Eichendorff: Im Walde – Analyse

Es zog eine Hochzeit den Berg entlang …

Text

http://www.textlog.de/22469.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Im+Walde

Das Gedicht, 1836 veröffentlicht, wurde bereits 1840 von Schumann vertont. Es findet heute zwar als Lied, aber kaum noch als Gedicht Beachtung und ist mehr wie durch ein Wunder in meinen „Kanon“ gerutscht. Es gibt eine besonnene Interpretation im Internet, auf die ich hier verweise: http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/romantik/eichend_1.htm.  Ich möchte daher nur auf einige Besonderheiten zusätzlich hinweisen, weil zu der genannten Interpretation nicht viel hinzuzufügen ist:

1. Das Gedicht „Im Walde“ ist ein Standardbeispiel für die Form der Vagantenstrophe, einer Art der Volksliedstrophe.

Strophenmaß der Volkslieddichtung: vier (i.a.) iambische, alternierend vierhebige ‚männliche’ und dreihebige ‚weibliche’ durch Kreuzreim verbundene Verse

Die Vagantenstrophe der Volkslieddichtung geht auf die in der lateinischen Literatur des Mittelalters gebräuchliche Vagantenstrophe zurück, die auf der sogenannten Vagantenzeile beruht. Diese metrisch komplexe Langzeile besteht aus zwei Teilen: einem ersten mit vier Hebungen auf sieben Silben, und einem zweiten mit drei Hebungen auf sechs Silben.

In der Vagantenstrophe der Volkslieddichtung sind diese Langzeilen gleichsam ‚aufgebrochen’, so daß sie nur ‚halb’ vorliegt (weil sie aus ‚nur’ zwei Vagantenzeilen besteht).

Dieses Strophenmaß wird vor allem in der traditionellen deutschsprachigen Volkslieddichtung, aber auch in deren kunstvoller Wiederaufnahme in der Goethezeit verwendet: Es zog eine Hochzeit den Berg entlang …“ (http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/2462.htm)

2. „mich schauert“ (V. 8) ist vom Nomen „Schauer“ abgeleitet. Dazu finden wir in Adelungs Wörterbuch (1793): „2) Eine schnell vorüber gehende Erschütterung der Haut, dergleichen man bey einem plötzlichen Anfalle der Kälte, bey einem hohen Grade des Schreckens, des Abscheues, der Angst u.s.f. empfindet. Es läuft mir ein Schauer über die Haut. Der Schauer kommt mich an. Überläuft sie nicht ein Schauer bey diesen Frechheiten?

Der Schauer, welcher mich mit kalter Angst durchläuft,         Weiße.

Schon bey dem Stryker ist Schawr Schrecken, Horror, welches letztere selbst hierher gehöret, indem ihm nur der Zischlaut mangelt. Ein höherer Grad des Schauers heißt Schauder, vermittelst des intensiven d, und in Franken hat man das noch mehr verstärkte Schütter für Schauder und Schauer. Oft ist der Schauer eine Wirkung des höchsten Grades der Ehrfurcht, der mit einer Art von Furcht und Schrecken verknüpften Empfindung der Größe, der Majestät, daher es bey den Dichtern häufig für diese Empfindungen gebraucht wird.

Ein mächtiger Schauer rauscht

Durch das erschrockne Thal in dem kein Waldgott lauscht,      Cron.

O, senkt euch herab von rauschenden Wipfeln,

Heilige Schauer, die ganz die Seele des Dichters empfindet!     Zachar.

Wo sich aber auch der Begriff der feyerlichen Stille mit einschleicht, welche eine Figur der vorigen Bedeutung der Bedeckung seyn kann.“

3. Mir fällt auf, dass zunächst von den lauten Begebenheiten erzählt wird (Präteritum: zog, hörte usw.), während zum Schluss gegen jede Erzähllogik der Sprecher ins Präsens verfällt: „Nur von den Bergen noch rauschet der Wald …“ (V. 7 f.). V. 6 bildet den Übergang („Die Nacht bedecket …“); „bedecket“ ist zwar eine Präsensform, könnte zur Not aber auch als Präteritum gelten: wegen des e vor der Personalendung t, als Analogie zu „redete“ u.ä. (obwohl „bedecket“ natürlich eine Präsensform ist). Wenn man diesen Tempussprung erklären will, muss man V. 1-5 als erzählte Erinnerung des lyrischen Ichs und V. 6-8 als gegenwärtige (Selbst)Wahrnehmung ansehen. Als Grund des Schauerns kommen dann das Erleben der Nacht (nach dem Blitzen der Reiter, V. 3) und das stille Rauschen des Waldes (nach dem Lärm des Zuges und dem Klingen der Hörner) in Frage – was genau, ist schwer zu sagen: die Welt-losigkeit des Ich o.ä.

4. Man muss immer ganze Verse lesen, um die Semantik der Reime zu begreifen. Der Reim „entlang / klang“ (V. 1/3) ist also sinnlos. Sinnvoll ist die Abfolge: „Es zog eine Hochzeit den Berg entlang, / Da blitzen viel Reiter, das Waldhorn klang“ (V. 1/3), weil das die Bezeichnung des Allgemeinen (Hochzeitszug) und der einzelnen Eindrücke (Reiter, Waldhorn) darstellt. Solches lässt sich ähnlich von der anderen Versen zeigen (und sollte immer untersucht werden, statt dass man sich mit der Benennung der Reimformen begnügt!).

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=sIo97CjK4eY (Risse)

http://www.youtube.com/watch?v=_-c7rTguQfg (Schumann: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=RqmFsbB1kG0 (Schumann: Régine Crespin)

http://www.youtube.com/watch?v=OaY5T3awX7M (Schumann: Hermann Prey)

http://www.youtube.com/watch?v=2gR5DrScYQg (Schumann: Emmi Leisner)

http://www.youtube.com/watch?v=5mB_3LH0Itk (Schumann: N. Minegishi)

Sonstiges

http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/Images/db/wiss/bildende_kunst/illustrationen/bagge_lieder/Im_Walde_Eichendorff_Bagge__700x986_.jpg [auf der Seite

http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/bertha-bagge-lieder-und-bilder-in-zeichnungen.html] (Illustration zum Gedicht, Bertha Bagge)

http://www2.kubiss.de/~phpk250/wp-content/uploads/2012/05/Strophenformen.pps (Strophenformen)

http://www.jungeforschung.de/grundkurs/Strophenformen.pdf (dito, alphabetisch)

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