auch nicht als „die Zeit vor der Revolution 1789“ gelesen werden sollte.

Es folgen zwei Strophen, in denen das Ich beschreibt, was es sieht und wie es das aufnimmt: „Die Mondesschimmer fliegen …“ (V. 9 ff.). „Mondesschimmer“ ist als Plural völlig ungebräuchlich. Ich gebe die Bedeutung von „Der Schimmer“ verkürzt nach Adelung wider: „ein Wort, welches vermöge seiner Zusammensetzung eine doppelte Bedeutung hat und haben kann. 1. So fern es von dem veralteten Hauptwort Schiem, Schein, und der Ableitungssylbe –er, ein Subject, zusammen gesetzet ist, kann es in ein scheinendes Ding, und figürlich den Schiem, Glanz selbst bedeuten, und in diesem Verstande wird es auch wirklich oft, besonders in der dichterischen Schreibart, gebraucht […] 2. Am üblichsten ist es in der Bedeutung eines zitternden Lichtes, wo es wieder auf doppelte Art gebraucht wird. 1) Ein helles, zitterndes, oder funkelndes Licht, wo es unmittelbar von schimmern abstammet. Der Schimmer des Goldes, der Sterne. Ein majestätischer Schimmer durchfloß den ganzen Raum um ihn her. […] 2) Ein schwaches, zitterndes Licht, welches entstehet, wenn nur einige Theile der Oberfläche eines Körpers ein schwaches Licht zurück werfen, daher ein solches Licht eine zitternde Bewegung zu haben scheinet; und in diesem Verstande ist der Schimmer der schwächste Grad des Lichtes.“ Den Plural erkläre ich mir als Umschreibung von „Strahlen“; als Schimmer ist der Mondschein ein schwacher Glanz, als Licht-Glanz wird das strahlend Göttliche offenbar (vgl. den Heiligenschein). Der nun folgende irreale Vergleich „Als seh’ ich unter mir / Das Schloß im Tale liegen“ (V. 10 f.) gibt zwei Fragen auf: 1. Wie kann der Mond so scheinen, als ob ich etwas sähe? 2. Wieso ist da etwas „unter mir“? Das Schloss im Tal, das wäre ein Ort der Heimat, welches man von oben, vom Wald aus erblickt (vgl. diesen Aufsatz); da der Mondglanz aber nur Schimmer ist, gewährt er nicht den Blick, sondern nur den Eindruck, das Schloss beinahe zu sehen, „als seh’“ ich es. Der Sprecher korrigiert sogleich ein mögliches Missverständnis, bekundet damit auch seine Enttäuschung: „Und ist doch so weit von hier!“ Es ist sowohl zeitlich als räumlich weit von hier, es gehört in die alte schöne Zeit, in der der „Taugenichts“ lebte, wanderte und von Schloss zu Schloss fuhr. (Räumlich „weit von hier“ passt nicht ganz zur Orientierungslosigkeit des lyrischen Ichs, es sei denn, man verstände die Angabe ganz allgemein.) Dieser irreale Schloss-Eindruck wird nun ausgeschmückt, sodass man seine Bedeutung versteht: Es wäre das Schloss, in dem „Meine Liebste auf mich warten“ müsste (V. 15); dazu wird als locus amoenus der Rosengarten genannt: „Rosengarten war in jener Zeit ein vor dem Ort liegendes eingezäuntes Grundstück, wo geplaudert und gespielt, wo Recht gesprochen wurde, wo Versammlungen abgehalten wurden, wo Verfolgte Schutz und Frieden fanden. Im Mittelalter war Rosengarten auch die Bezeichnung für Turnierplätze, wo Ritter im Wettkampf ihre Kräfte zu messen pflegten. Ebenso wurde der Inbegriff aller Lust und Wonne einst mit Rosengarten umschrieben, wie auch Begräbnisstätten für Nichtkatholiken im österr. Schlesien.“ (http://www.freimaurerinnen.de/mediapool/62/621987/data/Ueber_die_Rose.pdf) Die Liebste könnte nur im Rosengarten warten, und „ich“ brauchte nur hinzugehen, um das vollendete Glück zu finden; doch sie ist „lange tot“ (V. 16), sie gehört mitsamt dem Rosengarten im Schloss der alten, schönen Zeit an. Eichendorff könnte das Gedicht also auch als junger Mann geschrieben haben; er muss hier nicht an eine bestimmte Geliebte gedacht haben, muss auch nicht Adeliger sein; er schmückt nur ein Bild „der alten, schönen Zeit“ (V. 8) mit passenden Attributen aus: Die rote Rose ist Zeichen der tiefen Liebe, die weiße Rose verweist auf das höchste Ziel menschlicher Vollendung. Mit dem Schluss bekräftigt das lyrische Ich seine Existenz in der Fremde: Die Liebste ist schon lange tot, das Ich in der Einsamkeit (V. 6), in der Fremde (Überschrift).

Die vier Strophen sind volksliedartig aufgebaut: Jambus, drei Takte, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz (siebenmal bei einem Satzende, einmal als Enjembement, V. 10), dazu ein Kreuzreim. Die Semantik der Reime ist durchweg sinnvoll: in dem Garten / auf mich warten (V. 13/15); unter mir / weit von hier (Kontrast, V. 10/12); Einsamkeit / alte, schöne Zeit (Kontrast, V. 6/8), usw. Dreimal (V. 8, 12, 15) gibt es eine Taktstörung durch eine überzählige Silbe im ersten Takt; in V. 6 wird „Hier“ außerhalb des Taktes betont, wird der Ort des Ich neben dem zweimal vorangestellten „Ich“ (V. 1, 4) herausgestellt.

Das Gedicht ist eine Klage; das lyrische Ich beklagt seine Existenz „in der Fremde“, ohne die Gründe der Entfremdung zu analysieren – das vielfältige Rauschen ist ja nur ein Symptom, welches seine Verwirrung anzeigt. Es gehört in eine konservative Dichtung – im Sturm und Drang war man, was die Erkenntnis von Ursachen der Entfremdung angeht, schon weiter, und im Vormärz lassen die Dichter erneut die romantischen Klischees hinter sich. Es wäre zu prüfen, warum die Dichtungen der Romantik in Deutschland so intensiv gelesen, gelehrt und geliebt wurden.

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/587/956.doc (weithin dummes Gerede, der Text ist nicht konsequent analysiert)

http://www.wgg-neumarkt.de/texte/deutsch/idpt.php (mit Gliederung, schülerhaft unbeholfen)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-in-der-fremde,textbearbeitung,103.html (richtige Beobachtungen, allzu forsch gedeutet)

(Es gibt ein weiteres Gedicht Eichendorffs mit der Überschrift „In der Fremde“: „Aus der Heimat hinter den Blitzen rot …“)

2 thoughts on “Eichendorff: In der Fremde – Analyse

  1. Pingback: Eichendorff: Schöne Fremde – Analyse « norberto42

  2. Pingback: Eichendorff: In der Fremde – Analyse | norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s