Sönke Neitzel – Harald Welzer: Soldaten – Besprechung

Untertitel des 2011 bei S. Fischer erschienenen Buches: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben

Das Buch beruht auf Gesprächen, welche deutsche Kriegsgefangene in alliierten Lagern geführt haben; diese wurden abgehört und protokolliert. Daraus ergibt sich ein Bild von dem, was deutsche Soldaten im Krieg getan und erlitten haben. Die zweite Komponente ist die sozialpsychologische Erklärung dieser Handlungen und ihrer Deutungen und Bewertungen; für die zweite Komponente ist sicher Harald Welzer verantwortlich, für die erste Sönke Neitzel.

Wenn auch teilweise erschreckend ist, zu lesen, was die Soldaten mit Zivilisten oder Kriegsgefangenen gemacht haben, war für mich die zweite Komponente die interessantere; denn dort habe ich Erklärungsmuster gefunden, die weit über den Bereich des Militärischen hinausgehen. Der zunächst relevante theoretische Begriff ist der des Referenzrahmens, in dem man das Handeln der Soldaten verstehen. Dabei zeigt sich, dass der Rahmen „Drittes Reich“ im Wesentlichen irrelevant war; entscheidend war der Referenzrahmen „Krieg“, innerhalb dessen auch noch der Referenzrahmen „Vernichtung“ vorgestellt wird. Das Resümee wird unter der Überschrift „Der Referenzrahmen des Krieges“ (S. 390 ff.) gezogen: Für Wehrmachtsoldaten waren „das militärische Wertesystem und die soziale Nahwelt“ von entscheidender Bedeutung (S. 391), nicht aber Ideologie, Lebensalter, Bildung usw. „Rollenmodelle und –anforderungen prägen das Verhalten der Soldaten mehr als alles andere.“ (S. 392) Der letzte Absatz hier lautet: „Der Krieg und das Handeln der Arbeiter und Handwerker des Krieges sind banal, so banal, wie es das Verhalten von Menschen unter heteronomen Bedingungen – also im Betrieb, in einer Behörde, in der Schule oder in der Universität – immer ist. Gleichwohl entbindet diese Banalität die extremste Gewalt der Menschheitsgeschichte …“ (S. 394).

Das Schlusskapitel befasst sich mit der Frage: Wie nationalsozialistisch war der Krieg der Wehrmacht? (S. 395 ff.) Ganz simpel geantwortet: Er war nicht nationalsozialistisch. Krieg war Arbeit. „Genau deshalb bedarf es keines tiefgreifenden psychischen Umbaus, auch keiner Selbstüberwindung oder Sozialisation zum Töten, wenn Krieg ist: Dann hat sich lediglich der Zusammenhang verschoben, in dem man tut, was man ohnehin tut.“ (S. 412) Und der letzte Absatz des Buches: „Wenn man aufhört, Gewalt als Abweichung zu definieren, lernt man mehr über unsere Gesellschaft und wie sie funktioniert, als wenn man ihre Illusionen über sich selbst teilt. Wenn man also Gewalt in ihren unterschiedlichen Gestalten in das Inventar sozialer Handlungsmöglichkeiten menschlicher Überlebensgemeinschaften zurückordnet, sieht man, dass diese immer auch Vernichtungsgemeinschaften sind. Das Vertrauen der Moderne in ihre Gewaltferne ist illusionär. Menschen töten aus den verschiedensten Gründen. Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist.“ (S. 422)

Wie gesagt, man lernt einiges über unsere Gesellschaft und eigenes Handeln (resp. ich habe es gelernt): „Man muss dabei im Auge behalten, dass gerade Entscheidungen und Erfahrungen, die mit erheblichen Schwierigkeiten und Belastungen einhergehen, ungern im Nachhinein in Frage gestellt werden, weil dann die damit verbundenen Mühen entwertet würden. Außerdem neigen Menschen dazu, etwas, das sie mit einem ambivalenten Gefühl getan haben, vor sich selbst zu legitimieren, um es mit ihrem Selbstbild in Einklang zu bringen. Deshalb erscheint  es subjektiv oft sinnvoller, eine Handlung zu wiederholen, als sie durch eine Korrektur in Frage zu stellen. Wenn man also ein erstes Mal Zweifel wider besseres Wissen abgeschüttelt hat, wächst im Sinne der Pfadabhängigkeit die Wahrscheinlichkeit, dies in analogen Situationen ein zweites, drittes, viertes Mal zu tun.“ (S. 255) Für die, die mich gut kennen, nenne ich dazu nur das Datum 25. Juli 1967.

In diesem Zitat stoßen wir auf einen Begriff, den ich bis dato nicht kannte: Pfadabhängigkeit. „Das Konzept der Pfadabhängigkeit hat sich zu einem sehr häufig verwendeten, in den letzten Jahren aber auch zunehmend kritisierten Erklärungsansatz in der wirtschaftshistorischen und sozialwissenschaftlichen Forschung entwickelt. Pfadabhängigkeit bezeichnet einen vergangenheitsdeterminierten Prozess relativ kontinuierlicher bzw. inkrementeller Entwicklungen. Die jeweils erreichten Zustände können kollektiv ineffizient oder suboptimal sein, ohne dass der Prozess deshalb notwendigerweise zum Erliegen kommt oder radikal geändert wird.“ (Abstract eines Buches von Raymund Werle, dazu notiere ich noch ein paar Links:)

http://www.soziologiker.de/wiki/index.php/Pfadmodelle (gute Einführung)

http://www.hwiesenthal.de/projekte/polrat/doering_rose.pdf (in Bezug auf die Möglichkeit von Reformen)

http://www.mpifg.de/people/we/links/werle_pfadabhaengigkeit.pdf (umfangreich, kritisch)

http://de.wikipedia.org/wiki/Pfadabh%C3%A4ngigkeit (sich verzweigend)

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