Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini – Besprechung

Den Kern des Buches bildet eine skandalöse Änderung des § 50 StGB, die 1968 vom Bundestag beschlossen wurde (und die S. 194 f. dokumentiert ist): skandalös deswegen, weil sie auf das Betreiben des damals im Justizministerium etablierten alten Nazis Dr. Eduard Dreher zurückgeht, der so eine Amnestie für zahlreiche NS-Täter bewirkte, ohne dass die Abgeordneten verstanden hätten, was sie da beschlossen. Das wird so im Roman von Frau Dr. Schwan, der Vorsitzenden des Bundesarchivs in Ludwigsburg, die als Sachverständige im Prozess gegen Collini aussagt, dargelegt; Collini wird vom jungen Anwalt Caspar Leinen verteidigt. – Die Information über Herrn Dr. Eduard Dreher hat Schirach offenbar aus Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Dreher); aber das spricht nicht gegen ihn.

Um diesen § 50 StGB herum ist eine Handlung konstruiert: Der Italiener Collini ermordet den deutschen Großindustriellen Hans Meyer; der war im 2. Weltkrieg SS-Obersturmbannführer und hat in Italien Geiseln erschießen lassen. Dass er ein solcher war und dies getan hat, bildet das vom Anwalt Leinen entdeckte Motiv des Mordes; denn zu den ermordeten Geiseln gehörte der Vater des Täters Collini, dessen Schwester zudem vergewaltigt und getötet wurde.

Der einzige kriminalistische Dreh des Romans ist die plötzliche Erkenntnis Leinens, dass die Tatwaffe eine Walther P38 ist; das war eine Standard-Dienstpistole der Wehrmacht – Collini hatte sie auf einem Flohmarkt in Italien erworben. Deutsche Armeepistole, in Italien erworben: das ist die nicht weiter erklärte (und vielleicht auch nicht von allen Lesern verstandene) Erklärung des Mordes; Leinen muss dann nur noch nach Ludwigsburg fahren und im Bundesarchiv die Geschichte des Hans Meyer und der Geiselerschießungen recherchieren.

Es ist, wie gesagt, eher ein juristischer als ein Kriminalroman. Neben dem § 50 StGB bildet die freundschaftliche Gegnerschaft des alten einarmigen Starjuristen Dr. Richard Mattinger, des Vertreters der Nebenklage, und des jungen unbestechlichen Rechtsanwalts Caspar Leinen sowie ihr Duell in der Befragung der Sachverständigen Dr. Schwan einen wesentlichen Erzählfaden, wie überhaupt das Agieren des Gerichts breite Beachtung findet.

Wieso ist die Handlung konstruiert? Die Figurenkonstellation wird durch das Verhältnis des Anwalts Caspar Leinen, der Collini verteidigt, und des Opfers Hans Meyer kompliziert: Leinen war mit dem Enkel Meyers befreundet und hat mit Herrn Meyer als einem Ersatzopa vor Zeiten Schach gespielt; Philipp Meyer, der Enkel, Leinens Freund, wird mitsamt Eltern durch einen Unfall aus dem Geschehen entfernt, doch Philipps Schwester Johanna bleibt übrig und lässt sich auch mit Leinen auf eine menschlich-sexuelle Begegnung ein, die ihrerseits dezent erzählt wird. Johanna ist erzählstrategisch ein weiterer Prüfstein, an dem sich die Unbestechlichkeit Leinens erweisen muss. Warum sie sich jedoch auf dieses Verhältnis einlässt, es gewissermaßen herbeiführt; warum Collini zuerst schweigt und dann doch spricht; warum die Großen (der Justiziar, der Staranwalt) so viel wissen, das wird nicht klar. Auch werden überflüssige Figuren durch ihren Tod schnell entsorgt: Philipp und sein Eltern, Collini nach der Aufklärung seines Motivs; es ergeht kein Urteil im Mordprozess, der Skandal des § 50 StGB ist ja aufgedeckt! Ebenfalls wird nicht erzählt, wie Leinen recherchiert; die Ergebnisse findet er einfach, kopiert Akten und trägt alles nach Hause. Erzählt wird auch nicht, wie Collini sich erinnert: Die Vorgeschichte seiner Kindheit und der Geiselerschießungen wird in einem, genauer in zwei harten Schnitten einfach auktorial erzählt (S. 133 ff., S. 150 ff. eingeschoben, wie im Film), ebenfalls die Vorgeschichte Caspar Leinens. Die Figuren Leinen, Collini, Johanna, Dr. Mattinger sind also Typen, aber keine Charaktere; sie bleiben unanschaulich.

Am Rande gibt es paar Weisheiten: Die Lebenden wollen Rache, nicht die Toten. Oder: „Du bist, wer du bist“, sagt Leinen zu Johanna, die sich als Enkelin eines SS-Obersturmbannführers akzeptieren muss. Da trifft sie sich mit dem Autor Ferdinand von Schirach, der sich als Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach akzeptieren muss. – Eine „Erkenntnis“ Leinens in diesem Zusammenhang halte ich jedoch für falsch: Leinen verliert durch seine Entdeckung die guten Erinnerungen an seinen Ersatzopa Hans Meyer. „Das alles stimmte nicht mehr. Es würde nie wieder stimmen“ (S.148), wird personal erzählt. Das halte ich für falsch: Die Tragik besteht ja gerade darin, dass es doch stimmt – beides, das Gute in der eigenen Erinnerung und das Schreckliche daneben.

Fazit: ein süffig geschriebener, aber nicht gut erzählter Justizroman im Gewand eines Kriminalromans. Schirach hätte daraus eine Kurzgeschichte machen sollen, im Stil von „Carl Tohrbergs Weihnachten“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83328958.html); was für eine gute Kurzgeschichte reicht, wird zu dünn, wenn man es breittritt.

Vgl. u.a. http://www.focus.de/kultur/buecher/buchkritik-der-fall-collini-wie-ein-unbescholtener-mann-zum-moerder-wird_aid_663274.html (Urteil: gut, aber zu lang)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ferdinand-von-schirach-der-fall-collini-diese-fatale-schwaeche-fuer-pralinen-oder-sellerie-11229066.html (Urteil: ein schwacher Roman)

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bestseller-der-fall-collini-gestaendige-moerder-und-helle-winterhimmel.74417f86-3d71-438a-b7eb-1399f0dd98c0.html (Urteil: halbgarer Anfängerkrimi)

http://www.getidan.de/kritik/joerg_magenau/37194/ferdinand-von-schirach-der-fall-collini (Urteil: erzählerisch schwach – man hätte besser einen Essay daraus gemacht)

http://www.zeit.de/2011/36/Ferdinand-von-Schirach/seite-1 (ZEIT-Gespräch mit von Schirach, welches zeigt, dass es sich um einen Justizroman handelt!)

Diese kurze Auswahl belegt, dass das sensationelle Lob auf der Rückseite des Taschenbuchs lauwarmer Kaffee ist.

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