Eichendorff: Die Nachtblume – Analyse

Nacht ist wie ein stilles Meer …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=101

http://www.textlog.de/22659.html

Das Gedicht ist 1834 entstanden und 1837 veröffentlicht worden. Es wurde vertont von Hugo Wolf und Fanny Mendelssohn-Hensel, Ernst Bacon, Karl Horwitz, Martijn Hooning u.a. Es wird als Lied und auch als Gedicht heute noch ziemlich breit rezipiert, hat aber bis vor kurzem keinen Platz im Schulunterricht gefunden und demgemäß auch keine richtigen Analysen im Internet (P.S. Diese Analyse hier wird allerdings häufig angeklickt!).

Die kürzeste Analyse gibt ein „Friedrich“ in einem Forum „Gedichte“: „Ein Ich gibt hier ‚Auskunft’ über seine innere Verfassung in der Nacht. Was sind Gedanken, was sind schon Träume? Schön die Alliterationen, díe weichen W-Laute, auch das gehäufte vokalische i ebenso wie das o. Auch die sanfte Stimmung nimmt ein: alles still, und lau, leise, lind. Die Nacht ist an die Stelle des grellen und lauten und bewegten Tages getreten. Die Seele kommt zur Ruhe. Das Ich beschäftigt sich mit sich.“

Holen wir etwas weiter aus: Es spricht ein lyrisches Ich in der Nacht (s. 3. Strophe: „nun“ und „Wellenschlagen“). In der ersten Strophe vergleicht es die Nacht (und ihre Ruhe) mit einem stillen Meer, welches bloß ein lindes „Wellenschlagen“ aufweist. In Adelungs Wörterbuch (1811) fehlt „lind“, aber es gibt das Adjektiv „gelinde“; als Bedeutung kommt hier die 2. in Frage: „2) Einen geringen Grad der innern Stärke oder des Prädicates überhaupt habend. Ein gelinder Regen, ein sanfter Regen. Eine gelinde Wärme, Gelindes Wetter, im Gegensatze des kalten.“ Das DWB führt „lind“ an; dort kommen die Bedeutungen 6) ff. in Frage: „6) lind, sanft, wolklingend, in bezug auf sprache und töne: […] 7) lind, sanft, mild, vom sonnenschein, dem himmel, dem wetter, dem winde, dem dufte: […] 10) lind, in den begriff leise, sanft, schwach überschlagend: auf einer linden anhöhe.“ Das Attribut „lind“ zu „Wellenschlagen“ ist jedenfalls ungewöhnlich (V. 4); es greift „Lust und Leid und Liebesklagen“ (V. 2) per Alliteration auf, die das lyrische Ich in dem linden Wellenschlagen leise, beinahe unhörbar („stilles Meer“) hört. Dort in den Wellen kommen sie „so verworren“ einher (V. 3): Lust und Leid sind nicht getrennt, Liebe und Liebesklagen gehören zusammen, sind vermengt, eben verworren. Sie stehen beispielhaft für das menschliche Leben, das insgesamt so verworren ist.

In der zweiten Strophe wird einmal das Meer-Bild fortgeführt („Schiffen durch die stillen Räume“, V. 6 – wieder die Ruhe!): Die mit Lust und Leid untrennbar verbundenen Wünsche werden zudem mit Wolken verglichen (V. 5), was sich in das Bild vom Schiffen einfügt (V. 6) und dann im Wind-Bild wiederum per Alliteration fortgeführt wird: Wünsche – Wolken – Wind (V. 6 ff.). Der Wind ist „lau“ (V. 6 – und die Wolken sind leicht und unbestimmt, was aber nicht gesagt, sondern nur assoziiert wird), was per Alliteration dem linden Wellenschlagen (V. 4) entspricht. Das Ich fragt sich (es ist ja allein): „Obs Gedanken oder Träume?“ (V. 7). Die Wünsche führen demnach eine leichte Existenz, ein fragile, im Grenzbereich von Gedanken und Träumen, von bewusst Konzipiertem und unbewusst sich Einstellendem, ans Licht oder ins Zwielicht Tretendem. Man erkennt nicht, woher die Wünsche kommen – danach macht das Ich eine lange Pause. (V. 8)

Dann besinnt sich das Ich auf sein eigenes Sprechen; es schließt nun „Herz und Mund“ (V. 9), hört auf zu sprechen und zu wünschen, wird also selber still. Doch es stellt fest, dass „leise“ die verworrenen Gefühle („das linde Wellenschlagen“) tief im Herzen bleibt, „im Herzensgrund“ (V. 11). Sie bleiben „leise“, dem linden Wellenschlagen zugehörig, im lauen Wind treibend: l-Alliteration. Mit seinem Schweigen verzichtet das Ich auf die gebräuchlichen Klagen, welche Menschen in ihrem Liebesleid „den Sternen“ vortragen (V. 10). Dieses Verstummen verdankt sich der Nacht, der bewusst erlebten Nacht, die ja „wie ein stilles Meer“ ist: In seiner Nacht-Existenz kommt das Ich über die Klagen hinweg ins gereifte Ertragen, wo es schweigt, ohne dass der Herzensgrund wirklich völlig zur Ruhe käme – die ewige Ruhe wäre ja der Tod. Das linde Wellenschlagen am Ende von Str. 1 und 3 bildet eine Art Rahmen der ganzen Äußerung.

Warum heißt das Gedicht „Die Nachtblume“? Die Nachtblume ist ein „bis 20 Fuß hoher, ostindischer Baum, mit eiförmigen, zugespitzten, rauhen, oben dunkelgrünen Blättern, weißlichen, wohlriechenden, gegen Abend sich öffnenden, Morgens abfallenden, in Rispen u. Afterdolden auf röthlichen Stielen stehenden Blüthen; in Gewächshäusern Zierpflanze; die angenehm, etwas honigartig riechenden u. bitter schmeckenden Blumen u. die Samen werden von den indischen Ärzten als sogenanntes herzstärkendes Mittel gebraucht, auch dient ein daraus destillirtes Wasser als Augenwasser“ (Pierer’s Universal-Lexikon, 1861). Das vom Ich beschriebene Nacht-Erleben muss demnach wohl eine Art Nachtblume sein, die angenehm riecht, aber vielleicht auch ein wenig bitter schmeckt.

Das Gedicht ist in vierhebigen Trochäen abgefasst, abwechselnd männliche und weibliche Kadenzen, Kreuzreim, also volksliedartig. Nur in V. 2 geht die Stimme ohne Pause in den nächsten Vers über (Enjambement); sonst wird am Versende immer eine kleine Pause gemacht – endet dort kein Satz, so wenigstens eine Art Teilsatz, eine größere semantische Einheit. Die reimenden Verse passen im weiteren Sinn gut zusammen, weil ja auch durch die Alliterationen über die Versgrenzen hin Verbindungen gestiftet werden. Manchmal drücken sie direkte Entsprechungen aus, etwa V. 9/11: schließe Herz und Mund / leise im Herzensgrund.

Eichendorff hat mit diesem Gedicht ein klingendes Meisterwerk geschaffen. Ich möchte zum Schluss ausdrücklich auf eine persönliche Rezeption hinweisen: http://poemsforalifetime.wordpress.com/2012/09/12/die-nachtblume/

Analyse

http://www.biblioforum.de/forum/read.php?2,331,362 (Kürzestanalyse)

http://www.reiprich.com/peregrina/Nacht_in_Dichtung.pdf (Die Nacht in der Dichtung – als dritter Dichter wird Eichendorff behandelt)

http://books.google.de/books?id=KV23_SXk2VIC&pg=PA33&lpg=PA33&dq=eichendorff+nachtblume&source=bl&ots=61EExtIAud&sig=SzkU_KbPRvtCeox9VvIm0Fr1Rg8&hl=de&sa=X&ei=Dg4iUfbsAeOl4ATBjIGgDA&ved=0CD4Q6AEwAzg8#v=onepage&q=eichendorff%20nachtblume&f=false (Wortverschmelzung nach Lützeler) = http://books.google.de/books?isbn=3826015444

Vortrag

http://www.musicline.de/de/player_flash/4012144198426/0/4/50/product (gesprochen von Julia Nachtmann?)

http://www.kulturumsonst.com/gedichte/eichendorff_nachtblume.php (Detlef Cordes)

http://www.youtube.com/watch?v=smhz-R6h7NQ („Sonnentau“)

http://www.youtube.com/watch?v=OlWrc1zilsw (Gregers Brinch)

http://m.hooning.myahk.nl/english/compositie/composities/composities-eichendorff.html (M. Hooning, Anfang)

http://www.troubadisc.de/media/files/tyBA_Tracks/83_01421_14.mp3 (troubadisc, zwei Strophen)

Sonstiges

http://www.onlinekunst.de/maerz/10_03_5_Eichendorff.htm (Vertonungen und Bild dazu)

http://lyricelly.wordpress.com/2012/10/19/die-nachtblume-joseph-von-eichendorff/ (dito)

http://de.academic.ru/dic.nsf/pierer/11341/Nachtblume

http://www.sternenfall.de/wb–Eichendorff.html (Wörterbuch zu 20 Gedichten von Eichendorff)

http://klassikthemen.de/datakat1.php?site=5&var1=wert1&var2=wert2&one=Eichendorff,%20Joseph%20von (Liste: Eichendorff, vertont)

http://www.recmusic.org/lieder/titles_ger_N.html (Titels of Texts in German: Da sieht man, was es alles zum Stichwort „Nacht“ gibt!)

2 thoughts on “Eichendorff: Die Nachtblume – Analyse

    • Wie bitte? Wer soll hier eine These aufstellen?
      Ich habe eine Reihe Thesen formuliert, aber von Eichendorff eine „These“ zu verlangen zeugt von mangelndem Gespür für ein großes Gedicht!

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