Eichendorff: Der frohe Wandersmann – Analyse

Wem Gott will rechte Gunst erweisen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=94

http://www.textlog.de/22470.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Der+frohe+Wandersmann

http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Eichendorff/eic_gc17.html

Das Gedicht ist 1817 entstanden und 1823 im „Troubadour“ veröffentlicht worden; zwischenzeitlich stand es unter der Überschrift „Reisesegen“ (1836). Es ist das erste Lied, das der Taugenichts singt, als er sein Dorf verlässt. Ich orientiere mich am Text von 1826 (letzter Text-Link).

Es spricht ein lyrisches Ich, das als froher Wandersmann seine Lebensführung oder seinen Lebensentwurf reflektiert (Rollengedicht). In den beiden ersten Strophen stellt es allgemein die Wanderer den „Trägen“ (V. 5) gegenüber, die zu Hause bleiben. In den beiden letzten Strophen spricht es von sich selbst, von seiner Freude am Wandern, die sich im Singen äußert (3. Str.), und von seinem Gottvertrauen (4. Str.). Jede der vier Strophen besteht aus vier Versen im Jambus, die abwechselnd weibliche und männliche Kadenz aufweisen und im Kreuzreim miteinander verbunden sind; so kommt ein Volkslied zustande, das von Schumann vertont wurde und auch heute noch als Wanderlied gesungen wird. Die Sprache des Gedichts ist beschwingt und fröhlich, wie es sich für ein Wanderlied gehört. Die erste und die vierte Strophe bilden thematisch einen Rahmen; in ihnen sieht das lyrische Ich den Wanderer bzw. sich selbst unter Gottes Obhut gestellt.

In der ersten Strophe preist das lyrische Ich das Wanderleben als eines, das in Gottes besonderer Gunst steht; jedem Wanderer („Wem“ = Jeden, dem) weist Gott „seine Wunder“ (V. 3) in der weiten Welt (V. 2), die in V. 4 in einer Aufzählung umfassend als Natur beschrieben wird – erstaunlicherweise fehlt die Menschenwelt, als ob sie nicht zu den Wundern Gottes gehörte. In dieser Strophe dominieren W-Alliterationen (Wem, weite Welt usw.). Die reimenden Verse entsprechen einander (Gunst erweisen / Wunder weisen, V. 1/3; weite Welt / Strom und Feld, V. 2/4).

Den Wanderern stellt das Ich „Die Trägen“ gegenüber (2. Str.); sie gehen nicht hinaus, sondern „liegen“ zu Hause (V. 5). „Erquicken“, „welches nur noch im figürlichen Verstande gebraucht wird, neues Leben, d. i. neue Kräfte, ertheilen“ (Adelung), gehört weithin dem religiösen Sprachgebrauch an. Dass den Trägen die Erquickung durch das Morgenrot fehlt (V. 6), lässt sie eben träge bleiben; in der zweiten Hälfte der Strophe wird ihr kummervolles Leben beschrieben. Auch im Gedicht „Frühlingsfahrt“ kann man am Schicksal des ersten Gesellen ablesen, dass das bürgerliche Leben in Eichendorffs Gedichten ein Scheitern bedeutet – Eichendorff hatte erst 1815 nach sechsjähriger Verlobung selber geheiratet und im gleichen Jahr auch das erste Kind bekommen. Die Reime sind wieder sinvoll, einmal als Entsprechung (zu Hause liegen / Kinderwiegen), einmal als Kontrast (Morgenroth / Noth um Brodt) bzw. ebenfalls als Entsprechung, wenn man den ganzen Vers liest (Erquicket nicht das Morgenroth / Von Sorgen, Last und Noth um Brodt).

Nach diesen allgemeinen Betrachtungen spricht das Ich von sich selbst; es erlebt offenbar gerade die Schönheit der Bächlein und Lerchen als Gottes Wunder (V. 9 f. und V. 3 f.) und fragt: „Was sollt’ ich nicht mit ihnen singen (…)?“ (V. 11 f.) So ist sein Gedicht sein Lied, jedenfalls im „Taugenichts“, wo der junge Bursche das Lied zur Geige singt. Die reimenden Verse passen wieder sinngemäß zueinander.

In der letzten Strophe verbindet das Ich den Preisgesang seines freien Lebens mit einem fröhlichen Gotteslob: „Den lieben Gott laß ich nur walten“ (V. 13); es braucht sich ja nicht wie die Trägen um die Familie zu sorgen (2. Str.), sondern kann seine Sache unbesorgt auf Gott allein stellen (V. 16). Denn der erhält die ganze Welt am Leben (V. 14 f.); dabei folgt diesmal auf die Aufzählung (V. 14) die Zusammenfassung „Erd’ und Himmel“ (V. 15), während in der 1. Strophe „die weite Welt“ vorangestellt war und darauf in V. 4 die entfaltende Aufzählung folgte. Mit seinem Gottvertrauen verwirklicht das lyrische Ich einen der Ratschläge Jesu aus der Bergpredigt: „Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“ (Mt 6,25 f.) Was in der katholischen Kirche als Armutsgelübde der Mönche institutionalisiert ist, lebt der frohe Wandersmann aus eigenem Entschluss (und ohne ausdrückliche Berufung auf die Bibel) in seinem freien Leben in der Natur. Die reimenden Verse 13 und 15 passen wieder zusammen; da in V. 14 das einzige Enjambement in der Strophenmitte vorliegt, kann man nicht erwarten, dass V. 14 zu V. 16 passt.

(Im Unterschied zu den Schülerinterpretationen, die den „Inhalt“ der Strophen oder ihre angebliche „Stimmung“ – kann eine Strophe denn eine Stimmung besitzen? – referieren, orientiere ich mich am sprachlichen Handeln des lyrischen Ich. Ich habe die entsprechenden Wörter oben blau markiert, damit klar ist, was ich meine.)

http://spier.bplaced.net/Inhalte/Deutsch/Der%20frohe%20Wandersmann%20–%20Interpretation.pdf (schülerhaft-hilflos)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-der-frohe-wandersmann,textbearbeitung,158.html (richtige Beobachtungen, methodisch hilflos)

http://www.marie-herberger.de/mediawiki/index.php/Der_frohe_Wandersmann (hilflos)

http://www.lyrikschadchen.de/html/der_frohe_wandersmann.html (Gedichtvergleich mit Gryphius: Ebenbild)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=CSiYfLDvrpI (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=-KPwG_vMNCk (Kinderchor)

http://www.youtube.com/watch?v=XVjXQcAgtao (Regensburger Domspatzen)

http://www.youtube.com/watch?v=fUSlPRedxes (Tölzer Knabenchor)

http://www.youtube.com/watch?v=MCt6-vJB_po (usw.)

http://www.youtube.com/watch?v=K_jMAja_oDU (James Last)

Sonstiges

http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/joseph-von-eichendorff/eichendorff-motive-auf-postkarten-der-frohe-wandersmann.html (Postkarten des Motivs)

http://www.notendownload.com/8/dpshop/__Der%20frohe%20Wandersmann%20%20%20M%E4nnerchor%20%20Fel.%20Mendelssohn-B.%20%20%20v.%20Eichendorff%20__NSF104MC2.sco_10_8_10.06.html (Noten)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s