Eichendorff: Mondnacht – Analyse

Es war, als hätt’ der Himmel …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=113

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/6.+Geistliche+Gedichte/Mondnacht

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/eic_jf05.html

http://www.lyrik123.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht-2-10378/

Das Gedicht, 1835 entstanden, wurde erstmals 1837 veröffentlicht. Das Thema „Himmel küsst Erde“ finden wir bereits bei Friedrich von Logau, rund zweihundert Jahre vor Eichendorff. Ich zitiere den Vierzeiler, damit man vergleichen kann, was der Romantiker Eichendorff aus dem Motiv macht:

Der Mai

Dieser Monat ist ein Kuß,


den der Himmel gibt der Erde,


Daß sie jetzund [jetzt] seine Braut,


künftig eine Mutter werde.

Es gibt sehr viele Interpretationen des Gedichts, das derzeit das am meisten bei google aufgerufene Gedicht Eichendorffs ist. Ich zimmere nur einen Rahmen, in den man einordnen kann, was man über google alles findet – dabei sollte man das allzu heftig Phantasierte (Beziehungen zur Gottesmutter Maria, Wind als Heiliger Geist, drei Strophen -> Dreifaltigkeit, Sonnenuntergang, Geschehen im Mai usw.) kritisch herausfiltern.

Kommunikationssituation: Ein lyrisches Ich (s. V. 9) beschreibt ein vergangenes „Erleben“ (Präteritum: „Es war“, V. 1); dieses Erleben muss man sich wie üblich bei Eichendorff nicht als „real“ vorstellen, sondern als dichterisch-fiktive Komposition naturhafter Elemente zu einem Gesamtbild.

Zunächst beschreibt das Ich, ehe es einzelne „Eindrücke“ wiedergibt, in einem Vergleich, wie es insgesamt war: „als hätt’ der Himmel / die Erde still geküßt“ (V. 1 f.). Das ist ein irrealer Vergleich (Konjunktiv II); so war es also nicht – es war so, als wäre es so gewesen. Es war da so, als wäre die große Einheit der Welt wieder hergestellt worden; als wäre die Trennung von Himmel und Erde rückgängig gemacht worden, als hätte Erlösung stattgefunden. [Im Christentum wird dies im Mythos von der Menschwerdung Gottes ausgedrückt. Manche hören in diesem Kuss einen Anklang an den griechischen Mythos; aber dieser Bezug ist nicht zwingend erwiesen und auch nicht zum Verständnis erforderlich.] Was dieser fiktiv-irreale Kuss bedeutet, wird im folgenden Konsekutivsatz gesagt: so geküsst, „Daß sie im Blüten-Schimmer / Von ihm nun träumen müßt.“ (V. 3 f.) Der irreale Blütenschimmer (Es ist also nicht Mai, es sind auch keine Blüten zu sehen: Der Sprecher bewegt sich in einem irrealen Vergleich!) ist/wäre die Antwort der Erde auf den stillen Kuss, ihr bräutliches Leuchten, mit dem sie andeutet, dass sie von ihrem Himmelsbräutigam träumt.

Die vier Verse sind in dreihebigen Jamben abgefasst, abwechselnd mit weiblicher und männlicher Kadenz, wobei sich die Verse mit weiblicher Kadenz unrein, die mit männlicher Kadenz rein reimen und auch in semantischer Entsprechung stehen: still geküsst / träumen müsst (V. 2/4). Die Strophe besteht aus zwei Sätzen, Hauptsatz (V. 1 f. – genauer: Hauptsatz mit Nebensatz zum Vergleich, also Modalsatz) und Konsekutivsatz; jeder Satz wird durch die weibliche Kadenz im Sprechen in der Mitte (Ende V. 1, 3) ganz leicht angehalten, während der reine Reim und das Satzende hinter V. 2/4 eine große Pause erzeugen. Zusammen mit dem jambischen Takt ergibt das ein ruhig-fließendes Sprechen.

In der mittleren Strophe beschreibt der Sprecher seine konkreten Natureindrücke in vier Hauptsätzen, die durch Komma (ohne Konjunktion) voneinander getrennt sind. Dass die Luft ging, spürte er; dass demgemäß die Ähren sacht wogten, sah er; dass die Wälder leis rauschten, hörte er. Schwierig ist der Anschluss des vierten Satzes, da man das einleitende „So“ nicht als Ausdruck eines kausalen Verhältnisses lesen kann; die Partikel „so“ ist „bei adjectiven und adverbien den grad, das masz bezeichnend“ (DBW Grimm), das passt genau in den V. 8 (d.h. dann auch, dass „So“ nicht betont wird). Die beiden Hauptaussagen stehen in V. 5 und v. 8; V. 6 und V. 7 erläutern den in V. 5 genannten Luftzug oder –gang.

Insgesamt fällt bisher auf, dass alle gedachten, gesehenen oder gehörten „Ereignisse“ die Qualität des Leisen und Sachten aufweisen (still, V. 1, mit „träumen“, V. 4; sacht, V. 6; leis, V. 7). Die Versöhnung von Himmel und Erde geschieht nicht beim Lärm einer Kreuzigung, sondern in der Ruhe einer „Mondnacht“ (Überschrift). Diese Überschrift ist erstaunlich, weil im Text des Gedichts nirgends vom Mond die Rede ist, auch nicht vom Mondschein. Man müsste also auf andere Gedichte Eichendorffs zurückgreifen, um die Bedeutung des Mondes und Mondscheins zu verstehen („Paläste im Mondenschein“, in „Sehnsucht“; Bäche „im Mondenschein“, in „Lockung“).

Von diesem Erleben wird das lyrische Ich ergriffen; wie es ergriffen wird, beschreibt es metaphorisch (durch „Und“ angeschlossen, V. 9): Meine Seele spannte ihre Flügel aus (V. 9 f.). Das ist ein Bild, wofür wir keine Anschauung besitzen. a) Wenn man sich an den Wortsinn hält, kann eine Seele mit Flügeln davonfliegen, sich über den täglichen Kleinkram und Ärger erheben – das passt gut in den Zusammenhang des Gedichts: Sie spannte die Flügel aus, als wollte sie zum Flug abheben, sich erheben. b) Es gibt ein Gedicht Herders aus dem Jahr 1786:

Die Flügel der Seele.



Unglückseliges Leben, das ohne Liebe gelebt wird;


     Wort und That; es gelingt ohne die Liebe mir nichts.


Träge bin ich und schleiche dahin; bei Zenophila’s Anblick


     flieg’ ich, glücklich und leicht wie der geflügelte Blitz.

Also rath’ ich es allen, der süssen Liebe zu folgen,

     nicht zu entfliehn. Sie giebt Fittig’ und Flügel dem Geist.

Dieses Gedicht, ob Eichendorff es nun gekannt hat oder nicht, zeigt die Seelen- oder Geistesflügel im Vergleich als Mittel, durch Liebe dem unglückseligen Leben und dem schleichenden Gang des Daseins zu entkommen; so haben wir sie oben bereits gedeutet.

Im nächsten Satz berichtet das Ich dann vom Flug der Seele oder des Herzens, wie ich „Seele“ lesen möchte [Es geht also nicht um „die Seele“ eines Toten, sondern wie bei Herder um das Herz als den Kern des Menschen.]: Sie „Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.“ (V. 11 f.) Der Flug folgt folgerichtig auf das Ausspannen der Flügel; Ort des Fliegens sind die stillen Lande, die in der zweiten Strophe beschrieben werden. In einem irrealen Vergleich [Die dritte Strophe wird also nicht vom Konjunktiv beherrscht, sondern am Schluss der 3. Strophe wird in einem irrealen Vergleich beschrieben, wie die Seele fliegt!] wird zum Schluss beschrieben, wie die Seele durch die stillen Land fliegt: als flöge sie nach Haus. Der Flug ist also ein glücklicher Flug, ein Seelenflug aus der Fremde in die Heimat; er wird durch die Versöhnung von Himmel und Erde möglich. Dieser Seelenflug hier und jetzt mag einem frommen Leser als Abbild oder Vor-Bild eines künftigen Seelenflugs in die himmlische Heimat erscheinen („Wir sind nur Gast auf Erden“, christlich-platonisch gesprochen), aber davon ist nicht die Rede; er ist in Wahrheit jetzt schon ein heimatlicher Flug, da Himmel und Erde ja versöhnt sind: So war es in dieser Mondnacht.

Gerade bei diesem Gedicht wird außerordentlich viel „gedeutet“ und pseudomystischer Tiefsinn „gefunden“ = fabriziert; das hat nur nötig, wer den bei ruhigem Zuhören und (Vor)Lesen leicht greifbaren Sinn nicht erfasst.

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/autoren/eichendorff/wahrnehmung-als-konstrukt-in-eichendorffs-mondnacht.html (von der Sekundärliteratur abhängig)

http://herrlarbig.de/2010/09/30/gedichtinterpretation-joseph-von-eichendorff-mondnacht/ (lineare Interpretation, mit deren Stärken und Schwächen)

http://www.lesekost.de/gedicht/HHL219.htm (solide Deutung)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/84.pdf (deutungssüchtig, etwas unbeholfen: eine gute Schülerarbeit)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/587/586.pdf (die gleiche Arbeit)

http://www.michaelseeger.de/see/literat/mondnacht1.ppt (einige analytische Fragen, mit Antworten)

http://de.scribd.com/doc/29742149/K12-Deutsch-Mitschrift-Gedichtanalyse-Eichendorff-Mondnacht (Tafelbild einer Stunde, Stichworte, deutungssüchtig)

http://www.frustfrei-lernen.de/deutsch/mondnacht-joseph-von-eichendorff.html (hilflos, Schülerarbeit)

http://www.rhetoriksturm.de/mondnacht-eichendorff.php (hilflos, Schülerarbeit)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht,textbearbeitung,13.html (sehr mythisch-phantasievoll)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht,textbearbeitung,14.html (ebenfalls phantasievoll: Sonnenuntergang??)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht,textbearbeitung,101.html (relativ solide)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-mondnacht,textbearbeitung,161.html (mit Gliederung – das „Deuten“ hat kein Ende)

http://de.wikibooks.org/wiki/A_Poem_a_Day/_25._Oktober:_Mondnacht_(Joseph_von_Eichendorff) (eine persönliche Rezeption)

Gerhard Kaiser: Mutter Natur als Himmelsbraut. Joseph von Eichendorff: „Mondnacht“. In: Augenblicke deutscher Lyrik, it 978, 1987, S. 178 ff.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=V-A4GDXxpng (Fritz Stavenhagen) = http://www.deutschelyrik.de/index.php/mondnacht.html

http://www.rezitator.de/gdt/345/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=6IaQ2F4BFyo (Karsten Eckert)

http://www.lyrik-audio.de/index.php?cat=DichterD-F (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=ihzZGy17LpQ (Frauenstimme)

http://www.youtube.com/watch?v=wCLcylYgG1c (Schumann: Peter  Schreier)

http://www.youtube.com/watch?v=ff1RRhVHnIg (Schumann: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=kBGyJvHe0kc (dito)

http://morgenlaenders-notizbuch.blogspot.de/2012/04/musik-am-abend-mondnacht.html (Schumann: Regine Crespin)

http://www.youtube.com/watch?v=ZDaz46NE9yU (Schumann: Paloma P. Inigo)

http://www.youtube.com/watch?v=l2QhFc_dsbM (Oliver Kels: Manh Dung)

http://www.youtube.com/watch?v=5w3U-pzSRZc (als Kinderlied)

http://www.youtube.com/watch?v=_FODADv6l4k (gerappt)

http://www.youtube.com/watch?v=oM89kJMHUTo (dito)

Sonstiges

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/autoren/eichendorff/schumanns-vertonung-von-eichendorffs-mondnacht.html (Noten von Schumanns Vertonung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=forum&sub=discussion&add=518 (Vertonungen)

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