Eichendorff: Schöne Fremde – Analyse

Es rauschen die Wipfel und schauern …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=118

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&print=1&spalten=&id=118

http://www.think-art.com.ar/lieder/index.php/conciertos-cursos-etc/102-robert-schumann-eichendorff-schoene-fremde (mit span. Übersetzung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+%28Ausgabe+1841%29/1.+Wanderlieder/Sch%C3%B6ne+Fremde

http://www.textlog.de/22497.html

Im Roman „Dichter und ihre Gesellen“ (1834) wird das Gedicht von Fortunat in der Nacht vorgetragen, als er in Rom eingezogen und in einer Villa eingekehrt ist, wo er sich verloren vorkommt; diese Situierung passt nicht schlecht zum Gedicht, das dann 1837 unter dem Titel „Sehnsucht“ gesondert veröffentlicht wurde. Vor allem wird sie dem Charakter des Gedichtes als Lied gerecht, welches nicht ein eigenes „Erlebnis“ besingt, sondern mit einer gewissen Distanz (zweimal der unpersönliche Satzanfang „Es …“) romantische Vorstellungen bündelt.

Die Überschrift „Schöne Fremde“ ist ambivalent; denn die Fremde ist bei Eichendorff die Nicht-Heimat, in die man gerät, wenn man nach dem Aufbruch in die Ferne sein Ziel verfehlt. Wenn hier die Fremde als schön bezeichnet wird, so kann das deshalb eine verführerische „falsche“ Schönheit sein oder der augenblickliche Eindruck auf einen jungen Menschen, der noch nicht die Falschheit erkannt hat (vgl. den Anfang des 7. Kapitels im „Taugenichts“). Die Myrtenbäume (V. 5) weisen auf Italien als Ort des Geschehens; es ist unklar, ob die im irrealen Vergleich genannten halbversunkenen Mauern (V. 3) tatsächlich in der Nähe des lyrischen Ich zu finden sind (und damit ebenfalls auf Italien hinweisen) oder bloß innerhalb des irrealen Vergleichs vorkommen, was man aufgrund des Satzbaus annehmen sollte.

Das lyrische Ich beschreibt, was es „hier“ (V. 5) und jetzt (Präsens) wahrnimmt: Es hört die Wipfel rauschen und schauern (V. 1), es hört die Nacht wirr sprechen, und zwar „zu mir“ (V. 8). „Schauern“ (V. 1) bedeutet „Schauer verursachen“ (Adelung); das verlangt eine Erklärung. Unter dem dritten Wort „Schauer“ führt Adelungs Wörterbuch (1811) zwei Bedeutungen an: „2) Eine schnell vorüber gehende Erschütterung der Haut, dergleichen man bey einem plötzlichen Anfalle der Kälte, bey einem hohen Grade des Schreckens, des Abscheues, der Angst u. s. f. empfindet. Es läuft mir ein Schauer über die Haut. […] 3) Eine jede schnell vorüber gehende mit einer Art eines Rauschens verbundene Veränderung. Ein Fieberschauer, ein Fieber-Paroxismus.“ Das Wort hat hier die gleiche Bedeutung wie „Schauder“: Man erlebt etwas Überwältigendes, wie ja auch im irrealen Vergleich ausgeführt wird: als machten „Die alten Götter die Rund“ (V. 4). Das göttliche Fascinosum ist auch ein Tremendum, es zieht den Menschen an und lässt ihn zugleich erschaudern, wie Rudolf Otto beschrieben hat; das ist so wie im Gedicht „Der Abend“. Nun vermeint das lyrische Ich, eine wirre Botschaft der Nacht oder der Ferne zu vernehmen (2. und 3. Strophe).

Den schauernden Wipfeln entspricht eine heimlich dämmernde Pracht (V. 6) – dabei ist völlig unbestimmt geblieben, woran sich die Pracht zeigt. Das Dämmernde ist selbst etwas Zwielichtiges (und passt gar nicht zu den funkelnden Sternen, V. 9); dass sie „heimlich“ (V. 6) dämmert, heißt hier wohl, dass sie vertraut-heimatlich erscheint, was ihren zwielichtigen Charakter noch einmal offenbart – die Myrtenbäume sind ja Bäume der Fremde! So fragt das lyrische Ich diese zwielichtige Nacht, was sie ihm „wirr wie in Träumen“ sagt (V. 7 f.). Die Nacht wird als eine „phantastische“ bezeichnet; dieses Wort gilt es nun genauer zu betrachten. In Adelungs Wörterbuch kommt es nicht vor; im DWB hat es nur wenige Belege. Im Damen Conversations Lexikon wird als Bedeutung „überspannt, schwärmerisch“ angegeben (1837). Im Meyers von 1908 finden wir: „Phantastisch im weitern Sinn ist alles das, was als Produkt einer ungezügelten Phantasie den logischen Normen widerspricht, maßlos, ungeheuerlich, unwahrscheinlich erscheint, im Gegensatz zum Phantasievollen, das, weil geregelter Phantasietätigkeit entsprungen, schön und (formal) wahr ist.“ Das ist deutlich vom heutigen Sprachgebrauch unterschieden, wo „phantastisch“ ja meistens ein Lob für das Außerordentliche ist. Auch in Pierer’s Universal-Lexikon von 1861 finden wir im Wesentlichen eine negative Konnotation: „Phantastisch, von irre leitender Einbildungskraft ausgehend, auf Phantasien, im Gegensatz von Realitäten, sich beziehend.“ Die phantastische Nacht kann nur wirr, also „wie in Träumen“ sprechen. Gleichwohl hört das Ich auf sie, ist an ihrer Botschaft interessiert, weil es die Fremde schön findet. Wenn man den Schluss der folgenden Strophe berücksichtigt, könnte „phantastisch“ aber auch das positiv Fabelhafte bezeichnen.

Formal haben wir Volksliedstrophen zu vier Versen mit jeweils drei Hebungen vor uns; die Kadenzen sind abwechselnd weiblich und männlich, im Kreuzreim verbunden. Die Verse beginnen in der Regel mit einem Auftakt; nur „Hier“ (V. 5) ist betont, in V. 3 gibt es zu Beginn zwei unbetonte Silben. Das Ganze ergibt ein flüssiges und schwingendes Sprechen, zumal da mehrere Enjambements den Satz über Versenden hinaus führen (V. 2, 3, 5, 7).

In der zweiten Strophe des Gedichts „Nachts“ finden wir ein ähnliches Erfahrungsmuster wie in den beiden ersten Strophen von „Schöne Fremde“ beschrieben:

„O wunderbarer Nachtgesang:

Von fern im Land der Ströme Gang,

Leis Schauern in den dunklen Bäumen –

Wirrst die Gedanken mir,

Mein irres Singen hier

Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.“

Dort ist das Irritierende in die 1. Strophe verlegt worden, und es ist das lyrische Ich, welches mit seinem irren Singen auf den Nachtgesang antwortet. In „Schöne Fremde“ ist das Wirre-Dämmernde-Phantastische jedoch in der Nacht selbst zu finden.

In der 3. Strophe wendet sich das Ich dem zu, was es sieht. Die funkelnden Sterne (V. 9) gehören zum romantischen Repertoire; ihr glühender Liebesblick (V. 10) überrascht zweifach, einmal mit dem Bezug von „glühend“ auf die Sterne, sodann als „Liebesblick“ (vgl. Goethes „Mahomets-Gesang“) selbst – wieso sollten die Sterne das Ich lieben? Vielleicht lässt dich diese Wahrnehmung damit erklären, dass das Ich vermeint, die Sterne funkelten speziell „auf mich“ (V. 9), wie es ja auch die Nacht zu sich hat sprechen hören (V. 7 f.). Wie die Nacht spricht auch die Ferne, der Sehnsuchtsort schlechthin, jetzt „trunken“ (V. 11, statt „wirr“, V. 9). Was das Ich davon hört, deutet es (mit der Partikel „wie“, V. 12) als Andeutung seines künftigen großen Glücks – gemäß dem Sternblick wird man es als Liebesglück verstehen müssen.

Eichendorffs Gedicht arbeitet mit bekannten Elementen romantischer Dichtung, wie ich zu zeigen versucht habe, gibt ihnen jedoch mit der Bewertung „Schöne Fremde“ einen neuen Akzent. Es lebt als gesungenes Lied, wie die Liste unten zeigt, kommt aber im Unterricht offensichtlich nicht oder kaum vor (inzwischen hat sich das geändert, 10/2016).

Vortrag

http://morgenlaenders-notizbuch.blogspot.de/2012/05/musik-am-abend-schone-fremde_14.html (Schumann: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=akAT2TvH5TI (Peter Anders)

http://www.youtube.com/watch?v=JEMaXmFFJUM (Martina Vormann-Sauer)

http://shelf3d.com/82_zTyEVfYc#R%C3%A9gine%20Crespin%20:%20%22Sch%C3%B6ne%20Fremde%22%20%28Liederkreis%29%20by%20Robert%20%20Schumann (Régine Crespin) = http://www.youtube.com/watch?v=82_zTyEVfYc

http://www.youtube.com/watch?v=MoziQhshQa4 (Crespin, op. 39/1-6)

http://www.juzp.net/hkaM_H7gF48mS = http://www.youtube.com/watch?v=YA-zPWeiHHc

http://www.youtube.com/watch?v=84dMjRcIjJY (Heike Hallschka)

http://www.myspace.com/video/rupert-stamm/sch-ne-fremde/50003016 (Cordula Stepp – Rupert Stamm) = http://www.youtube.com/watch?v=eSHaD7gcz1U

http://www.youtube.com/watch?v=YA-zPWeiHHc

Sonstiges

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goethe-italien/italienlyrik/joseph-von-eichendorff.html (Italienlyrik der Goethezeit)

http://literaturnetz.org/9786 (Kontext des Gedichts im Roman „Dichter und ihre Gesellen“)

http://www.matrei.ruso.at/dokumente/06_fremd_hierdeis.pdf (Das Fremde, psychoanalytisch)

http://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ/germ2/neuhaus-koch/einf/strophen.html (Formen der Volksliedstrophe)

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