Eichendorff: Lockung – Analyse

Hörst du nicht die Bäume rauschen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=110

http://www.textlog.de/22542.html

Wann das Gedicht entstanden ist, ist unbekannt; es steht in „Dichter und ihre Gesellen“ (1834, 9. Kapitel), wo sich Erinnerung, Traum und Wirklichkeit überschneiden, als Otto und Fortunat vom Schloss aus das Lied „tief im Garten“ hören, vielleicht von Kordelchen gesungen; es wurde dann 1837 unter der Überschrift „Lockung“ gedruckt.

Mit dieser Situierung ist eine zum Lied passende Situation umschrieben: Die Requisiten der Eichendorff’schen Landschaft werden im Gedicht genutzt, um jemanden zu locken, in einen Garten hinabzusteigen: „Komm herab, hier ist’s so kühl.“ (V. 16) Die gängigen Requisiten sind die rauschenden Bäume, die vielen Bäche, der Mondenschein, die irren Lieder aus der schönen alten Zeit, die Waldeseinsamkeit; neu sind der schwül duftende Flieder, die Nixen im Fluss und der Blick auf die  Schlösser als Elemente der Verlockung. In den Fragen an das ungenannte „du“ (V. 1 ff.) und der Aufforderung herabzukommen spricht ein nicht identifiziertes lyrisches Ich.

Das Gedicht stellt mir einige Fragen: Ist das eine gefährliche Lockung auf einen falschen Weg? Dafür spricht m.E. der schwül (!) duftende Flieder sowie der Erwähnung der Nixen. Ist das eine Situation wie die des zweiten Gesellen der „Frühlingsfahrt“ (4. Strophe):

„Dem zweiten sangen und logen

Die tausend Stimmen im Grund,

Verlockend‘ Sirenen, und zogen

Ihn in der buhlenden Wogen

Farbig klingenden Schlund.“?

Dann wäre alles, was die Stimme von den rauschenden Bäumen usw. sagt, gelogen. Innerhalb des Gedichts haben wir keine Möglichkeit, die beiden Fragen zu beantworten (allenfalls könnte die Berufung auf die Schlösser, die ja in der Höhe bleiben, als lügnerisch gelten); dafür könnte man höchstens auf die Figurenkonstellation des Romans „Dichter und ihre Gesellen“ zurückgreifen – diese Möglichkeit schneidet jedoch die Veröffentlichung des Gedichts unter dem Titel „Lockung“ ab.

Versuchen wir, auf einem anderen Weg weiterzukommen. In einem Gedicht Brentanos (entstanden um 1811, erschienen 1827, also ziemlich sicher Eichendorff bekannt) finden wir einen ähnlichen Anfang:

„Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.“

Es fällt sofort der gleiche Rhythmus auf: Vierhebige Trochäen, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, Kreuzreim, also Volksliedstrophe. Aber die Situation ist eine andere – die erinnert bei Eichendorff mehr an Goethes Gedicht „Der Fischer“, erschienen 1789; dort lockt und zieht die Nixe selber den Fischer ins Wasser hinab, sie beruft sich auf die Sonne selbst, die sich im Wasser labt, ähnlich wie die Schlösser vom hohen Stein herabsehen. Einen wichtigen Unterschied sollten wir aber festhalten: In Goethes Gedicht geht es um den Gegensatz von Wasser- und Lichtwelt, in Eichendorffs Gedicht um den allerdings verwandten Gegensatz von Tiefe und Höhe, von „unten / oben“, von „Söller“ (Dachboden, im Schloss) [bzw. „vom hohen Stein“] und „Grund“. Das ist ein elementarer Gegensatz, den man vielleicht so umschreiben kann:

Oben: Gott / Himmel / sonnenhaft / beschützend (Überbewusstes)

[Mitte: Mensch / Oberfläche / taghell / umgebend (Bewusstes)]

Unten: Dämon / Erdinneres / finster / bedrohend (Unterbewusstes),

nur dass wir in Eichendorffs Gedicht nicht das Erdinnere als das Unten haben, sondern nur ein Unten, wo eher wie bei Goethe eine Wasserwelt ist (vgl. auch „Frühlingsfahrt“), und als Dämon die rauschenden Nixen. Man kann auch noch an die Metaphorik von Abstieg/Aufstieg erinnern, um den Gegensatz „unten / oben“ umfassender zu verstehen. – Eine ähnliche Symbolik von „unten / oben“ finden wir übrigens auch in Eichendorffs Gedicht „Der Jäger Abschied“.

Beim Gedicht ist noch auf die gefälligen au-Laute hinzuweisen (V. 1-3), die W-Alliteration (V. 4 f.), die Sch-Alliteration (V. 7); die F-Alliteration (V. 14 f.); die drei sch in V. 13-15; die Reimwörter rauschen/lauschen (V. 1/3) kehren in V. 13/15 wieder – alles dies sind auch lockende Ausdrücke der Stimme des Ich.

Wir haben ein schwieriges Gedicht vor uns, das in einer dichtungsgeschichtlichen Verwandtschaft zu Goethe und Brentano steht und wo sonst positiv besetzte Landschaftselemente Eichendorffs in eine „Lockung“ eingebunden sind. Das Gedicht ist sowohl als Lied wie auch in Textform gut rezipiert, allerdings in der Schule kaum besprochen.

http://books.google.de/books?id=3yaGG0-ygNIC&pg=PA163&lpg=PA163&dq=eichendorff+lockung&source=bl&ots=A5cKLt3jow&sig=a5DYLgWXqRQK4r_uX1W_O-x9EU0&hl=de&sa=X&ei=jK8jUYSRJaKt4ATgz4EY&ved=0CEIQ6AEwBDgK#v=onepage&q=eichendorff%20lockung&f=false (Linguistisches Feld und poetischer Fall — Eichendorffs „Lockung“. In: Ehlich, Konrad (Hg.) (1998): Eichendorffs Inkognito. Wiesbaden: Harrassowitz, S. 163-194 – leider unvollständig)

http://pastebin.com/MKiV7BAw

http://deutsch.agonia.net/index.php/essay/144480/Interpretation

http://www.fachdidaktik-einecke.de/9_Diagnose_Bewertung/klausuren_lyrik_romantik_s2.htm (Gedichtvergleich: nur das Thema)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/lockung.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.srf.ch/player/radio/wortschatz/audio/lockung?id=6922190f-2e39-4b48-9169-dc193722a0f7

http://www.youtube.com/watch?v=xVbSCmhRcas (Fanny Hensel)

http://www.youtube.com/watch?v=GhcUlgqsknM (Martijn Hooning)

http://www.youtube.com/watch?v=O-2KiHnXnWc (balmung)

Raumsymbolik

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Oben

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Unten

http://books.google.de/books?id=XBuyFBvmY94C&pg=PA20&lpg=PA20&dq=(H%C3%B6he+Tiefe)+symbolik&source=bl&ots=lZrlWCZoWZ&sig=swLZQJqvM3N6TgSrIxDsEKRJAw0&hl=de&sa=X&ei=S5wkUbmvGsf_4QT7koCwBQ&sqi=2&ved=0CDsQ6AEwAg#v=onepage&q=(H%C3%B6he%20Tiefe)%20symbolik&f=false (Symbolik des Raumes und der Landschaft bei Eichendorff, S. 20 ff.)

http://edoc.ub.uni-muenchen.de/1794/1/Intelmann_Claudia.pdf (Der Raum in der Psychoanalyse, Diss)

Metapher: Abstieg

http://web.hszg.de/~schmitt/aufsatz/report.htm (Met. sozialen Helfens)

http://www.fk14.tu-dortmund.de/medien/philo/archiv/sb.metapher.pdf (in Erkenntnistheorie und Naturphilosophie)

http://www.tuebingen-psychotherapie.de/Downloads/Metaphern_im_psychotherapeutischen_Gespraech-Teilnehmerunterlagen.pdf (Metaphern im psychotherapeutischen Gespräch)

2 thoughts on “Eichendorff: Lockung – Analyse

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