Eichendorff: In der Fremde – Analyse

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=108

http://www.textlog.de/22709.html

(Eichendorffs Gedicht „Ich hör die Bächlein rauschen …“ steht ebenfalls unter der Überschrift „In der Fremde“.)

Das Gedicht ist vor 1823 entstanden; gedruckt wurde es ohne Titel 1832 in der Novelle „Viel Lärmen um Nichts“; da wird es von Julie, einer jungen Frau, schwermütig gesungen.

Wenn man das Gedicht biografisch lesen will, wird man Folgendes erwähnen: 1818 verstarb der Vater des Dichters; das überschuldete Schloss Lubowitz musste verkauft werden. 1822 starb Eichendorffs Mutter; danach gingen alle Güter der Familie in Schlesien verloren. Das wäre der biografische Hintergrund des 1823 entstandenen Gedichts – dazu passt aber nicht recht die Aussage des lyrischen Ich, dass Vater und Mutter schon „lange tot“ (V. 4) sind; auch war Eichendorff 1823 erst 35 Jahre alt, also zu jung, um auf seinen baldigen Tod (V. 5) vorauszublicken. Wir sollten es also auch in diesem Fall so halten, dass wir klar zwischen dem lyrischen Ich des Sprechers und der Biografie des Autors unterscheiden.

Wiewohl das Gedicht nur aus acht Versen besteht, kann man eine erste Hälfte (V. 1-4) deutlich von der zweiten abgrenzen. Zuerst blickt das lyrische Ich aus räumlicher und zeitlicher Ferne auf die verlorene Heimat und klagt: „Es kennt mich dort keiner mehr.“ (V. 4) In der zweiten Hälfte blickt es auf seinen baldigen Tod voraus (V. 5-7; „wie bald“ wird wiederholt, V. 5) und bekennt: „Und keiner mehr kennt mich [bald] auch hier.“ (V. 8) Die Opposition ist „jetzt-dort“ vs. „bald-hier“. V. 8 klingt für m.E. weniger traurig als V. 4, weil das eigene Totsein friedvoll als „stille Zeit“ (V. 5), Ruhe (V. 6), „über mir (…) die schöne Waldeinsamkeit“ (V. 6 f. – ein Gedicht über die Waldeinsamkeit gibt es bereits in Tiecks Erzählung „Der blonde Eckbert“, 1797) gekennzeichnet wird, wogegen die Heimat als Ort „hinter den Blitzen“ und Ursprungsort der Wolken (V. 1) umschrieben wird. Dem Status „jetzt verwaist sein“ (V. 3) wird der Status „Stille, Ruhe genießen, im Wald sein“ (V. 5-7) gegenübergestellt. Das lyrische Ich ist also im doppelten Sinn „In der Fremde“ (Überschrift): Einmal hat es die Heimat samt Eltern verloren, was schlimm ist (V. 1-4); ferner ist es als sterblicher Mensch grundsätzlich „hier“ (religiös gesprochen: hier auf Erden) in der Fremde (V. 5-8), doch dieser zweite Zustand erscheint ihm als einer, der sehr bald aufgehoben wird in Ruhe („ewige Ruhe“, sagen die Gläubigen) und schöner Waldeinsamkeit: ein irdisches Bild des Himmels, von dem der Wald in seinem Rauschen spricht (vgl. „Der Abend“).

In diesem Gedicht ist die Fremde also der dauerhaft eingenommene Ort des lyrischen Ich; sonst (etwa im „Taugenichts“) ist es bei Eichendorff so, dass man zur „Frühlingsfahrt“ in die Ferne aufbrechen kann – wenn man kein Glück hat, landet man vorübergehend in der Fremde, aus der man jedoch wiederum in die Ferne aufbrechen kann, um so etwas wie „Heimat“ zu finden. Die Fremde ist also in diesem Gedicht Zeugnis einer pessimistischeren Sicht auf die Welt, wobei das lyrische Ich jedoch durchaus den Blick auf die baldige Ruhe in der schönen Waldeinsamkeit nicht verliert.

Der Rhythmus ist eigenwillig: Ich sehe in den acht Versen abwechselnd vier und drei Hebungen ohne festen Takt. Im Kreuzreim sind die Verse verbunden, ohne dass die reimenden Verse immer in einem semantischen Zusammenhang ständen (v.a. in der ersten Hälfte); in der zweiten Hälfte ist zudem der Einschnitt nicht hinter V. 6, sondern mitten in V. 6.

Es fällt auf, dass dieses Gedicht heute wenig rezipiert wird und im Schulunterricht anscheinend nicht vorkommt. Ich habe im Netz keinen Vortrag des Gedichts und keine Analyse dazu gefunden.

Sonstiges

http://www.recmusic.org/lieder/e/eichendorff/ (Liste: Eichendorffs Lieder, vertont)

Es gibt laut Liste Vertonungen des Gedichts von J. Brahms, R. Schumann, A. Mier und C. Lewy.

One thought on “Eichendorff: In der Fremde – Analyse

  1. Pingback: Eichendorff: In der Fremde – Analyse « norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s