Matthias Claudius: An – als Ihm die – starb, Analyse

Der Säemann säet den Samen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=41

http://www.lyrik123.de/matthias-claudius-an-als-ihm-die-starb-9916/

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Erster+und+zweiter+Teil/An+-+als+ihm+die+-+starb

Das Gedicht ist 1771 erschienen. Matthias Claudius’ einzige noch lebende Schwester Dorothea Christine, Ehefrau des Gleschendorfer Pfarrers Müller, Mutter von vier Kindern, verstarb 1766 im Alter von 22 Jahren. Peter Berglar stellt in seiner Claudius-Biografie (rm 192, 1972, S. 23) das Gedicht in einen Zusammenhang mit diesem Todesfall, der Claudius erschüttert habe. Das Gedicht ist ein Trostwort, an einen Ungenannten gerichtet, dem vermutlich die geliebte Frau gestorben ist („als Ihm die – starb“, Überschrift); es könnte vom Text her aber auch die Tochter des Ungenannten sein, der mit „du“ (2. und 3. Str.) angesprochen wird.

Die geliebte Person wird in der Metapher der Blume erfasst. In der 1. Strophe wird in dieser naturhaften Metaphorik die Entstehung der Blume beschrieben (im Präsens); sie ist mit dem bestimmten Personalpronomen bezeichnet, was einerseits für jede Blume steht, anderseits auch schon leise auf eine ganz bestimmte vorausdeutet. Mit Säen und Empfangen (V. 1 f.) wird ebenso auf das normale Säen wie auf die liebende Vereinigung von Menschen verwiesen; diese ist genauso in das Gesetz der Natur einbezogen wie das normale Säen des Bauern. Dreimal wird ein Wort vom Stamm „säen“ verwendet; nach der Empfängnis „Keimet die Blume herauf“ (V. 3). Mit einem Gedankenstrich wird Einhalt geboten, damit der Adressat seinen Gedanken an die Blume nachhängen kann.

In der 2. Strophe berichtet der Sprecher (Präteritum), indem er sich direkt an das Du wendet, vom Geschick der Blume, von der Verbundenheit des Du mit ihr. In zwei Versen spricht er schlicht von der großen Liebe zu ihr (V. 4 f.), um in V. 6 ebenso schlicht von ihrem Tod zu sprechen: „Und sie entschlummerte Dir!“ Durch den Kontrast zu V. 5 („Gewinn“) wird so ein Verlust umschrieben; das Verb „entschlummern“ mildert die Härte des Sterbens, indem der Tod in die Nähe des Schlafes gerückt wird – Schlaf aber ist ein vorübergehender Zustand.

In der 3. Strophe wendet er sich an das trauernde Du, einen Mann („Ihm“), und fragt ihn, warum er überhaupt trauert: warum er weint (V. 7), warum er klagt (V. 8 f.). „Die Hände emporheben“ habe ich mit „klagen“ umschrieben, der Wortlaut ist allerdings unbestimmter; denn es wird nicht festgehalten, was das weinende Du in dieser Haltung äußert. Selbst diese Haltung ist vielleicht nur ein Bild: die Hände zur Wolke des Todes emporheben (V. 8 f.). Es ist die „Wolke des Todes und der Verwesung“ (V. 8 f.) – was heißt das? Dunkle Wolken kündigen Gewitter an, bedeuten Unheil; aber hier fehlt das Attribut „dunkel“. Anderseits sind Wolken etwas Flüchtiges, schnell Vergehendes und Verwehtes. Im Kontext des Gedichtes halte ich die zweite Bedeutung eher für die treffende: Nach einer kleinen Weile keimt die Blume (V. 2 f.), „nur wenige Tage“ (V. 11) währt ein Menschenleben, nur kurz besucht der Adler die Erde (5. Str.) – all dies sind Belege für die kurze Dauer dessen, was das Irdische betrifft. Dann ist die Logik der Frage folgende: Was lässt du dich von Tod und Verwesung treffen, wo sie doch nur ein Wolke sind und selber schnell wieder vergangen? Hier werden der „Zustand“ Tod und der Vorgang Verwesung personifiziert und über die Metapher „Wolke“ ihres Schreckens beraubt.

Der Sprecher setzt seinen Trost mit einer Begründung fort; diese besteht aus zwei Teilen, die auf die beiden folgenden Strophen verteilt sind und in Kurzform lauten: Das Leben des Menschen ist wesentlich kurz (4. Str.), aber danach kehrt er in seine Heimat zurück (5. Str.). In der 4. Strophe greift der Sprecher zunächst auf biblische Bilder zurück:

„Des Menschen Tag sind wie Gras, er blüht wie die Blume des Feldes.

Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr.

Doch die Huld des Herrn währt immer und ewig …“ (Psalm 103,15-17)

Alles Sterbliche ist wie das Gras, und all seine Schönheit ist wie die Blume auf dem Feld.

Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Atem des Herrn darüberweht.

(…) doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.“ (Jes 40,6-8)

Hier im Gedicht ist die Blume durch „Blätter“ ersetzt (V. 11); vielleicht ist aber bereits die Blume der beiden ersten Strophen aus diesen Bibelworten mit herausgesponnen, auch wenn „die Blume“ überhaupt eine beliebte Metapher für eine junge Frau ist.  Die zweite Aussage in der 4. Strophe greift das barocke Bild vom Welttheater auf: Wir gehen hier auf der Bühne verkleidet einher, aber „nur wenige Tage“ (V. 11 – wie oben „ein kleines [Weilchen]“, V. 2; „Wie Gras“, V. 10; „säumt nicht“, V. 14). Die Theater-Metapher war seit dem 16. Jahrhundert weit in ganz Europa verbreitet: „Theatrum mundi (lat. „Welttheater“) ist eine Metapher für die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt, die in Renaissance und Barock häufig gebraucht wird. Mit dem Vorwand der Warnung (siehe Vanitas) wurden solche Welttheater mit den verschiedensten Mitteln inszeniert“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Theatrum_mundi). „Es ist besonders hervorzuheben, dass die Theatrum-Metapher von nahezu sämtlichen Wissenschaften und Künsten gebraucht wird. Die Metapher von der Welt als Theater entstammt dem literarischen Bereich, wird aber als Theater der Welt auf andere Künste und Wissenschaften ausgeweitet.“ (Christian Weber: Theatrum Mundi) – Das Leben ist wesentlich kurz und vergänglich, ist der Kern beider Aussagen der 4. Strophe.

In der 5. Strophe wird der gleiche Gedanke des kurzen Verweilens mit einem anderen verbunden: mit dem Gedanken der Heimkehr danach ins Lichtreich, in die Heimat („Kehret … zurück!“, V. 15). Diese Erweiterung ist an die Gestalt des Adlers gebunden, der zur Sonne fliegt. „Der Adler symbolisiert Unsterblichkeit, Mut, Weitblick und Kraft, gilt aber auch als König der Lüfte und Bote der höchsten Götter. Nach altem Glauben blickt er beim Auffliegen direkt in die Sonne, weshalb er auch ein Sinnbild für den Aufstieg in den Himmel und die Erlösung der Seele ist.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Adler_%28Wappentier%29) Der Adler ist ein symbolbeladenes Tier, das sich auch im Chorgestühl des Kölner Doms findet: „Der mit seinen Jungen zur Sonne fliegende Adler diente häufig als Symbol der Himmelfahrt Christi.“ Im Gedicht dient er als Symbol der Himmelfahrt der Seele der Verstorbenen. Die Sonne ist seine Heimat; daher bleibt er nur kurz (!) auf der Erde, wo er zu Besuch ist; doch er „schüttelt vom Flügel den Staub“ (V. 14) und kehrt dann dahin zurück, wohin er gehört. Das sei dem Trauernden zum Trost gesagt.

Das Gedicht ist in freien Rhythmen verfasst; es erinnert an Klopstocks Dichtung, den Claudius seit seiner Kopenhagener Zeit (1764/65) persönlich kannte. Die erste und dritte Zeile jeder Strophe weisen drei Hebungen auf (allerdings mit Problemen in V. 4), der jeweils zweite Vers vier Hebungen. Oft geht der Satz über das Versende hinaus, was ein freies, flüssiges Sprechen möglich macht. Bei den beiden letzten Strophen ist in der Mitte des zweiten Verses eine Zäsur; das ergibt eine dem biblischen Doppelvers (parallelismus membrorum, siehe oben die Beispiele aus Psalm 103 und Jes 40!) ähnliche Struktur ergibt, passend zur Anlehnung an die Bibel in der 4. Strophe. Um des Wohlklangs willen werden gelegentlich poetische Verbformen verwendet (weinest, V. 4; besuchet, V. 13). – Das Gedicht ist als Choral vertont worden.

Ich und Du sind noch in die großen Ordnungen der Welt eingebunden, in die Ordnung von Gras und Vergehen, von Adler und Sonnenflug; die Menschen spielen ihr Spiel unter den Augen Gottes, die Erde ist nur Bühne eines kurzen Zwischenspiels. Was haben wir dadurch gewonnen und verloren, dass uns der Glaube an dieses Welttheater abhanden gekommen ist?

Sonstiges

http://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fachbereich_physik/didaktik_physik/publikationen/wolken___gedanken_des_himmels.pdf (Belege für die Metapher „Wolke“)

http://www.igw-resch-verlag.at/lexikon/index.html?http://www.igw-resch-verlag.at/lexikon/a/ad/adler.html (Symbolik des Adlers)

http://www.notendownload.com/8/dpshop/__Der%20S%E4emann%20s%E4et%20den%20Samen%20%20Gemischter%20Chor%20%20Joh.%20Fr.%20Reichard%20%20%20M.%20Claudius__NSF48FG.sco__8_10.04.11.html (Noten J. F. Reichard)

http://www.liberley.it/c/claudius_m.htm (Werke Claudius’ im Internet)

http://www.lyrik-und-lied.de/files/Liste_aller_Gedichte.pdf (Liste der Gedichte in der Freiburger Anthologie, Häufigkeit)

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