Eichendorff: Frühlingsfahrt – Analyse

Es zogen zwei rüst’ge Gesellen

Text

 

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=105

http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/dfg/content/pageview/1231909

Das Gedicht ist wohl 1814 entstanden, wurde 1818 im „Frauentaschenbuch“ unter der Überschrift „Frühlingsfahrt“ veröffentlicht, erschien dann 1837 unter dem Titel „Die zwei Gesellen“, untem dem man es heute meistens findet.

Methodisch muss klar sein (und durchgehalten werden), dass ein Ich-Erzähler (V. 27 ff.) in fünf Strophen die (Lebens)Geschichte zweier Gesellen erzählt (im Präteritum), die beide, allerdings auf verschiedene Weise, im Streben nach hohen Dingen (V. 6, dazu V. 8) scheitern. In der sechsten Strophe setzt er sich zu solchen Gesellen, an deren Schicksal er Anteil nimmt (V. 28 f.), in Beziehung (im Präsens): Er befindet sich derzeit in der gleichen Frühlingssituation wie die Gesellen zu Beginn ihrer Reise (V. 3-5, V. 26 f.); er berichtet (im Präsens), wie er auf den Anblick solch „kecker“ Gesellen zu reagieren pflegt – er weint. Das könnten Tränen der Freude über so viel Lebenskraft sein, aber auch Tränen des Mitgefühls mit den von Gefahren Bedrohten (ich neige zum zweiten Verständnis). Zum Schluss bittet er Gott (im Imperativ) um seinen gnädigen Beistand für „uns“, also für alle, die sich auf die Lebensreise begeben haben und vielfach vom Untergang bedroht sind, wie das Schicksal der beiden Gesellen zeigt. In dieses Pronomen „uns“ soll sich vermutlich der Leser einschließen.

Klären wir zunächst einige für Schüler vielleicht unbekannte Wörter:

rüstig (V. 1): „Gesunde Kräfte habend, und solches durch Stärke und Hurtigkeit an den Tag legend, und in dieser Beschaffenheit gegründet.“ (Adelung, 1811)

Gesell (V. 1): „Eigentlich, eine Person, welche mit einer andern einerley Reise verrichtet; eine veraltete Bedeutung, wofür Gefährte üblicher ist. (…) In weiterer Bedeutung, der mit einem andern gleiches Standes und gleicher Würde ist, ein Genoß; eine ehedem sehr übliche, jetzt aber gleichfalls veraltete Bedeutung. (…) Der mit einem andern in Verbindung stehet, und in noch weiterer Bedeutung, der einige Umstände mit ihm gemein hat, in Ansehung dieser Umstände; ein Compagnon.(Adelung, 1811)

Schwieger (V. 12): Schwiegermutter

behaglich (V. 15): „Behagen äußernd oder verrathend.“ (Adelung, 1811); behagen: „eine anhaltend angenehme Empfindung erwwecken, bei welcher man sich froh und befriediget fühlt“ (Campe, 1807) → das Behagen (das Nomen nicht eigens erklärt!)

Sirene (V. 18): „Name märchenhafter, auf einer Insel lebender Mädchen mit Vogelleib, die (z. B. in Homers Odyssee) vorbeifahrende Seeleute durch ihren betörend schönen Gesang anlocken, ihnen das Blut aussaugen und sie dadurch töten(DWDS)

buhlen (V. 19): „sich um die Liebe einer Person bewerben, ingleichen lieben, verliebten Umgang pflegen; ein im gemeinen Gebrauche eben so veraltetes Wort, wie das vorige [Buhle, N.T.]. Es wurde ehedem gebraucht, 1) im guten Verstande, sich um die Liebe einer Person bewerben. (…) 2) Im nachtheiligen Verstande, so wohl sich aus unerlaubten Absichten um die Gunst einer Person bewerben, um eine Person buhlen, als auch einen unerlaubten Umgang mit ihr pflegen, mit ihr buhlen. In beyden Fällen kommt es im Hochdeutschen, wenigstens in der Sprache des Umganges und des gemeinen Lebens, nicht mehr vor.“ (Adelung, 1811)

Schlund (V. 20): „1. Der Anfang der Speiseröhre hinten im Munde, welcher die Speise und das Getränk aufnimmt und zum Magen schicket. (…) 2. Figürlich [d.h. metaphorisch, N.T.], 1) Der Anfang der Öffnung einer Höhle, eines Abgrundes, ja einer weiten Röhre, oder vielmehr die Gränze zwischen der Mündung und dem Abgrunde der Röhre u. s. f. (…) 2) Eine tiefe Stelle in einem Flusse, in dem Meere, welche die sich nähernden Körper verschlinget, in welchem Verstande die Wirbel, oder Strudel, oder ähnliche gefährliche Tiefen in dem Meere und in den Strömen, Schlünde genannt werden.“ (Adelung, 1811)

keck (V. 28): eigentlich „lebendig“; frisch, unverdorben; lebhaft; hurtig, geschwind; munter, wohl aufgeräumt; ohne Bedenken, ohne einen Zweifel zu haben (nach Adelung, 1811)

Es gibt im Netz eine Reihe Analysen des Gedichts, die viele Beobachtungen zur sprachlichen Form und mehr oder weniger gut begründete Erklärungen des Inhalts bieten:

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_zwei_Gesellen (umfangreich, z.T. paraphrasierend)

http://www.jochen-niclaus.de/Tutor/D_LK/Aufgabe3.pdf (im Landesabitur Hessen 2007, mit Lösungserwartung, ohne Belege)

https://www.lyrikmond.de/gedicht-241.php (eigenständig!)

https://herrlarbig.de/2015/06/05/gedichtinterpretation-joseph-von-eichendorff-die-zwei-gesellen-1818/

http://wikis.zum.de/dsb/Deutsch/Erschlie%C3%9Fung_poetischer_Texte_am_Beispiel_von_Eichendorffs_Gedicht_%22Die_zwei_Gesellen%22/Die_Ausformulierung (mit Mustergliederung, Stichworte der Lösungserwartung)

Vortrag des breit rezipierten Gedichts

https://www.lyrik-klinge.de/lyrik-fuer-alle-45/ (Lutz Görner, etwa ab 2:35)

http://www.youtube.com/watch?v=s4FijRsAnJQ (Chr. von Weitzel singt Schumann)

https://www.youtube.com/watch?v=QFx98rdccKA (dito: Heinrich Schlusnus)

http://www.youtube.com/watch?v=McEoXv3YHDw (dito: Helmut Grundmann)

http://www.classic-arietta.de/werke/robert_schumann_fruehlingsfahrt.html (nur die Musik Schumanns, eindrucksvoll)

http://www.youtube.com/watch?v=Y3Efi8XnHUg (Vali Destradis, modern)

http://www.youtube.com/watch?v=KY2QV4QfCeM (ähnlich)

Sonstiges

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/schriften/detail/das_romantische_weltbild_bei_j__v__eichendorff-356.html (Bollnow: Das romantische Weltbild bei J. v. Eichendorff)

https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/6290/285.pdf?sequence=1 (Die unheimliche Landschaft bei Eichendorff)

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