Mörike: Gesang zu Zweien in der Nacht – Analyse

Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=763&spalten=1&noheader=1 (mit anderer Fassung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Gesang+zu+zweien+in+der+Nacht

http://www.moerike-gesellschaft.de/2011.pdf (dort im Juni; mit Textgeschichte)

Das Gedicht ist 1825 entstanden. „Im 1832 veröffentlichten Maler Nolten ist es, als Dialog zwischen dem König Ulmon und der Fee Thereile, ins Schattenspiel Der letzte König von Orplid integriert; die beiden Strophen Thereiles hat Mörike unter der Überschrift Nachts in die erste Auflage von 1838 aufgenommen. In der zweiten Auflage der Gedichte von 1848 erhält es seine endgültige Gestalt – als Wechselrede zwischen „Sie“ und „Er“, als ein Liebesduett, in dem sich die beiden Liebenden gemeinsam einstimmen in die Erfahrung der Nacht und im Ineinander von Wahrnehmungen und Vorstellungen die Übereinstimmung ihrer Empfindungen mit den Vorgängen in der Natur erfahren.“ (Analyse im Gedicht des Monats der Mörike-Gesellschaft, Juni 2011) Vertont wurde es von Othmar Schoeck, Detlev Glanert, Wolf-Dietrich Hörle u.a.

SIE und ER beschreiben sich gegenseitig, was sie wahrnehmen; beide sind davon bewegt und begeistert (Rufzeichen V. 2). SIE umschreibt, was sie hört: den klingenden Nachtwind (V. 2), der Erdenkräfte Flüstern (V. 4), die Gesänge der Lüfte (V. 5 f.), das aufwärts Summen der Erdkräfte (V. 5 f.). Das alles sind „Geräusche“, die man sich nicht vorstellen kann, weil man sie unter diesen Namen nicht kennt. Es sind Töne eher als Geräusche, sie berühren die beiden angenehm: „süß“ (V. 1), „klingend“ (V. 2), zärtlich (V. 5); als Töne sind sie der Nacht zugeordnet, in der man wegen der Dunkelheit nichts sehen kann, und ebenso sind sie dem Nahsinn Hören zugeordnet: SIE hört die Nacht-Erde, die Erdnacht. Und SIE spricht so davon, dass auch wir sie hören: in den hellen Lauten das Süße (i- und ai- in V. 1 f.); Umlaute (ü-, äu-, ä- in V. 1-6); das tiefe u- (V. 3/6); den Paarreim (V. 1 f.) und den umarmenden Reim (V. 3-6). Was SIE sagt, ist selbst „Gesang“ (Überschrift). ER antwortet und bestätigt, dass auch ER die wunderbarsten Stimmen hört (V. 7 f.); der Wind schleift sie hin (Synästhesie: hören-sehen); „wollüstig“ (V. 8) schleift er sie, wie ein Liebhaber seine Frau. Mit „Indes“ leitet er zu dem über, was er ER sieht: Verschwimmendes, Ungewisses (V. 9 f.), kaum Erkennbares („scheinet“, V. 10), sich Auflösendes (hinschwimmender Himmel). Auch dabei dominieren die i-Laute (V. 7-10), im umarmenden Reim gibt es auch ei- bzw. „-eift“. Sein Sprechen ist jambisch, genau wie ihres („Hört“, V. 4, außerhalb des Taktes betont).

SIE knüpft an das an, was man sieht (V. 11f.), in völlig unanschaulichen Bildern (zuckende Luft, durchsichtiger aufwehen); in V. 12 muss man zu Beginn wohl ein „um“ ergänzen (satzwertiger Infinitiv). SIE wechselt wieder zum Hörbaren: „weiche Töne“ (V. 13 ff.), die sich bei ihr in e-Lauten manifestieren (V. 12-17), auch in einem doppelt umarmenden Reim: V. 11-14; V. 12 f.-17, mit der eigenwilligen Füllung V. 14-16. V. 15 f. sind verkürzt, statt der sonst fünf Hebungen hören 2 + 3 Hebungen (V. 15 f., also doch 5, aber mit dem Reim –ang). In dieser Strophe treten a-Laute hinzu, aber die i-Laute bilden den Grundton. SIE „erklärt“, woher die weichen Töne stammen: Die Feen drehen silberne Spindeln („Silberne“ auf der ersten Silbe betont, vgl. auch V. 12; Spindeln der Feen bei „Dornröschen“ und bei den Kelten: die Menhire) – man wird das Bild nicht strapazieren müssen, es geht eher um eine überirdische Herkunft der weichen Töne, auch um den Zusammenklang der a- und i-Laute. Der blaue Saal ist vielleicht der blauen Stunde zuzuordnen (http://de.wikipedia.org/wiki/Blaue_Stunde), vielleicht der blauen Blume (http://de.wikipedia.org/wiki/Blaue_Blume), vermutlich auch dem Himmelsblau, das sich während der Nacht in jenen Saal zurückzieht.

ER spricht dann die Nacht selbst an: „O holde Nacht“ (V. 18). Sie ist hold, also „freundlich, lieblich, anmutig in erscheinung oder empfindung“ (DWB). Zwei Dinge sagt er von der Nacht und zur Nacht, „du gehst mit leisem Tritt“ (V. 18) und „Du schwärmst“ (V. 24). Beide Aussagen sind staunende Anerkennung, Lobpreis, fast Anbetung. „schwärmen“ – hier parallel zu „gehen“ – sagt man „von dem, was schwärmenden bienen vergleichbar aus- oder umherzieht“ (DWB), dient aber auch „zur bezeichnung einer überwiegenden phantasie und begeisterung; erst in der litterarischen bewegung seit etwa 1770 ausgebildet“ (DWB) – in ihrem Schwärmen vergisst die Nacht sich selbst (V. 23); mit und in der Nacht schwärmt auch die Seele der Schöpfung (V. 24), es schwärmen SIE und ER. Die Sonderstellung der Nacht wird in der ersten Aussage deutlich: Sie geht auf schwarzem Samt, „der nur am Tage grünet“ (V. 19); was grün zu sein scheint, allerdings nur am Tag: Wald und Wiesen, ist in Wahrheit der Samt, auf dem die Nacht einhergeht, der ihr leichten Schritt ermöglicht (V. 21); ihr Schreiten ist der Gang der großen Weltuhr (V. 22), die Musik gibt ihr den Takt des Schreitens vor (V. 20). So geht sie selbstvergessen im Tanzschritt (V. 23), schwärmend, sodass in ihr der Schöpfung Seele leben kann (V. 24). Seinem Schlussgesang liegen wieder die i-Laute zu Grunde (inklusive ü-, V. 19), begleitet von a- und u- (V. 18-22), zum Abschluss die Umlaute ä- und ö-. In dieser Strophe haben wir den doppelten umarmenden Reim in reiner Form: Tritt – grünet – bedienet – Schritt; Schritt – missest – vergissest – mit.

Jedes Gedicht, aber erst recht dieses Gedicht muss man hören (statt lesen) – aber es traut sich niemand, es zu sprechen und den Vortrag ins Internet zu stellen: gesprochener Gesang.

Sonstiges:

http://cingolani.com/Moerike_English (Poetry ob Eduard Mörike in English Translation)

http://www.gedichte-lyrik-poesie.de/Gedichte_ueber_Zeit_zu_Tag_und_Nacht.html (Gedichte über die Zeit, Tageszeiten, Tag und Nacht)

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