Eichendorff: Der Abend – Analyse

Schweigt der Menschen laute Lust …

Text

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Der+Abend

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=88 (dort nur „Abend“)

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350450_0213_Eichendorff_Abend.pdf

Eichendorff: Rosamunde (http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.eb&&ds=266&id=310&add=&start=0 )

Wenn ich versuche, die eigentümliche Wirkung des Gedichts „Der Abend“ (entstanden vielleicht 1817, veröffentlicht im „Taugenichts“ 1826) zu verstehen, berücksichtige ich zuerst die Form, weil diese die Hauptquelle der Eigentümlichkeit ist. An der Form lassen sich mehrere Aspekte unterscheiden, welche insgesamt den eigentümlichen „Klang“ des Gedichts ausmachen:

1. Es ist ein Ein-Satz-Gedicht, ist also bis Vers 5 einschließlich in einem Atemzug zu sprechen; mit „Und“ (V. 6) wird dann ein neuer Hauptsatz eingeleitet, der aber nur durch ein Komma von seinem Vorgänger getrennt ist. Ähnliches ist bei den Gedichten „Glückliche Fahrt“ von Goethe und v.a. „September-Morgen“ von Möricke festzustellen.

2. Die derart hergestellte Einheit wird durch die syntaktische Verbindung der einzelnen Elemente unterstrichen; deren Verbindungen sind nämlich kaum ausformuliert, sodass die einzelnen Phrasen eher assoziativ aufgereiht als syntaktisch klar verknüpft sind. So fehlt die eindeutige Auszeichnung von V. 1 als Konditionalsatz (Doppelpunkt am Ende!); V. 4 ist syntaktisch frei; V. 5 ist vermutlich als Objekt zu „rauscht“ zu lesen; „Wunderbar mit allen Bäumen“ (V. 3) ist vielleicht auf „rauscht“, vielleicht auf „wie in Träumen“ bezogen. Ähnliches finden wir auch bei Gottfried Benn, etwa in seinem Gedicht „Astern“.

3. Der Schweifreim „laute Lust“ (V. 1), „kaum bewußt“ (V. 4) und „durch die Brust“ (V. 7) hält das Gedicht zusammen, indem er nicht nur den Rahmen (V. 1, 7) bildet, sondern auch in der Mitte (V. 4) noch einmal auftaucht. Durch die männliche Kadenz wird im Sprechen ein kleiner Halt eingelegt (während V. 2 f. und V. 5 f. durchgesprochen werden), was den Reim auch als Klammer bewusst macht. In seiner verbindenden Wirkung gerade auf diese 7 Verse gleicht der Schweifreim dem, was sonst Terzinen leisten. Der Trochäus garantiert ein gleichmäßiges Sprechen.

4. Zum Klang finden wir Folgendes (Fachdidaktik Einecke):

a) Vokalklang: Wiederholung von „ei“, „au“, „äu“, „u“; volle, weiche, sich gegenseitig stützende Klänge;

b) Alliteration: viele weiche Klänge w, b, l – im Kontrast zu wenigen sch und t.

Auf der Ebene der Bedeutung (Semantik) finden wir die Entsprechungen Menschen/Erde, laut/leise sowie außen/innen. Dabei finden folgende Übergänge statt: laut -> leise, mit Menschen -> Erde (mit Bäumen) (V. 1-3); außen -> innen (V. 2 f./6 f.); viele Menschen -> der Einzelne (V. 1/7). Die Verben „rauschen“ und „schweifen“ sind dem Leisen und dem Inneren zugeordnet. Dass dies Übergänge in der einen Welt sind, wird durch die Form des Gedichtes sichtbar bzw. hörbar gemacht. „Das ‚Hörbild’ der Naturvorgänge wird im zweiten Hauptsatz gleichsam umgekehrt, indem der Naturvorgang in das Innere des Menschen verlagert wird. Die äußere Örtlichkeit, unbekannt und offen, verbindet sich mit der Innerlichkeit; – in einem nahezu unbewussten Vorgang.“ (unbekannter Autor)

Ein problematisches Wort ist „Wetterleuchtend“ (V. 7). Zum Verb „wetterleuchten“ finden wir in Adelungs Wörterbuch (1811): „verb. impers. im gemeinen Leben, für blitzen. Es wetterleuchtet, hat gewetterleuchtet. Das Wetterleuchten. In engerer Bedeutung ist das Wetterleuchten, ein Blitz ohne Donner; auch wohl der Wiederschein eines entfernten Blitzes, wobey der Donner wegen der großen Entfernung nicht mehr hörbar ist.“ Aufgrund dieser Erklärung haben wir beim Wetterleuchten wohl nur an das Blitzen, das plötzliche Aufscheinen eines Glanzes zu denken – ahnendes Erleben des Göttlichen, des Erhabenen. Auch die „Schauer“ (V. 6) verlangen eine Erklärung. Unter dem dritten Wort „Schauer“ führt Adelung zwei Bedeutungen an: „2) Eine schnell vorüber gehende Erschütterung der Haut, dergleichen man bey einem plötzlichen Anfalle der Kälte, bey einem hohen Grade des Schreckens, des Abscheues, der Angst u. s. f. empfindet. Es läuft mir ein Schauer über die Haut. […] 3) Eine jede schnell vorüber gehende mit einer Art eines Rauschens verbundene Veränderung. Ein Fieberschauer, ein Fieber-Paroxismus.“ Das Wort hat hier die gleiche Bedeutung wie „Schauder“; man erlebt etwas Überwältigendes, wobei das Erschreckende durch das Attribut „leise“ abgemildert wird. – Das göttliche Fascinosum ist eben auch das Tremendum, es zieht den Menschen an und lässt ihn zugleich erschaudern, wie Rudolf Otto beschrieben hat.

Der Sprecher ist nicht greifbar. Er beschreibt wissend im Präsens, was am Abend geschieht bzw. geschehen kann, dass sich nämlich in der Ruhe die Erde mit den Bäumen, also die Schöpfung zu Wort meldet und ein Schimmer des Göttlichen den schaudernden Menschen erfüllt.

In diesen bisher gezeichneten Rahmen kann man all das einordnen, was man in den unten zur Analyse genannten Links (v.a. die beiden ersten!) findet. Dass die Einheit der Welt möglich ist, dass alle Zerrissenheit überwunden werden kann, wenn der einzelne Mensch sich dem Rauschen der Schöpfung öffnet, das ist eine Botschaft der deutschen Romantik. Sie ist schön anzuhören – ob sie freilich wahr ist, ist eine andere Frage.

Zusätzlich möchte ich noch auf das parallele Gedicht Eichendorffs „Mittagsruh“ hinweisen, wo offensichtlich die gleiche Erfahrung mit der Ruhe des Mittags verbunden ist:

Mittagsruh

Über Bergen, Fluß und Talen,

Stiller Lust und tiefen Qualen

Webet heimlich, schillert, Strahlen!

Sinnend ruht des Tags Gewühle

In der dunkelblauen Schwüle,

Und die ewigen Gefühle,

Was dir selber unbewußt,

Treten heimlich, groß und leise

Aus der Wirrung fester Gleise,

Aus der unbewachten Brust,

In die stillen, weiten Kreise.

Ferner möchte ich noch das zu Lebzeiten Eichendorffs nicht veröffentlichte Gedicht „Rosamunde“ nennen (s.o. bei den Links zum Text), das ich in der Freiburger Anthologie gefunden habe, was mir wie eine Vorstufe von „Der Abend“ aussieht (dies deshalb, weil es in der Form nicht so geschliffen ist, was als nachträgliche Änderung überhaupt keinen Sinn ergäbe).

Im „Taugenichts“ wird das Lied „Der Abend“ von Herrn Guido, der in Wahrheit Fräulein Flora ist, gesungen; zuerst singt Guido das Lied in einer warmen Sommernacht, worauf der Taugenichts gleich einschläft (4. Kapitel), dann im heimatlichen Schlosspark, wo es zur Identifizierung der Sängerin als „Herr Guido“ dient (10. Kapitel). Diese Zusammenhänge brauchen wir aber nicht zu beachten, wenn wir das dort überschriftlose Lied als Gedicht „Der Abend“ lesen.

http://mpg-trier.de/d7/read/eichendorff_derabend.pdf (mit Text)

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-ndl-1/medien/pdf/band44.pdf (dort S. 6 ff.)

http://books.google.de/books?id=K0XG4gR5oOsC&pg=PA194&lpg=PA194&dq=%22schweigt+der+menschen+laute+lust%22&source=bl&ots=HYfJAOcLM0&sig=HduyG0A66Y6554tYPKqkD2ytHiI&hl=de&sa=X&ei=6a8cUZKvMsWH4gT_nICgDQ&ved=0CFsQ6AEwCA#v=onepage&q=%22schweigt%20der%20menschen%20laute%20lust%22&f=false (Stephan Jaeger, dort S. 194 ff.)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-der-abend,textbearbeitung,199.html (schülerhaft-unbeholfen)

http://odl.vwv.at/deutsch/odlres/res4/Literaturgeschichte/Eichdorff-Abnd.html (sachlich problematisch)

http://www.gymnasium-borghorst.de/projekte/unterrichtsprojekte/deutsch/1999/taugenichts/Interpr2.htm (einige Beobachtungen)

http://fachdidaktik-einecke.de/9b_Meth_Umgang_mit_Texten/textanalyse_optisch_lyrik.htm (einige Beobachtungen)

http://www.hblw10.at/pdfs/brp_mat1.pdf (einige Beobachtungen)

Vortrag

http://gedichte.xbib.de/mp3-audio_Eichendorff_Der+Abend.htm (Christoph Niland)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-abend.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=QX9yrv-2b4Q (O. I. Wieröd)

http://www.classicalarchives.com/work/607056.html

[Das Gedicht wird gern zum Gedichtvergleich genutzt, z.B. mit „Blauer Abend in Berlin“ (Oskar Loerke), „Abend“ von Gryphius oder Trakl: Verfall.]

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