Matthias Claudius: Täglich zu singen – Analyse

Ich danke Gott, und freue mich …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=55

http://www.claudius-gesellschaft.de/Kostprobe.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Dritter+Teil/T%C3%A4glich+zu+singen

Erstdruck in den Hamburgischen Adreß-Comtoir-Nachrichten, 1777; vertont von Johann Friedrich Reichardt, Franz Schubert, Johann Gottfried Schicht, Johann Abraham Peter Schulz und anderen.

Aufbau: Ein Ich-Sprecher trägt jubelnd ein Danklied vor; er bedenkt sein Leben, seine Lebensumstände und ist nicht nur zufrieden, sondern glücklich – das ruft er in diesem Lied aus und heraus. Zuerst dankt er Gott für seine Existenz (1.-3. Str.); dann dankt er wider Erwarten dafür, dass er kein großer Mann und nicht reich ist (4.-8. Str.). Zum Schluss bittet er voll Zuversicht um das tägliche Brot (9. Str.).

Form: Das Gedicht besteht aus neun Strophen in der Form der Volksliedstrophe: vier Verse, Jambus, abwechselnd vier- und dreihebig mit jeweils männlicher bzw. weiblicher Kadenz, Kreuzreim; jeweils zwei Verse bilden eine Sprech- und meistens Sinneinheit (allerdings geht der Satz in Str. 1,  3 und 5 über den jeweils zweiten Vers hinaus) – alles in allem ein lebhaft zu sprechendes Gedicht, wie es sich für ein jubelndes Danklied gehört. Die Sprache des Gedichts ist die der kleinen Leute, genauso wie die Perspektive – allerdings nicht die kritische oder aufrührerische Perspektive, sondern eine konservativ-zufriedene, verbunden mit viel Gottvertrauen; das mag den Gang der Rezeption bis heute beeinflusst haben (s.u.). [Kritische Gedichte gab es durchaus, etwa Bürgers „Der Bauer an seinen Fürsten“ (1776) oder Schubarts „Freiheitslied eines Kolonisten“ (1775), „Der gnädige Löwe“ (1775) und „Die Fürstengruft“ (1780); aber sie waren die Ausnahme, die Kritik drängte zum Drama!] Die Überschrift leitet – wen? den Sprecher, den Autor oder den Leser? – dazu an, dieses Danklied täglich zu singen.

In der 1. Strophe fällt die Verdoppelung „bin“ in V. 3 auf; das erste „bin“ bekommt gegen den Takt einen starken Akzent. In der 2. und 3. Strophe wird der daß-Satz (Aussage, worüber das Ich sich freut) fortgesetzt. Es freut sich über sein Dasein, über seine normalen Fähigkeiten des Sehens und Gehens in der Natur, über das dabei empfundene Glück. Das Schlusswort „amen“ (V. 12) macht aus diesem Danklied fast ein Gebet; es mag noch von der religiösen Einleitung der Weihnachtsbescherung herrühren, im Zusammenhang mit „bescheren“ ist es heute die Schlussformel eines geläufigen Tischgebets („Komm, Herr Jesus …“). Zweimal vergleicht er seine Freude mit der Freude von Kindern an Weihnachten (V. 1 f., V. 10 ff.); damit drückt er seine unbedingte, uneingeschränkte Freude aus, bekennt sich zugleich als beschenktes Kind des himmlischen Gott-Vaters. So rückt das Danklied doch in die Nähe eines Gebetes.

Ähnlichen Charakter hat in der nächsten Strophe die Wendung „mit Saitenspiel“ (V. 13), worin Psalm 150 anklingt: „Lobt ihn mit Posaunen, lobt ihn mit Harfe und Zither! Lobt ihn mit Tamburin und Tanz, lobt ihn mit Saitenspiel und Flötenklang!“ (Ps 150, 3 f.) So überschwänglicher Dank gilt Gott dafür, „Daß ich kein König [ge]worden [bin]“ (V. 14); parallel dazu steht der Dank,, dass er kein großer und reicher Mann ist (V. 18-20). Beide Danksagungen sind ungewöhnlich, weil normalerweise jeder einer höhere Position und Reichtum schätzt. Für beide Danksagungen weiß das singende Ich jedoch eine Begründung: Macht und Reichtum bergen die Gefahr in sich, dass man durch sie den guten Charakter verliert (V. 15 f.; V. 21 ff.). Dass der Besitz von Ehre und Reichtum „treibt und bläht“ (V. 21), ist eine Art Wortspiel und Witz: Die Wendung stammt wahrscheinlich von der Metapher „sich aufblähen“, ist aber wieder ins Wörtliche gewendet (und um „bläht“ erweitert) und besagt, dass Ehre und Reichtum zum (moralischen) Scheißen und Furzen führen, also nicht erstrebenswert sind. Anschließend reflektiert das Ich, was Geld und Gut (Alliteration) zu haben bedeutet: Sie können zwar „viele Sachen“ (V. 26) ermöglichen, aber nicht das Wesentliche (V. 29 f.!): „Gesundheit, Schlaf und guten Mut“ (V. 27). Die Folgerung aus diesen Abwägungen kann nur lauten: Ich mache mir nicht das Leben schwer, um reich zu werden (V. 31 f.; „kasteien“ = freiwillig Leiden und Entbehrungen auf sich nehmen). Worauf hier angespielt wird, ist die falsche Logik im Leben mancher Leute: sich einschränken, um über mehr Möglichkeiten (durch Geld) zu verfügen – ein innerer Widerspruch.

In der letzten Strophe bittet der Sprecher nur um den täglichen Lebensunterhalt („darf“, V. 34, = bedarf); er ist zuversichtlich, wieder mit einer Anspielung auf die Bibel (Mt 6,26 mit 10,29), dass er den auch bekommt, genauso wie der Sperling auf dem Dach (V. 35).

Heute wird dieses Gedicht sowohl im Gottesdienst gesungen als auch im Unterrichtsmaterial für die Grundschule bzw. für den Religionsunterricht geführt, steht auch wohl in einer Sammlung „Gebete großer Persönlichkeiten“ (http://www.christian-von-kamp.de/Gebete.pdf) und wird gelegentlich bei Konzerten vorgetragen.

Vortrag

http://www.lutzgoerner.de/gdt/853/ (Lutz Görner)

Sonstiges

http://www.musicalion.com/de/scores/noten/9998/johann-gottfried-schicht/11402/t%C3%A4glich-zu-singen-2-ich-danke-gott-und-freue-mich (Vertonung)

http://www.musicalion.com/de/scores/noten/9998/johann-gottfried-schicht/20183/t%C3%A4glich-zu-singen-1-ich-danke-gott-und-freue-mich (Noten: Schicht)

http://www.bachlund.org/PDF_Files_2012/Taeglich_zu_singen.pdf (Noten: Bachlund)

(Zu Matthias Claudius siehe die benachbarten Analysen!)

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