Eichendorff: Die Nacht – Analyse

Wie schön hier zu verträumen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=115

http://www.textlog.de/22482.html

Wann das Gedicht entstanden ist, ist unklar. Es steht in „Dichter und ihre Gesellen“ (1833), 2. Kapitel: Fortunat erwacht in der Nacht „im Mondschein, alles war ihm so neu und wunderbar; er ging unter den Bäumen auf und nieder und sang halb für sich: ‚Wie schön, hier zu verträumen …’“

Aufbau des Gedichtes: Ein lyrisches Ich, das sich erst zum Schluss persönlich zu Wort meldet (V. 23), beginnt mit einer Gefühläußerung: „Wie schön hier zu verträumen / Die Nacht im stillen Wald“ (V. 1 f.). Im Folgenden beschreibt es diese nächtliche Situation und erklärt damit, wieso das Verträumen dort so schön ist (bis Str. 4). In der 5. Str. fragt es den Morgenwind, wann er kommt; danach bemerkt es, dass es „bald“ Morgen wird (V. 22). Zum Schluss äußert es seinen Vorsatz, „Die Nacht im stillen Wald“ treu zu verträumen. Diese beiden letzten Verse greifen V. 1 f. fast wörtlich auf und bilden so den Rahmen der ganzen Äußerung.

Einzelbeobachtungen:

  • Dreihebiger Jambus mit abwechselnd weiblicher und männlicher Kadenz, Kreuzreim; meistens umfasst ein Satz zwei Verse, sodass nur in den Versen 2/4 jeder Strophe mit einer echten semantischen Entsprechung zu rechnen ist (z.B.: verträumen im stillen Wald / das alte Märchen hallt, V. 2/4 – „verträumen / in den dunklen Bäumen“, V. 1/3, passt nicht zusammen). Gelegentlich ist das erste Wort eines Verses außerhalb des Taktes betont (Wie, V. 6; Das, V. 13; Schon, V. 21; S, V. 23; evtl. Wann, V. 18).
  • Es fällt auf, dass im stillen Wald „Das alte Märchen hallt“ (V. 4); daran ist „das alte Märchen“ der bestimmte Ausdruck für etwas sehr Unbestimmtes. Das Hallen passt nicht recht zum „stillen Wald“, es ist zu laut (und nur als Reimwort zu „Wald“ gerechtfertigt).
  • In Str. 2 sind die Berge im Vergleich personifiziert („Wie in Gedanken stehn“), ebenso die Quellen. Die verworrenen Trümmer sind Ruinen, die in der Romantik besonders geschätzt wurden: „Mit der Aufklärung und der Romantik gewann auch die mittelalterliche Ruine an Wertschätzung, denn sie wurde als sichtbares Zeugnis vergangener Zeiten mit historischer Bedeutung entdeckt. Ihr Anblick bot zudem ein emotionales Festhalten an einer idealisierten Vergangenheit angesichts der als bedrohlich empfundenen fortschreitenden industriellen Revolution.“ (wikipedia). Das Klagen entspricht dem Zustand der Ruinen: ihrer Vergänglichkeit, Vergangenheit.
  • In Str. 3 werden die Schönheit (des Waldes) und die Nacht personifiziert; dabei erscheint die Schönheit als das Liebchen der Nacht, die kühlen Schatten werden metaphorisch wie eine Decke beschrieben.
  • In der 4. Strophe hat mich zuerst „irre“ irritiert, was auch sonst als Attribut des Singens gelegentlich auftaucht. Wenn man ins Deutsche Wörterbuch schaut (Grimm), findet man für „irre“: 1) umherschweifend; 2) gewöhnlicher wird mit irre die vorstellung: abgewichen vom rechten wege, verirrt, verbunden; 3) im rechten schwankend, unschlüssig, ratlos; 4) erzürnt, hochdeutsch selten, während es im ältern niederdeutsch die einzige bedeutung des wortes ist; 5) geistig gestört, milderer ausdruck für wahnsinnig.“ Hier liegt wohl die Bedeutung 3) vor. Das irre Klagen muss sich auf die klagenden Quellen (2. Str.) beziehen. Offensichtlich beeinträchtigen weder die klagenden Quellen noch die schlagenden Nachtigallen die Stille der Waldespracht (V. 14). Die Klagen haben als altes Märchen (V. 4) ihren traurigen Klang verloren.
  • Dass die Sterne auf und nieder gehen (V. 17), kann man als „auf und unter“ lesen, eventuell auch als Bezeichnung der Drehung des Himmels um den Polarstern. Der Morgenwird wird persönlich angesprochen – Ausdruck einer Erwartung des lyrischen Ich (5. Str.). Die Schönheit wird nun als verträumtes Kind bezeichnet, die Schatten sind wiederum die Schlafdecke.
  • „Schon“ (V. 21) ist das Signalwort, dass sich „bald“ (V. 22) etwas ändert. Das Ich nimmt genau wahr, was sich im Wald tut; es weiß, dass „die Lerche“ (= die Lerchen) bald die Schönheit wecken [wobei anzumerken ist, dass die Lerchen im Feld leben, nicht im Wald].
  • Auch empfinde ich eine Spannung zwischen dem Verträumen (V. 1, 23) und der genauen Beobachtung der Anzeichen, dass es bald Tag wird. Allenfalls die Bedeutung 2) im DWB (Grimm) kann einen Sinn ergeben: „auf angenehme art über unangenehmes hinwegkommen, es vergessen und verschmerzen“. Das Unangenehme wäre das gewöhnliche laute Leben draußen, während das Leben im stillen Wald eben dessen Verträumen darstellt – eine gute Lösung des Problems.

http://www.dinkela.de/zineedit/data/romklassik/Klausur%2001%20-%20Erwartungshorizont%20-%20A.pdf (Stichworte: Lösungserwartung einer Klausur)

Sonstiges

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Eichendorff.pdf (dort S. 4 ff.: die Nacht bei Eichendorff)

http://www.reiprich.com/peregrina/Nacht_in_Dichtung.pdf (Die Nacht in der Dichtung – als 3. Dichter wird Eichendorff behandelt)

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/jahreszeitengedichte/index.php?fnr=305 (Mond- und Nachtgedichte)

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