Matthias Claudius: Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen – Analyse

So schlafe nun du Kleine! …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=50

Erstdruck in den Hamburger Adreß-Comtoir-Nachrichten, 1770, mehrfach vertont. Vor Claudius waren Wiegenlieder Gebrauchsliteratur für Mägde, um Kleinkinder zu beruhigen; bei Claudius wird die Mutter die Sängerin des Liedes, was mit einer neuen Konzeption der Familie als Raum der Intimität und Harmonie einhergeht (Gerhard Kaiser). Dieses Wiegenlied, sollte es von einer Mutter gesprochen werden, dient mehr ihrer Erbauung als der Beruhigung des Kindes – nicht umsonst endet das Gedicht mit dem Erzählerbericht, dass der Mond der Mutter selber Glück gebracht hat, wobei ihre Hochzeit den Höhepunkt ihres Lebens ausmacht (letzte Strophe).

Im Volksliederarchiv finden wir folgende Wiegenlieder aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert:

Nun schlaf mein liebes Kindelein


und tu dein Äuglein zu


denn Gott der will dein Vater sein


drum schlaf in guter Ruh

oder

Suse, liebe Suse 


was raschelt im Stroh?


Das sind die lieben Gänschen


die haben keine Schuh


Der Schuster hat´s Leder


kein´ Leisten dazu


drum gehn die lieben Gänschen


und haben keine Schuh

Ich könnte auch an Liedchen erinnern, die ich selber meinen Kindern zur Beruhigung vorgesungen habe:

Mariechen saß auf einem Stein, einem Stein, einem Stein,

Mariechen saß auf einem Stein, da saß sie ganz allein.

Mariechen saß auf einem Stein, einem Stein, einem Stein,

Mariechen saß auf einem Stein, da saß sie ganz allein.

Mariechen stand auf einem Bein …. usw.

Im Vergleich mit solchen einfachen Versen, echten Gebrauchsliedern zum Einschläfern von Kindern, können wir das Neuartige an Matthias Claudius’ „Wiegenlied“ erkennen.

Aufbau: Eine Mutter spricht zu ihrem Kind, einem Mädchen, in der Nacht bei Mondenschein (Überschrift und V. 3 f.). Sie erklärt der Tochter (im Präsens), was der gute Mond für Kinder bedeutet, besonders für Mädchen (bis 4. Str.). Nach einer Überleitung (5. Str.) kommt sie auf eine Begegnung ihrer Mutter mit dem Mond zu sprechen und erzählt (im Präteritum), wie der Mond auch ihr eigenes Leben mit Wohlwollen begleitet und ihr Glück gebracht hat (bis Ende). Sie verbindet so die jetzige Mutter-Kind-Mond-Situation mit der gleichen Situation eine Generation zuvor, sodass sich ein Kreis schließt, in dem Mutter und Kind unter dem Mond geborgen sind.

Die poetische Form des Gedichts trägt wesentlich zum Ausdruck der Innigkeit bei. Jede der 12 Strophen besteht aus vier Versen. Diese stehen im Jambus, abwechselnd drei und zwei Takte, wobei V. 1 und 3 jeweils eine Silbe zusätzlich bekommen (weibliche Kadenz), was eine ganz kleine Pause im Sprechen bedingt; dabei umfasst ein Satz oder eine Sinneinheit in der Regel zwei Verse, gelegentlich geht der Satz aber auch über diese zwei Verse hinaus (V. 12; V 22; V. 24). Die einfachen Worte sind nicht nur im Kreuzreim der Verse, sondern auch durch Alliterationen miteinander verbunden (s-Alliteration in Str. 1; m-Alliteration in Str. 3; m- und s-Alliteration in Str. 6 usw.); wegen des Zusammenhangs von Vers und Satz binden in diesem Gedicht die Reime eher die Wörter als die Verse aneinander, erzeugen also Wohlklänge statt Zusammenhänge. Auch prägt die Personifikation des Mondes den lieblichen Ton des Gedichts: Man kann mit dem Mond sprechen (V. 23 f.; V. 33 ff.), er liebt die Kinder (V. 7 f.), besonders die Mädchen (V. 9 f.) und ist ihnen gut (V. 11 f. und 15 f.); auch ihr selber hat er Glück gebracht (V. 43 ff.) – kurz, er ist wie ein lieber alter Opa (vgl. V. 17 f.), dem man Kinder (doch „Mädchen mehr“, V. 10) anvertrauen oder anempfehlen kann.

http://www.youtube.com/watch?v=1c7Sdw4UC1w (einfache Wiegenlieder, -> youtube: Schlaflieder, Wiegenlieder, Gute-Nacht-Lieder)

http://www.volksliederarchiv.de/modules.php?name=Search_topcat&topic=37&file=1800 (Wiegenlieder aus dem 18. Jh.)

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/kindergedichte/index.php?fnr=325&szaehler=1n (Schlaf- und Wiegenlieder der Dichter, und

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/kindergedichte/index.php?fnr=325&szaehler=1b andere Schlaflieder)

Vortrag

http://player.qobuz.com/#!/track/1632536 (unvollständig)

Sonstiges

http://bitflow.dyndns.org/german/WernerHehl/Matthias_Claudius_Dichter_Der_Christlichen_Gemeinde_1987.pdf (Hehl: Dichter der christlichen Gemeinde – Biografie Matthias Claudius, Würdigung)

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