Eichendorff: Nachts – Analyse

Ich wandre durch die stille Nacht …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=116

http://www.textlog.de/22467.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Nachts

http://de.wikisource.org/wiki/Seite:Aus_dem_Leben_eines_Taugenichts_und_das_Marmorbild.djvu/256 (dort unter „Nachtbilder“ I.)

Das Gedicht ist 1817 entstanden und 1826 veröffentlicht worden. Es gibt ein weiteres Gedicht mit der Überschrift „Nacht“ („Ich stehe in Waldesschatten …“) sowie eine ganze Reihe Gedichte Eichendorffs mit „Nacht-“ im Titel (Mondnacht, Die Nacht, Winternacht, Die Hochzeitsnacht, Nachtzauber, Gute Nacht, Frühlingsnacht, Nachtwanderer, Die Nachtblume, Der Nachtvogel). Die Nacht ist also eine in seinen Gedichten bedeutsame Tageszeit. Die Nachtigall ist neben der Lerche der Vogel Eichendorffs schlechthin (vgl. das Gedicht „Nacht“). Auch der Mond ist Gegenstand eines eigenen Gedichts („Mondnacht“). Was erlebt man in der Nacht?

Ein lyrisches Ich beschreibt, wie es gerade durch die Nacht wandert (V. 1). Wichtig ist, dass es in der Nacht still ist (V. 1), dass „der Menschen laute Lust“ schweigt. Zuerst sieht das Ich den Mond gelegentlich „aus der dunklen Wolkenhülle“ herausschleichen (V. 2 f.), hört „die Nachtigall“ im Tal „hin und her“ singen (V. 4 f.) – aber das ist kein klares Licht, kein klarer Gesang. – In der ersten Strophe wird nur die Szene für das hergestellt, was eigentlich geschieht; Mond und Nachtigall machen die „Nacht“ aus; der Wechsel von hell-dunkel und Gesang-Stille erzeugt eine Ambivalenz, sodass es schließlich „grau“ (V. 6) ist. Ist es dann wieder still (V. 6), wird das hörbar, worauf es ankommt (2. Strophe).

Die zweite Strophe beginnt mit einem lauten Lobpreis des Nachtgesangs (V. 7); dieser Gesang ist das, was von fern (hier ruft die Ferne, V. 8, das Land der Sehnsucht!) und von nah zu hören ist, „der Ströme Gang“ und „Schauern in den dunklen Bäumen“, beides leise (S. 8 f.), vermutlich sogar sehr leise, gleichmäßig, erhaben. Das „Schauern“ (V. 9) verlangt eine Erklärung. Unter dem dritten Wort „Schauer“ führt Adelungs Wörterbuch (1811) zwei Bedeutungen an: „2) Eine schnell vorüber gehende Erschütterung der Haut, dergleichen man bey einem plötzlichen Anfalle der Kälte, bey einem hohen Grade des Schreckens, des Abscheues, der Angst u. s. f. empfindet. Es läuft mir ein Schauer über die Haut. […] 3) Eine jede schnell vorüber gehende mit einer Art eines Rauschens verbundene Veränderung. Ein Fieberschauer, ein Fieber-Paroxismus.“ Das Wort hat hier die gleiche Bedeutung wie „Schauder“; man erlebt etwas Überwältigendes, wobei das Erschreckende durch das Attribut „leise“ abgemildert wird. – Das göttliche Fascinosum ist eben auch das Tremendum, es zieht den Menschen an und lässt ihn zugleich erschaudern, wie Rudolf Otto beschrieben hat. Anders als im Gedicht „Der Abend“ liegt hier das unheimliche Schauern bereits in den Bäumen selbst, ist nicht primär Reaktion des erlebenden Ich; dessen Reaktion darauf zeigt sich vielmehr in einer Verwirrung (V. 10), als „irres Singen hier“ (V. 11 – die Assonanz wirr/irr zeigt den Zusammenhang von Verwirrung und irrem Singen). Das Ich reflektiert also auf sein Erleben und seine Reaktion und bewertet seine Äußerung (= das Gedicht) als irres Singen, im Vergleich dann als „ein Rufen nur aus Träumen“ – als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wäre. Ich kann die Wendung „verwirrte Gedanken – irres Singen“ nur verstehen, wenn ich sie im Sinn des „Verträumen“ im Gedicht „Die Nacht“ lese, während das klare Denken dem lauten Tag zugeordnet ist; gleichwohl bleibt die Wendung „irres Singen“ befremdlich.

Die Reflexion überrascht mich, der Selbstbezug des lyrischen Ichs auf sein Sprechen; meines Erachtens könnte nur ein außenstehender Erzähler solche Bewertungen abgeben – eine Verwirrung der Gedanken lässt in Wirklichkeit keine Reflexion zu, sie passt ferner nicht zum vorhergehenden Lobpreis (V. 7). Auch der Bruch zwischen der ersten und zweiten Strophe ist ausgeprägt; ich halte das Gedicht für noch nicht vollendet.

Der Rhythmus des Gedichtes schwingt ein wenig: Ein Schweifreim verbindet jeweils sechs Verse im Jambus; dabei wechseln sich zweimal vier Takte mit männlicher Kadenz (also gleichmäßig durchgesprochen), einmal vier Takte mit weiblicher Kadenz, zweimal drei Takte mit männlicher Kadenz (die wegen ihrer Kürze vorwärts drängen) mit den ausklingenden vier Takten mit weiblicher Kadenz. Wo Vers- und Satzende zusammenfallen (V. 1, V. 7, V. 10) wird auch in den Versen mit männlicher Kadenz eine Pause gemacht. Einige Taktstörung geben dem Rhythmus eine ausgeprägte Gestalt: Außer der Reihe sind „Oft“ (V. 3), „Dann“ (V. 6), „Leis“ (V. 9, „Wirrst“ (V. 10“ und „Ist (V. 12) betont. Die Semantik der Reime ist in ihren Entsprechungen sinnvoll (z. B. im Tal / die Nachtigall, V. 4/5), wenn auch konventionell.

Es ist von Theodor Kirchner vertont worden, evtl. auch von anderen Komponisten; es wird heute wenig rezipiert – dass es in den Kanon der Gedichte Eichendorffs gerutscht ist, verwundert mich.

http://edoc.hu-berlin.de/hostings/athenaeum/documents/athenaeum/1995-5/mayer-paola-169/PDF/mayer.pdf (Paola Mayer: Die unheimliche Landschaft, darin: Das Unheimliche neu definiert, S. 178 ff.; Eichendorffs Nachtgedichte, S. 180 ff.; dabei „Ich wandre …“, S. 194 f.)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=jJ939a7GoZQ (Christina Reime)

Sonstiges

http://www.fachdidaktik-einecke.de/4_Literaturdidaktik/produktive_textrezeption_eichendorff.htm (produktionsorientierte Textrezeption – na, ja)

http://www.cornelsen.de/shop/capiadapter/download/get/file/717746%20Eichendorff%201.pdf?fileNr=1&sku=3-464-00058431-0&callerId=SBK3 (skizzenhafter Vergleich mit anderen Eichendorff-Gedichten)

http://www.reiprich.com/peregrina/Nacht_in_Dichtung.pdf (Die Nacht in der Dichtung)

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