Eichendorff: Mittagsruh – Analyse

Über Bergen, Fluß und Talen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=112

http://www.textlog.de/22484.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Mittagsruh

http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/dfg/content/pageview/1748643 (Text in Fraktur, mit Abbildung) = http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gedichte-der-romantiker-in-randzeichnungen.html

Das Gedicht „Mittagsruh“ ist vermutlich etwa 1812 entstanden, aber erst 1837 veröffentlicht worden. Wenn man sich zunächst die grammatische Struktur klarzumachen versucht, ergibt sich folgendes Bild:

„Über Bergen, Fluß und Talen,

[über] Stiller Lust und tiefen Qualen

Webet [es] heimlich, schillert [es], [leuchten] Strahlen!

[Wenn man] Sinnend [liegt,] ruht des Tags Gewühle

In der dunkelblauen Schwüle,

Und die ewigen Gefühle,

Was dir selber unbewußt [ist],

Treten heimlich, groß und leise

Aus der Wirrung fester Gleise,

[d.h.] Aus der unbewachten Brust,

In die stillen, weiten Kreise.“

Das ist ein ungewöhnliches Gedicht, welches andeutungsweise eine „fremde“ Erfahrung umschreibt: dass da etwas „webet“ (V. 3) Was heißt „weben“? Im Wörterbuch von Adelung finden wir als erste Bedeutung: „Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, sich bewegen, besonders sich langsam bewegen; eine längst veraltete Bedeutung, welche noch in der Deutschen Bibel vorkommt. In ihm leben, weben und sind wir. Man gebraucht es nur noch zuweilen im gemeinen Leben, aber immer in Verbindung mit dem Verbo leben: alles lebt und webt an ihm, ist an ihm in Bewegung. Einige neuere Schriftsteller haben dieses veraltete Wort wieder in die witzige Schreibart einzuführen gesucht.

Es webet, wallt und spielet Das Laub um jeden Strauch, Hagedorn

Der junge Baum webt und schauert, und fühlet die Glieder im Morgenodem der erweckten Schöpfung, Herder“. Da bewegt sich etwas, da schillert etwas, da leuchtet etwas („Strahlen“, V. 3) Wo bewegt sich etwas? Über Berg und Tal bewegt sich etwas (V. 1), also in der Natur, aber auch über den Menschen mit ihren tiefen Gefühlen (V. 2). Die Aufzählung in V. 2 muss auch von „über“ abhängen, da sie im Dativ steht; Lust und Qualen werden als „Ortsangaben“ neben Berg und Tal gestellt (Zeugma). Dieses fremde Geschehen hat ein wenig den Schein des Göttlich-Erhabenen, ist ein Schein dieses Erhabenen (V. 3).

Was sich da zeigt, wird in den folgenden Versen umschrieben; zunächst wird die Bedingung angegeben, dass des Tages Gewühle wie sonst am Abend zur Ruhe kommt. Die Schwüle finden wir auch, als der Taugenichts vom Reisewagen mit nach W. genommen wird und es gegen Mittag „so leer und schwül und still“ wird, dass er einschläft (RUB 2354, S. 7, Z. 14 ff.). Das Attribut „dunkelblau“ verbindet die Mittags- mit der Abendstunde („Blaue Stunde ist heute vor allem ein poetischer Begriff für die Zeit der Dämmerung zwischen Sonnenuntergang und nächtlicher Dunkelheit sowie für die Zeit kurz vor Sonnenaufgang.“ Wikipedia) Zu dieser Stunde treten die ewigen Gefühle unmerklich aus der nunmehr in der Ruhezeit unbewachten Brust „in die stillen, weiten Kreise“ (V. 11), also ins Freie, sodass sie wahrgenommen werden können. Zuvor waren sie eingekerkert, in „der Wirrung fester Gleise“ des Lebens mit seinem Gewühle (V. 9). Was die ewigen Gefühle sind, wird nicht erläutert – es sind die Liebe, die unendliche Sehnsucht.

Wir finden bei Goethe zwei Parallelen, die Eichendorffs Gedicht erhellen können. Die erste finden wir im Gedicht „Nachtgesang“ (1804 entstanden, 1815 veröffentlicht, also erst nach der Entstehung von Eichendorffs Gedicht, die dritte Strophe):

„Die ewigen Gefühle

Heben mich, hoch und hehr,

Aus irdischem Gewühle;

Schlafe! was willst du mehr?“

Eine sachliche Parallele hat Eichendorff vermutlich selber in der 1789 veröffentlichten (zweiten) Fassung von „An den Mond“ gefunden, dort die beiden letzten Strophen:

Selig, wer sich vor der Welt


Ohne Haß verschließt,


Einen Freund am Busen hält


Und mit dem genießt,

 

Was, von Menschen nicht gewußt


Oder nicht bedacht,


Durch das Labyrinth der Brust


Wandelt in der Nacht.“

Bei Goethe bleiben die tief unbewussten Gefühle in der Brust eingeschlossen und werden still mit dem Freund genossen; bei Eichendorff zeigen sie sich, wenn die „Wirrung“ des normalen Lebens in der Ruhe aufhört und sich die Brust des Menschen weitet oder öffnet. In Eichendorffs Gedicht „[Der] Abend“ (1826 veröffentlicht) heißt es ähnlich von der Erde, dass sie in der Ruhe des Abends dem Menschen kaum Bewusstes „rauscht“, nämlich

„alte Zeiten, linde Trauer,

und es schweifen leise Schauer

wetterleuchtend durch die Brust.“

Was bei Goethe Erlebnis der tiefen Freundschaft ist, zeigt sich bei Eichendorff dem Einzelnen, wenn er zur Ruhe kommt, in Form einer Ahnung.

Die Form des Gedichtes ist recht ungewöhnlich. Ein wissender Sprecher beschreibt eine eher unbewusste, andeutungsweise gegebene Erfahrung in 11 Versen (Takt: Trochäus). Dabei sind jeweils drei Verse mit dem gleichen Reim miteinander verbunden, was ein gleichmäßiges, ruhiges (und dem Thema angemessenes) Sprechen bedingt. Als Vers 7 und 10 sind darin zwei Verse eingeschoben, die sich reimen (unbewußt/Brust) und um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), was eine kleine Pause hervorruft. Die sich reimenden 3er-Verse sind semantische Einheiten (die Strahlen, die Gefühle, die weiten Kreise). Die Verse 7 und 10 wirken wie kommentierende Einschübe an ihrer Stelle und gehören nicht zusammen.

Das Gedicht ist äußerst melodiös, vermutlich wegen seiner (grammatischen und semantischen) Schwierigkeit jedoch kaum rezipiert, wenn man den Antworten der Suchmaschine glauben darf.

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Mittag.pdf (Bollnow: Der Mittag, dort S. 3 ff.)

Reimschemata: http://www.pathos.name/referenzen/kurs10/Reimschemata.pdf

Vgl. auch Fontane: Mittag

Storm: Abseits

One thought on “Eichendorff: Mittagsruh – Analyse

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