Eichendorff: Zwielicht – Analyse

Dämmrung will die Flügel spreiten …

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Zwielicht

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=127

http://www.textlog.de/22468.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+%28Ausgabe+1841%29/1.+Wanderlieder/Zwielicht

Das Gedicht ist 1811 entstanden und erstmals 1815 im Roman „Ahnung und Gegenwart“ veröffentlicht worden. Dort hört es Friedrich nach einer Jagd, als der Abend heranrückt; eine unbekannte Stimme singt, und es kommt Friedrich so vor, „als sei er selber mit dem Liede gemeint“, und zwar im Zusammenhang mit der von ihm geliebten Rosa, die er nicht gewinnen kann bzw. verliert.

Das Wort „Zwielicht“ (Überschrift) ist erst im späten 18, Jahrhundert aus dem Niederdeutschen in die hochdeutsche Schriftsprache übernommen worden; in Adelungs Wörterbuch fehlt es noch. Zwielicht ist 1) das schwache tageslicht an der scheide zwischen tag und nacht; 2) später erweitert auf schwache, unbestimmte, dämmerige beleuchtung überhaupt; 3) bildlich für ‚unbestimmtheit, unklarheit‘, besonders im bereich seelischen erlebens oder geistiger verhältnisse; 4) literarisch nicht zu belegen ist die in der jüngeren umgangssprache allgemein verbreitete, wenn nicht vorherrschende bedeutung von zwielicht als ‚doppellicht‘, d. i. zweifaches, gemischtes licht, wenn tageslicht mit einer künstlichen lichtquelle sich vermengt als ein für die augen besonders angreifender und schädlicher zustand. (Deutsches Wörterbuch: DWB) Für Eichendorffs Gedicht kommt zunächt die Bedeutung 1), die mühelos 2) und 3) einschließt, in Betracht. Ausdrücklich wird als Tageszeit die sich ausbreitende Dämmerung genannt (V. 1); die Überschrift signalisiert dem Leser den Beginn einer neuen Epoche, in der man sein Augenmerk nicht nur auf das Licht der Aufklärung, sondern eben auch auf die Dämmerung als Übergang zur Nacht richtet. Es folgen zwei Eindrücke des wahrnehmenden Subjekts: Dass die Bäume sich „schaurig“ rühren (V 2), ist keine Qualität der Bäume, sondern ihr Eindruck auf den erlebenden Beobachter; das Gleiche gilt für die Wolkenbewegung, „Wolken ziehn wie schwere Träume“ (V. 3), beunruhigen oder bedrücken also den erlebenden Beobachter. Er tritt nicht als personal benanntes Ich hervor, sondern zunächst nur in seinem Erleben (V. 2 f.) und in der Frage: „Was will dieses Graun bedeuten?“ Das Verb „grauen“ bedeutet „schaudern, erschrecken, sich entsetzen“ (DWB); davonabgeleitet ist das Nomen „Grauen“. Dem zugrunde liegenden Verb entsprechend bezeichnet Grauen „überwiegend die empfindungen des abscheus und der furcht, die ein äuszeres oder (und) inneres erschaudern begleitet (A). die beziehung des wortes auf den gegenstand des grauens (B) ist demgegenüber erheblich seltener.“ (DWB) Dann ist die Frage, was Abscheu und Furcht bedeuten sollen, zunächst unverständlich: Sie bedeuten nichts, sie werden einfach erlebt und erlitten; sie veranlassen einen normalen Menschen dazu, sich abzuwenden, sich von dem grauenvollen Geschehen zurückzuziehen. „bedeuten“, hier im neutralen Sinn, heißt: „1) Ein Zeichen einer künftigen Begebenheit seyn. […]  2) Ein Zeichen eines Begriffes seyn. […] 3) Ein Zeichen einer wichtigen oder bedenklichen Sache seyn. […] 4) Wichtig seyn, etwas Wichtiges vorstellen, viel auf sich haben.“ (Adelung) Dann müsste die Frage in V. 4 etwa besagen: ‚Was hat es zu bedeuten, dass ich die Dämmerung heute (anders als sonst) so grauenvoll erlebe?’ Denn wenn die Dämmerung immer schaurig ist, hat das nichts zu bedeuten – es ist einfach eine Erlebnisqualität; nur etwas Außergewöhnliches kann etwas bedeuten.

In den folgenden Strophen wird erklärt, was das Grauen zu bedeuten hat; es scheint so, als hätte der Sprecher sich schnell von seinem Grauen erholt – er wendet sich mit Ratschlägen an ein „du“, welches wahrscheinlich das dem „ich“ gleichwertige Pronomen ist: Er zieht dabei für sich selber die Folgerungen aus dem Erlebnis des Grauens (nicht aber aus konkreten Erfahrungen, von denen ist jedenfalls nicht die Rede – oder knüpft der Sprecher an allbekannte Erfahrungen an? Aber dann brauchte er nicht das Erlebnis des Zwielichts!), setzt es in Maßregeln des Verhaltens um.

In der 2. Strophe wird die erste Maßregel entfaltet: „Hast ein Reh du, [das dir] lieb vor andern [Rehen ist]“ (V. 5), dann gibt darauf acht! Im Bild vom grasenden Reh (vgl. http://www.symbolonline.de/index.php?title=Reh) wird die Liebste vorgestellt, deren „Besitz“ gefährdet ist; denn die Hörner der Jäger (V. 7) oder unbestimmte verlockende „Stimmen“ (V. 8) könnten das Reh zu sich rufen und damit zur Flucht, zur Untreue verführen.

Die zweite Maßregel steht in der 3. Strophe: „Hast du einen Freund hinieden, / Trau ihm nicht zu dieser Stunde“ (V. 9 f.). Zwei Bestimmungen fallen hier auf, „hinieden“ und „zu dieser Stunde“. „Hinieden“ heißt „hier auf Erden“ – das ist in der religiösen Sprache der Ort „im Diesseits, auf der vergänglichen Welt“, ein Ort der Vorläufigkeit, des Leidens und Irrens. Die zweite Bestimmung „zu dieser Stunde“ schränkt das Gebot des Misstrauens auf die Stunde der Dämmerung ein; in der Dämmerung sinnen selbst Freunde auf Krieg (V. 11 f.). Die gleiche Bestimmung steckt implizit im Grasen des Rehs: Rehe sind dämmerungsaktive Tiere, in der Dämmerung muss man auf sie achtgeben. Es ist, als ob das Zwielicht der Dämmerung nicht nur die Sicht auf Reh und Freund veränderte, sondern auch deren Wesen – und sie selbst für die Zeit der Dämmerung in ein Zwielicht stellte.

In der letzten Strophe werden die Einsichten, dass Reh und Freund in der Dämmerung im Zwielicht stehen, verallgemeinert. Die beiden ersten Verse stellen ein allgemeines Wissen dar, zunächst wohl auf die Sonne, vielleicht auch auf die Menschen übertragen bezogen: „Was heut müde gehet unter, / Hebt sich morgen neugeboren“ (V. 13 f.). Daran schließt der Sprecher einen das Zwielicht beachtenden Zusatz an, welcher den vorhergehenden Vers einschränkt: „Manches bleibt in Nacht verloren“ (V. 15); es erhebt sich also nicht alles wieder nach der Nacht, manches ist im Zwielicht abhanden gekommen, müsste man im Hinblick auf die ersten drei Strophen ergänzen. Daraus resultiert der Ratschlag (im Imperativ, wie zuvor in Strophe 2 und 3), vermutlich an sich selbst gerichtet, da kein Gesprächspartner erkennbar ist: „Hüte dich, bleib wach und munter!“ „Hüte dich“ wird im zweiten Imperativ interpretiert; man soll sich vor Verlusten im Zwielicht der Dämmerung hüten, wo auch immer sie drohen.

Die vier Strophen bestehen aus vier Versen mit vierhebigen Trochäen, die von einem umarmenden Reim zusammengehalten werden. Die Reime verbinden die Verse meistens sinnvoll (z.B. neugeboren / in Nacht verloren, ein Kontrast in V. 14 f.; schaurig die Bäume / schwere Träume, Entsprechung in V. 2 f.), aber nicht immer (z.B. V. 5/8 oder V. 13/16, die sind einfach zu weit voneinander entfernt, gehören zu ganz anderen Sätzen). Jeder Vers ist ein vollständiger Satz (auch der verkürzte Konzessivsatz in V. 11); dadurch wird das Sprechen ruhig, nur die Nebensätze drängen ein wenig auf ihre Fortsetzung im Hauptsatz (V. 5/6; V. 9/10; V. 11/12; V. 13/14), während die beiden Gedankenstriche (V 3, V. 15) eine größere Pause signalisieren. Ob man in V. 1 von einer Personifikation („will“) sprechen soll, ist zweifelhaft; ich lese hier „will“ als „schickt sich an, beginnt“, womit nur ein Vorgang bezeichnet wird, nicht jedoch eine Willensäußerung der Dämmerung – oder liest jemand den ersten  Vers so, dass er sich die Dämmerung als eine Riesenfledermaus vorstellt, die sich anschickt, ihren räuberischen Flug zu beginnen? Dass die blasenden Jäger eine Gefahr darstellen, weicht vom Jäger-Topos bei Eichendorff ab, vgl. z.B. „Frische Fahrt“!

Das Gedicht ist nicht nur musikalisch, sondern auch im Internet breit rezipiert. Der Übergang von Strophe 1) zu Strophe 2) stellt die Schwachstelle des Gedichts dar; sie ist oben bereits erklärt worden, ich möchte diese Erklärung jetzt noch vertiefen: Die Dämmerung, in der die Welt stehen kann, wird also vom Dichter bewusst gemacht, aber doch nur mit großen Einschränkungen: 1. Sie wird als bloße Übergangszeit erlebt und bedacht, nicht als wahrer Zustand menschlicher Verhältnisse. 2. Sie wird nur als Zeit erlebt, in der andere gefährdet sind – das Reh kann abhanden kommen, der Freund in einem tückischen Frieden auf Krieg sinnen. Die vertiefte Erkenntnis würde herausfinden, dass auch ich selber das Reh aufgeben oder nach anderen Rehen schauen kann, dass ich selber den Freund betrügerisch ausnutzen kann. 3. Dementsprechend bleibt der Ratschlag oberflächlich: „Hüte dich, bleib wach und munter!“ (V. 16) Das Ich soll den Gefahren der Dämmerung durch sein Wissen und seine Aufmerksamkeit entgehen; die Dämmerung ist nur Umschreibung dessen, was auch die Menschen vorher unter dem Stichwort der Schwäche oder Verführbarkeit bereits kannten und mit ihren klaren Geboten bannen wollten. Es ist noch nicht verstanden, dass jede Ordnung eine „Ordnung im Zwielicht“ (Bernhard Waldenfels) ist. Obwohl der Titel „Zwielicht“ ein junges Wort ist, bleibt es bei den alten Erkenntnissen; die Erfahrung des Grauens in der Dämmerung wird nicht lange genug ausgehalten, wird in diesem Gedicht vorschnell durch einen aufgeklärten Ratschlag bewältigt.

Vor knapp dreißig Jahren habe ich das Gedicht einmal einer Kl. 8 zu interpretieren aufgegeben – da habe ich die armen Schüler aus heutiger Sicht mächtig überfordert. Ich erinnere mich jedoch, dass „Heidi“ (Tanja H.) damals einen großartigen Aufsatz geschrieben hat; ich grüße sie an dieser Stelle, sollte sie meinen Text jemals lesen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Zwielicht_%28Eichendorff%29

http://edoc.hu-berlin.de/hostings/athenaeum/documents/athenaeum/1995-5/mayer-paola-169/PDF/mayer.pdf (Paola Mayer: Die unheimliche Landschaft, darin: Das Unheimliche neu definiert, S. 178 ff.; Eichendorffs Nachtgedichte, S. 180 ff.; dabei „Zwielicht“, S. 187 ff.)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-zwielicht,textbearbeitung,38.html (schülerhaft)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-zwielicht,textbearbeitung,273.html (dito)

http://tischmanieren.wordpress.com/2009/08/29/joseph-von-eichendorff-1788-1857-zwielicht-gedichtinterpretation/

http://www.anthologie.de/002.htm

http://K12_D_%DCbungsaufsatz_Eichendorff_Zwielicht_.doc (dito)

http://956.doc

http://hausaufgabenweb.de/deutsch/interpretation/vergleich-zwielicht-daemmerung/ (Gedichtvergleich mit Lichtenstein: Die Dämmerung)

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/romantik/eichend_2.htm

https://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/germanistik/literaturwissenschaft/mayer/downloads/Gr__nwald_Schumann.pdf (über die Vertonung durch Schumann, S. 13 ff.)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=fiSxP2B5zVQ (Mathias Wiemann)

http://www.youtube.com/watch?v=ThIyk__FINA

http://www.youtube.com/watch?v=zPyQXfX9hFw (Vertonung)

http://www.youtube.com/watch?v=ER6YhhxpWU0 (Vertonung: Schumann)

http://www.youtube.com/watch?v=AuKJPDL2Cf8 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=ID6Mlf1lHAQ (Fischer-Dieskau) u.a. mehr

Sonstiges

http://www.transcript-verlag.de/ts760/ts760_1.pdf (An der Grenze, analog dem Zwielicht)

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