Mörike: Peregrina III – Analyse

Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten…

Text

   Scheiden von ihr

Ein Irrsal kam in die Mondscheinsgärten

Einer einst heiligen Liebe,

Schaudernd entdeckt ich verjährten Betrug;

Und mit weinendem Blick, doch grausam

5 Hieß ich das schlanke,

Zauberhafte Mädchen

Ferne gehen von mir.

Ach, ihre hohe Stirn,

Drin ein schöner, sündhafter Wahnsinn

10 Aus dem dunkelen Auge blickte,

War gesenkt, denn sie liebte mich.

Aber sie zog mit Schweigen

Fort in die graue,

Stille Welt hinaus.

 

15 Von der Zeit an

Kamen mir Träume voll schöner Trübe,

Wie gesponnen auf Nebelgrund,

Wußte nimmer, wie mir geschah,

War nur schmachtend, seliger Krankheit voll.

 

20 Oft in den Träumen zog sich ein Vorhang

Finster und groß ins Unendliche,

Zwischen mich und die dunkle Welt.

Hinter ihm ahnt ich ein Heideland,

Hinter ihm hört ich’s wie Nachtwind sausen;

25 Auch die Falten des Vorhangs

Fingen bald an, sich im Sturme zu regen,

Gleich einer Ahnung strich er dahinten,

Ruhig blieb ich und bange doch,

Immer leiser wurde der Heidesturm –

30 Siehe, da kam’s!

 

Aus einer Spalte des Vorhangs guckte

Plötzlich der Kopf des Zaubermädchens,

Lieblich war er und doch so beängstend.

Sollt ich die Hand ihr nicht geben

35 In ihre liebe Hand?

Bat denn ihr Auge nicht,

Sagend: da bin ich wieder

Hergekommen aus weiter Welt!

(in: Maler Nolten, 1832, Zweiter Teil)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=791 (ältere Fassung: Scheiden von ihr, in: Maler Nolten)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=790 (spätere Fassung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni- freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=790&spalten=1&noheader=1 (die beiden Fassungen nebeneinander)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Peregrina/3.+%5BEin+Irrsal+kam+in+die+Mondscheing%C3%A4rten%5D

http://www.lyrik123.de/eduard-moerike-ein-irrsal-kam-in-die-mondscheingaerten-10203/

http://www.moerike-gesellschaft.de/2006.pdf (Text + Entstehung)

Das Gedicht ist 1824 entstanden, vertont wurde es von Hans Huber, Othmar Schöck, Wolfgang Ulrich, Ralf Gothóni und Walther Prokop.

„Es ist das Frühjahr 1823, Mörike, Theologiestudent in Tübingen, besucht in den Osterferien seinen Stiftskollegen Lohbauer im heimischen Ludwigsburg, man geht auf ein Bier ins Wirtshaus „Zum Holländer“, und da ist SIE: Maria Meyer, das neue Schankmädchen, dunkle Haare, dunkle Augen, geheimnisvolle Ausstrahlung – ein Männertraum. Aber einer mit undurchsichtiger Vergangenheit.

Der Wirt hat sie eines Tages ohnmächtig an der Straße nach Stuttgart liegend gefunden und bei sich aufgenommen. Angeblich, so sagt sie, ist sie aus Österreich geflohen, weil man sie dort ins Kloster stecken wollte. Seltsamerweise klingt ihr Dialekt aber ziemlich alemannisch, und wie sie an die Werke Goethes und Jean Pauls gekommen ist, die sie ganz offenbar kennt, darüber schweigt sie sich aus.

Die Rätsel um das schöne Mädchen setzen Eduard Mörikes dichterische Fantasie in Brand, und es ist gar nicht so klar, in was er sich damals verliebt hat: In die Frau, oder in seine poetischen Vorstellungen von ihr.“ Wie es weitergeht mit dieser fatalen Liebe, die tragisch endet, kann man nachlesen (Bettina Winkler). Man darf natürlich nicht meinen, das Geschehen zwischen Maria und Eduard sei gleich dem Peregrina-Geschehen; es war der Anstoß zu Mörikes Gedichten, die Grundlage im eigenen Erleben und Erleiden – die Dichtung ist ein Eigenes. Peregrina III ist das älteste Gedicht des Zyklus, die erste Niederschrift wurde am 6. Juli 1824 verfasst. Wir halten uns hier an die Gestalt, die im Roman „Maler Nolten“ unter der Überschrift „Scheiden von ihr“ steht, die aber bereits eine überarbeitete Form darstellt; viel zitiert wird eine mehrfach überarbeitete letzte Fassung „Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten“, 1867 in der Gedichtsammlung Mörikes erschienen und von 38 auf 24 Verse gekürzt.

Erzählt wird von einem Mann als Ich-Sprecher, wie er seine Geliebte verstoßen hat und wie er daran leidet. „Irrsal“ (V. 1) ist ein veraltetes Wort für Irrtum (Adelung, 1793). Im DWB (Grimm) wird als wörtliche Bedeutung „abirren vom rechten wege“, als übertragene Bedeutung „das abweichen vom wege der tugend“ angegeben; das Irrsal ist hier gleich dem „verjährten Betrug“ (V. 3). „verjähren“ hat mehrere Bedeutungen: 1) „jahre lang dauern, alt werden“, 2) „um ein jahr zunehmen, nach jahresfrist wiederkehren“, 3) „zu alt werden, veralten, durch alter werthlos werden“, 4) „durch jahre lange benutzung zum eigenthum erwerben“ (DWB). Wir müssen für den vom Ich-Sprecher entdeckten Betrug die Bedeutungen 1) und 2) heranziehen. Dieser alte Betrug, vielmehr seine Entdeckung zerstört die einst heilige Liebe, die den Mondscheinsgärten gleichgesetzt wird (V. 1 f.). Das dabei empfundene Schaudern (V. 3) ist die gemäße Reaktion des Entsetzens. Mit dieser nicht näher erklärten Entdeckung des nicht weiter erklärten Betrugs beginnt die Erzählung (V. 1-3).

Verstoßung ist ein großes Thema der Kunst: „Die Verstoßung der Hagar durch Abraham“ (Gen 16 – in Wahrheit ist Hagar wegen der Härte Sarais, Abrahams Frau, geflohen) ist eine Zeichnung Rembrandts wie auch ein Bild Lorrains, Seekatz’, Flincks, Tiepolos und anderer Maler. Auch im römischen Recht gab es repudium: der Rücktritt, die Verstoßung von Verlobten oder Verheirateten. Verstoßen werden die Verdammten in die Hölle, Eltern können ihre Kinder verstoßen. Fleming (17. Jh.) hat ein Sonett „Zur Zeit seiner Verstoßung“ geschrieben:

„[…]

Ich Unglückseliger! Mein Herze wird zerrißen,

mein Sinn ist ohne sich. Mein Geist zeucht [zieht] von mir aus,

mein Alles wird nun Nichts. Was wird doch endlich drauß?

 

Wär‘ eins doch übrig noch, so wolt‘ ich Alles mißen.

Mein teuerster Verlust, der bin selbselbsten ich.

Nun bin ich ohne sie, nun bin ich ohne mich.“

In Mörikes Gedicht erzählt dagegen der betrogene Mann, wie er seinem Mädchen (in der Entfaltung des Peregrina-Zyklus: seiner Frau, da in Peregrina II von der Hochzeit erzählt wird) befohlen hat, „Ferne [zu] gehen von mir“ (V. 7). Diese Aktion scheint rechtlich klar zu sein, ist es aber menschlich nicht: Sich selbst nennt er grausam (V. 4), das Mädchen zauberhaft (V. 6); er trennt offensichtlich zwei, die noch verbunden sind. Er sagt das auch ausdrücklich: „denn sie liebte mich“ (V. 11). Damit kommen wir zu den schwierigen Versen, wo der Sprecher die Stirn erwähnt, „Drin ein schöner, sündhafter Wahnsinn / Aus dem dunkelen Auge blickete“. Wie kann man den Wahnsinn erklären oder verstehen? Er ist „sündhaft“; es ist der Zustand des Mädchens in ihrem Betrug, der sie zerreißt zwischen zwei Lieben; „denn sie liebte mich“ (V. 11), obwohl sie den Sprecher betrogen hat und/oder betrügt. Der Mann bezieht die Position der klaren Moral; die Frau repräsentiert den Zwiespalt des Lebens; sie senkt schuldbewusst den Blick (V. 8-11), das Hohe ist gesenkt; und sie sagt nichts („mit Schweigen“, V. 12), weil das Unerklärliche der Doppelliebe nicht zu erklären ist. Sie folgt dem Befehl und geht fort, „in die graue, stille Welt hinaus“ (V. 13 f.) – so erscheint die Welt dem, der sein Liebstes verloren hat.

Von der zweiten Strophe an wird erzählt, wie es dem Mann nach der Verstoßung erging. Er war nicht befreit, in ihm war es nicht klar (klar sind nur Ordnung und Moral): Ihn befielen „Träume voll schöner Trübe“ (V. 16); sowohl die Träume wie die Trübe (Alliteration) bezeichnen den von ihm verworfenen Zustand, dessen Zauber er sich doch nicht entziehen kann. Gegenüber der von ihm herbeigeführten klaren Realität sind diese Träume „Wie gesponnen auf Nebelgrund“ (V. 17), also einmal Gespinst, einmal auf Nebelgrund gelegen, also nicht in seine klare Realität passend. Er konnte diesen Zustand nicht verstehen und „War nur schmachtend seliger Krankheit voll“ (V. 19). Er sehnt sich also nach der „Bösen“, die er verstoßen hat; sein Zustand ist Krankheit, aber „selige Krankheit“ – wieder die Ambivalenz, die er einerseits nicht ertragen konnte (V. 1 ff.) und doch auch nicht missen kann (2. Strophe).

In den beiden letzten Strophen wird ein großes Bild gezeichnet, erneut ein Traum-Bild (V. 20): ein großer Vorhang vor der Welt, finster vor dem Dunklen, dahinter geahnt ein wüstes Heideland und ein Sturm, also das wilde Leben. Es zeigte sich dann (als) der liebliche Kopf des Zaubermädchens, der „doch so beängstend“ war (V. 33), also seine Ambivalenz behalten hat. Wie reagierte das Ich darauf? Es denkt, es stellt sich eine Frage, die es unvermittelt wörtlich berichtet: „Sollt’ ich die Hand ihr nicht geben / In ihre liebe Hand?“ (V. 34 f.) Ihr die Hand geben, das hieße: die Verstoßung widerrufen, die Verstoßung als „Unrecht“ deklarieren. Das Ich stellt also seine grausam-klare Entscheidung in Frage; aber niemand kann ihm diese Frage beantworten. Die verstoßene Geliebte scheint eine Antwort vorzuschlagen: „Bat denn ihr Auge nicht …“ (V. 36) Sein Befehl und ihre geträumte Bitte widersprechen einander; nur im Traum kann das Ich seinen Befehl und ihr Schweigen überwinden, kann es Versöhnung des Widersprüchlichen „denken“, in dunklen Bildern ahnen.

Das Gedicht ist in reimlosen freien Rhythmen verfasst; oft bilden die Verse eine Sinneinheit (V. 3, V. 17, 18, 19 u.ö.), oft geben die Enjambements überraschend einen Blick auf etwas Neues frei: „Mondscheingärten / Einer einst heiligen Liebe“ (V. 1 f. u.ö.). Die beschriebenen Ambivalenzen kommen bis in die Nähe eines Oxymorons (schöne Trübe, V. 16; selige Krankheit, V. 19; lieblich und beängstend, V. 33; schwächer: ruhig und bange, V. 28).

Ich habe mich von Peter von Matt: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur (1989, hier 1991 im dtv, S. 169 ff.) inspirieren lassen. Die Literatur zu den fünf Peregrina-Gedichten ist umfangreich; so schwierige Gedichte werden kaum in der Schule gelesen oder von Sprechern rezitiert.

(Der Artikel „Zauberfaden, luftgesponnen“ zum 200. Geburtstag Mörikes in der ZEIT, http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-1 bis http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-4, trägt außerordentlich zum Verständnis von Mörikes Dichtung bei!)

P. S. Mathias Mayer („Mörike und Peregrina. Geheimnis einer Liebe“, 2004) legt dar, dass wahrscheinlich erst das erneute Auftauchen Maria Meyers in Tübingen Anfang Juli 1824 jenes Irrsal war, das vollends Mörike erschüttert hat: Unter dem Druck seiner Schwester Luise hatte er sich ein Idealbild der Maria zurechtgemacht und sich von der realen Maria 1823 getrennt; als dann die reale Maria heruntergekommen wieder in Tübingen auftauchte, hielt das Idealbild diese Konfrontation nicht aus – auf den 6. Juli 1824 ist das erste Peregrina-Gedicht (Pergegrina III, allerdings ohne Überschrift) in der Handschrift Wilhelm Hartlaubs datiert. Es kam dann noch zu einer Begegnung Mörikes mit Maria, aber er blieb von ihr getrennt. Im Lauf der Zeit wurde die Peregrina-Enttäuschung immer weiter verrätselt, ausgebaut und distanziert. – Das Gedicht „Nächtliche Fahrt“, 1823 entstanden, nimmt übrigens literarisch die Peregrina-Erfahrung vorweg; den Text und einen Kommentar findet man in den Gedichten der Mörike-Gesellschaft (http://www.moerike-gesellschaft.de/2012.pdf, April 2012).

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/klaeger_moerike/klaeger_moerike.html (Peregrina und Maria Meyer)

http://kops.ub.uni-konstanz.de/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-52333/Die_Kunst_der_Suende.pdf?sequence=1 (G. von Graevenitz: Eduard Mörike: Die Kunst der Sünde, 1978 – große Untersuchung)

Sonstiges:

http://www.michael-gnade.de/moerike.htm (Peregrina, fotografisch illustriert)

http://www.moerike-gesellschaft.de/So_ist_die_Lieb_.pdf (Mörikes Liebeslyrik, Texte mit kurzen Kommentaren von Reiner Wild)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Fleming,+Paul/Gedichte/Deutsche+Gedichte/Sonnette/4.+Liebesgedichte/57.+Zur+Zeit+seiner+Versto%C3%9Fung?hl=verstosung (Fleming: Zur Zeit seiner Verstoßung)

http://www2.uni-wuppertal.de/FBA/musikpaed/erwe/moerike/verzeichnis-text.html (Verzeichnis: Musik nach Eduard Mörike)

http://www.recmusic.org/lieder/flines_ger_E.html (First Lines of Texts Beginning with E in German)

5 thoughts on “Mörike: Peregrina III – Analyse

  1. Pingback: Mörike: Frage und Antwort – Analyse « norberto42

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  3. Gestern (seit Mittag) und in der vergangenen Nacht ist diese Analyse 1156mal angeklickt worden – das kann nur heißen, dass Mörikes Gedicht Text in einem Thema der Abiturklausur des Lk Deutsch in NRW war, die gestern geschrieben wurde. Aber kein einziger hat einen Kommentar verfasst – ob die Lektüre allen die Sprache verschlagen hat?
    Vgl. http://www.abiunity.de/thread.php?threadid=34757&sid= (am 1. Mai gefunden – die spätere Fassung lag als Text im Abitur vor, nicht die hier analysierte Fassung)

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