Eichendorff: Abschied – Analyse

O Täler weit, o Höhen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=89

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/1.+Wanderlieder/Abschied

http://de.wikisource.org/wiki/Abschied_(Eichendorff) (schlechte Quellenangabe)

Das Gedicht ist 1810 entstanden und 1815 in „Ahnung und Gegenwart“ ohne Titel veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Gedichte von 1841 heißt es „Abschied“; weitere Titel sind „Im Walde bei L.“ (1826) und „Im Walde der Heimat“ (1826), 1836 „Im Walde“ und erst ab 1837 „Abschied“.

Aufbau des Gedichts (Überblick, erster Eindruck) als hermeneutischer Rahmen: Zuerst spricht das lyrische Ich (V. 3: meiner) den Wald an und preist ihn; es bittet ihn um eine letzte Behütung vor seinem Abschied(?). Darauf beschreibt es (2. und 3. Strophe), was im Wald geschieht, „Wenn es beginnt zu tagen“ (V. 9); da fühlt das Ich sich erhoben, da findet es Weisung für sein Leben; da hat es innere Klarheit gewonnen. Zum Schluss (4. Str.) blickt das Ich in die Zukunft: Auch wenn es bald vom Wald getrennt ist, wird dieser mit seines „Ernsts Gewalt“ das Ich vor der Entfremdung bewahren.

Zunächst wird der Wald inmitten der ganzen Landschaft (V. 1) persönlich angesprochen (dreimal „O“, V. 1 f.). In doppelter Metonymie (meine Lust; andächtiger Aufenthalt) wird der Wald als der Ort gepriesen, wo das Ich mit Freud und Leid Zuflucht gefunden hat (Wehen: Plural von „das Weh“ = Schmerz, unglücklicher Zustand). „Andächtiger Aufenthalt“: Andacht ist hier „[e]ine besondere Übung der Religion, besonders das Gebeth, gleichfalls ohne Plural. Seine Andacht haben, oder verrichten, bethen.“ (Adelung) Das Ich hat in seinem Wald Lust und Leid als „Andacht“ erlebt. Seine Bitte um Geborgenheit (V. 7 f.) leitet es ein, indem es die Gegenwelt des Waldes nennt und herabsetzt: „die geschäftge Welt“ (V. 6); die ist „draußen“ (V. 5), ist die Fremde (V. 26), ist der Ort der Untreue („stets betrogen“, V. 5). Die Bitte (Imperativ: Schlag, V. 7) darum, „noch einmal“ (V. 7) im Wald geborgen zu sein, wird in einer zweifachen Metapher ausgesprochen. Der Wald wird als „grünes Zelt“ angesprochen; Zelt ist „eine spitz zugehende Wohnung von Leinwand oder Fellen, welche mit Stangen und Stricken befestigt wird, und jetzt nur noch bey den Armeen im Felde gebraucht wird. Die Zelte aufschlagen, abschlagen u. s. f. Zelt ist im gemeinen Leben am gangbarsten, und wird um der Kürze Willen auch noch zuweilen von Dichtern gebraucht“ (Adelung). Ob die Stämme des Waldes die Vorstellung „Zelt“ begünstigen, kann offen bleiben; schwieriger ist das Bild „die Bogen um mich schlagen“ – ich denke hier an die Zeltbahn, die über die Zeltstangen gespannt wird und eine Art Bogen bildet. Der Wald soll also als Zelt selbst aktiv werden und seine „Bogen“ schützend über das Ich ausspannen.

Die poetische Form ist die der Volksliedstrophe (siehe dazu die Links in diesem Aufsatz): Jambus, dreihebig, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, Kreuzreim; mehrfach ist die erste Silbe gegen den Takt betont (Du, An-, Saust, Schlag, evtl. auch „Um“), was einen lebhaften Rhythmus ergibt. Die semantisch sinnvollen Reime sind die jeweils zweiten Verse: grüner Wald / Aufenthalt (V. 2/4); die geschäftge Welt / du grünes Zelt (V. 6/8, Gegensatz). Jeweils zwei Verse bilden eine Sinneinheit, was auch die Semantik der Reime erklärt. Es fällt auch auf, dass jeweils vier Verse innerhalb dieser und der folgenden Strophen eine größere Sinneinheit bilden, wie sich in der Analyse jeweils zeigt.

In der folgenden Strophe spricht das Ich aus seiner Erinnerung davon, was es erlebt oder erfährt, „Wenn es beginnt zu tagen“ (V. 9) – die Erwähnung der dampfenden Erde (V. 10) lässt darauf schließen, dass es sich um einen Morgen im Feld, nicht im Wald handelt; dieser Konditionalsatz reicht bis V. 12. In ihm wird beschrieben, wie die Natur so erwacht („dampft und blinkt“, V. 10, erinnert an Goethes „Mailied“), „Daß dir das Herz erklingt“ (V. 12). Da Personalpronomen „dir“ ist hier als „einem“ (= jedem) oder „mir“ zu lesen, keinesfalls als ein angesprochenes Du und schon gar nicht als „der Leser“, wie Schüler stereotyp die Personalpronomina der 2. Person Singular zu paraphrasieren pflegen. Angesichts des morgendlichen Erwachens kann einer oder das Ich selber neues Leben gewinnen (V. 13-16). Diese Erfahrung ist in zwei Sätzen, die von einem Modalverb beherrscht sind (mag, V. 13; sollst, V. 15), die ihrerseits das Gleiche besagen, wenn sie auch den Kontrast „Erdenleid / Herrlichkeit“ (V. 14/16) einschließen: Erdenleid vergeht, „du“ sollst auferstehen „in junger Herrlichkeit“ (V. 16). „Herrlichkeit“ ist ebenso wie „auferstehen“ dem religiösen Bereich entnommen, beide Worte werden hier metaphorisch für den neuen Aufbruch oder den Aufbruch in ein neues Leben (jung, V. 16) gebraucht.

Die poetische Form ist die gleiche wie in der 1. Strophe; die beiden „Da“ (V. 13 f.) weichen vom Taktschema ab. Die 3. Strophe schließt anaphorisch mit „Da“ (V. 17) an die 2. Strophe an: Da, in dieser segensreichen Morgenfrühe, findet das Ich seine Tageslosung oder Lebensanweisung („Wort / Vom rechten Tun und Lieben“, V. 19 f.) im Wald, „Und was des Menschen Hort“ (V. 20). „Hort“ kann (nach Adelung) zweierlei bedeuten, 1. „ein im Hochdeutschen veraltetes Wort, einen Fels, und figürlich einen sichern, festen Ort, zu bezeichnen; in welchen Bedeutungen es in der Deutschen Bibel mehrmahls vorkommt, wo Gott sehr oft ein starker Hort, der Hort des Heils, der Hort Israel u. s. f. genannt wird“; 2. „ein Schatz, eine kostbare Sache, welche man sorgfältig verwahret; ein im Hochdeutschen gleichfalls veraltetes Wort, welches nur noch zuweilen von den Dichtern im Andenken erhalten wird.“ Als Parallele zur Lebensweisung scheint mir die erstgenannte Bedeutung hier die passende zu sein, da auch sie dem religiösen Bereich nahe steht. Nun berichtet (Perfekt – passend zu unserer Deutung des konditionalen „Wenn“, V. 9) das Ich, wie es selbst dieses Waldwort aufgenommen hat: „treu gelesen“, sodass es in seinem Wesen „unaussprechlich klar“ wurde (V. 21-24); denn die Waldworte sind „schlicht und wahr“ (V. 22), also ganz anders als die betrügerische Welt (V. 6). Der Wechsel vom Singular zum Plural (ein Wort, V. 18; die Worte, V. 22) hat nichts zu bedeuten; wie das Waldwort lautet, wird nicht gesagt – Unbestimmtheit als Bedingung vielfältigster Rezeption. Das Waldwort hat religiöse Qualität („unaussprechlich“: negative Theologie), ist ein Gotteswort; vielleicht ist es sogar das Gotteswort.

Nach diesem Glaubensbekenntnis wird der Wald zum „Abschied“ (Überschrift) angesprochen (V. 25); das Ich blickt in sein künftiges Leben, um auszudrücken, wie der Wald auch noch nach dem Abschied in ihm gegenwärtig sein wird. Es wird sein Leben in der „Fremde“ führen, dort „Des Lebens Schauspiel sehn“; die Fremde ist bei Eichendorff der Ort der Entfremdung von der Heimat, wo man leicht zugrunde geht. Die Theater-Metapher war seit dem 16. Jahrhundert weit in ganz Europa verbreitet: „Theatrum mundi (lat. „Welttheater“) ist eine Metapher für die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt, die in Renaissance und Barock häufig gebraucht wird. Mit dem Vorwand der Warnung (siehe Vanitas) wurden solche Welttheater mit den verschiedensten Mitteln inszeniert“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Theatrum_mundi). „Es ist besonders hervorzuheben, dass die Theatrum-Metapher von nahezu sämtlichen Wissenschaften und Künsten gebraucht wird. Die Metapher von der Welt als Theater entstammt dem literarischen Bereich, wird aber als Theater der Welt auf andere Künste und Wissenschaften ausgeweitet.“ (Christian Weber: Theatrum Mundi) Die letzten vier Verse bilden die letzte Sinneinheit: Das Ich bekräftigt seine Zuversicht, dass mitten in diesem Leben in der Fremde (V. 29 greift auf V. 27 f. zurück: des Lebens Schauspiel) der Wald hilfreich da sein wird: Der Ernst des Waldwortes steht gegen das Schauspiel des Lebens und kann so den in der Fremde „Einsamen“ erheben (V. 31, vgl. auferstehen in Herrlichkeit, V. 15 f.), „So wird mein Herz nicht alt.“ (V. 32) Mit dem Schlussvers wird einmal auf die erwähnte Klärung des Wesens (vgl. Herz) durch das Wort (V. 23 f.), sodann auch auf das Auferstehen in junger (!) Herrlichkeit (V. 15 f. – hier: „nicht alt“) zurückgegriffen. Der Wald wird das Ich auch dann behüten können, wenn das Ich ihn verlassen hat, weil sein Wort vom Ich treu gelesen und aufgenommen worden ist (V. 21 f.). – In der 4. Strophe sind „Bald, Fremd, So“ und evtl. auch „Mich“ gegen den Takt betont. Bei den Reimen ist festzuhalten, dass V. 30/32 keine semantische Entsprechung bilden, weil der Satz diesmal drei Verse umfasst (V. 29-31, zwei Enjambements), also von der oben festgestellten Zweizeiligkeit abweicht. – Eichendorff hat „den Wald zum Sinnbild einer organischen, auf das Mittelalter zurückweisenden Gesellschaftsform erhoben: sein natürliches Wachstum sollte das Muster für eine neue organische Verbundenheit der Individuen und sozialen Korporationen abgeben“ (Gert Sautermeister).

Die Rezeption des Gedichtes sowohl als Gedicht wie als Lied, das eine religiöse Grundmelodie fernab der Offenbarungsreligionen anschlägt, dauert bis in unsere Zeit, wozu sicher auch der hohe Grad der Unbestimmtheit beigetragen hat.

P.S. Es gibt eine frühe Fassung des Gedichts unter dem Titel „An den Hasengarten“. Ich referiere diesen Text, ohne herauszuarbeiten, wie Eichendorff ihn überarbeitet hat – vielleicht  reizvolle Aufgabe für einen Leistungskurs Deutsch:

„Die erste Fassung dieses Liedes nimmt mit dem Titel unmittelbar Bezug auf sein Kinderreich, den Hasengarten, einen Teil des kleinen Schloßparks, der in Wald übergeht und zugleich den Blick ins Odertal öffnet:

An den Hasengarten

 

O schöner Grund, o Höhen,

O schöner, grüner Wald,

Du meiner Lust und Wehen

Andächt’ger Aufenthalt!

Da draußen, stets betrogen,

Saust die geschäft’ge Welt,

O schlag’ die kühlen Wogen

Um mich, du grünes Zelt!

 

Wenn es beginnt zu tagen,

Die Erde dampft und blinkt,

Die Vögel lustig schlagen,

Daß dir das Herze klingt:

Da mag vergehn, verwehen

Das trübe Erdenleid,

Da sollst du auferstehen

In junger Herrlichkeit.

 

Da steht im Wald geschrieben,

Ein stilles, ernstes Wort

Von treuem Tun und Lieben

Und was des Menschen Hort:

Ich habe fromm gelesen

Die Worte schlicht und wahr,

Und durch mein ganzes Wesen

Ward’s unaussprechlich klar.

 

Bald werd’ ich Dich verlassen,

Fremd in der Fremde gehn,

Auf buntbewegten Gassen

Des Lebens Schauspiel sehn,

Und mitten in dem Leben

Wird Deines Ernsts Gewalt

Mich Einsamen erheben,

So wird mein Herz nicht alt.

 

Dir gibt nicht Ruhm, noch Namen,

Was ich hier dacht’ und litt;

Die Lieder, wie sie kamen,

Schwimmen im Strome mit.

So rausche unverderblich

Und stark viel’ hundert Jahr!

Der Ort bleibt doch unsterblich,

Wo Einer glücklich war.“

(Hartwig Schultz: Joseph von Eichendorff. Eine Biographie. Insel Verlag, S. 18 f.)

Reinhard Deichgräber: Zuflucht (2002, S. 40 f.), nennt wie Paul Stöcklein (rm 84, 1963, S. 94 f., mit Autograf S. 96) die ursprüngliche Fassung eine dreistrophige, wobei die zweite Strophe so beginnt: „Bald werd ich dich verlassen ….“ Es fehlen bei beiden also die 2. und 3. Strophe der von H. Schultz wiedergegebenen Fassung.

http://www.lesekost.de/HHL217.htm (knapp)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-abschied,textbearbeitung,9.html (viele Einzelheiten: Es fehlt das geistige Band.)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-abschied,textbearbeitung,232.html (hilflos gegenüber dem Text)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-abschied,textbearbeitung,274.html (genau so hilflos)

http://www.vormbaum.net/index.php/component/docman/doc_download/97-aufsatzbeispiel-fuer-einen-gedichtvergleich?Itemid=186 (Gedichtvergleich mit Lichtenstein: Der Winter)

http://www.dr-peter-wieners.de/autoren-a—l/eichendorff/gedichte/abschied-vergleich-mit-brecht-schlechte-zeit.html (Gedichtvergleich mit Brecht: Schlechte Zeit für Lyrik)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=rkZwtWlxqNg (Fritz Stavenhagen)

http://gedichte.xbib.de/mp3-audio_Eichendorff_Abschied.htm (Maria Kindermann)

http://www.youtube.com/watch?v=x8Z4btOzJuQ (The King’s Singers)

http://www.youtube.com/watch?v=oCN2NQnVflI (Kammerchor Berlin)

http://www.youtube.com/watch?v=J9R2QqhpVgc (Philharmonischer Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=yuEk4LpcR84 (Singkreis Kulmbach)

http://www.youtube.com/watch?v=M-SBEVp49uk (Chor aus Fürstenberg)

und weitere Chöre, s. youtube-Suchfenster!

http://www.youtube.com/watch?v=v8cTlUscuqE (Parodie)

Sonstiges

http://deutschstundeonline.blogspot.de/2011/11/analyse-und-interpretation-von.html (Vorschlag grafischer Textanalyse, 2. Beispiel; Lehrerin)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Romane/Ahnung+und+Gegenwart/Erstes+Buch/Zehntes+Kapitel (Kontext im Roman „Ahnung und Gegenwart“)

http://deutschstundeonline.blogspot.de/2011/11/analyse-und-interpretation-von.html (Noten: Mendelssohn-Bartholdy)

http://gedichte.xbib.de/_Abschied_gedicht01.htm (Abschiedsgedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/3.+Zeitlieder/Abschied (weiteres Gedicht Eichendorffs mit dem Titel „Abschied“)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,+Joseph+von/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1841)/6.+Geistliche+Gedichte/Abschied (dito)

http://www.metaphorik.de/14/Laube.pdf (Theatermetapher im Pietismus)

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_gro%C3%9Fe_Welttheater (Calderons Stück)

http://fisch.gozmoz.net/fisch.php?ID=16 („Abschied“ mit Übersetzungsprogramm ins Englische und zurück ins Deutsche übersetzt)

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