Mörike: An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang – Analyse

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe! …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=761

http://www.moerike-gesellschaft.de/2005.pdf (dort im Juni: Text mit Kommentar von Reiner Wild)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/An+einem+Wintermorgen,+vor+Sonnenaufgang

„Mörike hat dieses Gedicht, das 1825 entstand und 1834 erstmals gedruckt wurde, an den Anfang seiner Gedichtsammlung gesetzt; er gibt ihm damit einen programmatischen Charakter. Das Gedicht vergegenwärtigt die Situation eines morgendlichen Erwachens; der noch im Traum befangene Sprecher wird durch die andrängenden Bildern und Gedanken zu Fragen provoziert und unternimmt es, das Erfahrene zu gestalten. Es wird ein Prozess der Bewusstwerdung gezeigt; das tagträumende Ich bearbeitet die aus dem Unbewussten auftauchenden Vorstellungen, und so wird aus dem Tagträumer der Dichter, aus dem Tagtraum ein Gedicht.“ (Reiner Wild in dem gerade genannten Kommentar – aber stimmt das wirklich, wird da Erfahrenes gestaltet oder doch nur Traumhaftes verweht?)

Zur Textgestalt: Im Text der Mörike-Gesellschaft, der auf der Historisch-kritischen Gesamtausgabe beruht, ist V. 32 f. als eigene Strophe abgesetzt; aber auch sonst ist V. 32 f.  ja durch den Gedankenstrich in V. 32 abgegrenzt.

Es spricht ein lyrisches Ich, das an einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang, noch halb träumend im Bett liegt. Es spricht bewegt und begeistert die „Zeit der dunkeln Frühe“ (V. 1) an, die eine „neue Welt“ (V. 2) in ihm erschaffen hat und bewegt und die das Ich als Traum qualifiziert (V. 12): Es schaut in sich hinein und bemerkt, dass es vor Lebensfreude glüht (V. 4). Dieses Glühen kennen wir von Goethe, aus dem „Prometheus“ als das heilig glühende Herz, aus der Begegnung Fausts mit dem Zeichen des Erdgeistes: „Schon fühl’ ich meine Kräfte höher, / Schon glüh’ ich wie von neuem Wein“ (V. 463 f.). Überhaupt fällt mir die Nähe der Visionen zu den Visionen Fausts in „Faust I“ auf: Faust vor dem Zeichen des Makrokosmos, Faust in der Osternacht, Faust vor dem Tor (V. 1068 ff.) – ich werde noch darauf zu sprechen kommen.

Es ist ein Ich im Dunkeln, noch nicht von einem falschen Strahl des Lichts draußen getroffen (V. 6), das sich nur seinem inneren Traumreich zuwendet: der Seele (V. 5), dem Geist (V. 7), dem Herzen (V. 15), dem Genius (V. 28). Der Genius erfordert eine Erklärung: „Genie“ hat den Genius im 18. Jahrhundert zum Teil verdrängt (DWB); Genius (lat.) ist schon im 16. Jahrhundert im Sinn von Geist „gangbar“ (DWB), ist einmal in uns „eine innerste göttliche stimme im herzen, die uns geheimes offenbaren kann“ (DWB), sodann „auch im dienst des dichters, zugleich als göttliches wesen für sich“ (DWB), ferner „überhaupt als begleiter des menschen auf seiner lebensbahn“ (DWB) – die Bedeutung schwankt, ist hier im Kontext eher als Geist und Seele  zu verstehen. Seele-Geist ist „Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen“ (V. 8), die durch ein Zauberwort herbeigerufen werden (V. 9 f.). Da haben wir das romantische Zauberwort (Eichendorff: Schläft ein Lied in allen Dingen; Novalis: Das Eine geheime Wort verscheucht das ganze verkehrte Wesen dieser Welt). Das alles geschieht der kristallklaren Seele (V. 5).

Es folgen zwei Verse, die mich vor die Frage stellen, was dem lyrischen Ich eigentlich geschieht: „Bei hellen Augen glaub’ ich doch zu schwanken; / Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche.“ (V. 11 f.) Was sind die hellen Augen, was ist der Traum? Helle Augen sind die offenen Augen, die bei Licht die Welt wahrnehmen – vorhin hat das lyrische Ich noch das Dunkel gepriesen und das Licht als falschen Strahl diffamiert (V. 1, V. 6); da Augen aber zum Sehen da sind, da mit offenen Augen zu leben ein Prinzip ist, traut das Ich seinen Visionen nicht (oder traut es seinen Augen nicht?), glaubt es zu schwanken (V. 11) – seine Visionen vertragen sich nicht mit offenen Augen, wie es spürt oder weiß (sehen kann es wegen der Dunkelheit ja nichts), also glaubt es zu schwanken. Deshalb schließt es die Augen, auf „daß nicht der Traum entweiche“ (V. 12) – das Ich will seine Visionen nicht gefährden, will das Schwanken vermeiden! Danach kann es ungehindert im „bunten Schwarm von Bildern und Gedanken“ (V. 14) „sehend“ (ohne Augen sehend!) schwelgen (V. 13 ff.), kann es betörende Töne „hören“ (V. 18 ff.), kann es sich voller Lebenskraft selber fühlen (V. 23 ff.): „Die Seele fliegt, soweit der Himmel reicht, / Der Genius jauchzt in mir!“ (V. 27 f.)

Da wird das Ich einer Störung dieser Visionen inne, es ist deshalb erneut unsicher: „Doch sage …“ (V. 28 ff.); es spricht von Wehmut (V. 29), die ihm Tränen beschert. Mit der Deutung dieser Wehmut bezeugt es, dass die Visionen eben „Traum“ (V. 12) sind, entweder Echo eines vergangenen oder Boten eines kommenden Glücks (V. 30 f.), was es jedoch selber nicht genau weiß (Fragen, Fragezeichen). Es versucht, sich die Fragen zu beantworten („Doch sage“, V. 28), sie zumindest zu bedenken. Sogleich, genauer: nach einer Denkpause (Gedankenstrich, V. 32) verscheucht es sie jedoch: „Hinweg, mein Geist!“ Und darauf folgt seine Begründung dafür, dass es seine Wehmut (= Stillestehn) verscheuchen möchte: „hier gilt kein Stillestehn: / Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn.“ (V. 32 f.) Was ist ein Augenblick? Was wird verwehn? „Es“ kann die Wehmut, also die Störung sein, könnte aber auch der Traum sein; „alles“ könnte ebenfalls beides sind, ist meines Erachtens jedoch eher die Fülle der Visionen: Das Ich weiß insgeheim, dass die Visionen Sache eines Augenblicks sind und mit dem Blick der Augen „verwehn“. [Der Vortrag Lutz Görners legt ein anderes Verständnis nahe – aber wie schließt dann die nächste Strophe an diese an?]

Und es öffnet seine Augen, hat sie geöffnet: „Dort sieh!“ (V. 34) Und es sieht am Horizont das Morgenrot (Vorhang lüpft = lupft = lüftet = hebt sich leicht, Purpurlippe ist halb geöffnet, das Auge blitzt: die Sonne geht auf, V. 34 ff.). Das wache Ich sieht nun den neuen Tag träumen, der ihm sein Gesicht zuwendet (Metaphern: Lippe, Auge), sieht ihn aufspringen und sich zu königlichem Flug erheben, „wie ein Gott“ (V. 38), womit vielleicht auf die Bilder von der Auferstehung Jesu am Ostermorgen angespielt wird (etwa Grünewald oder Fra Angelico). Dem wachen Blick des lyrischen Ich begegnet der erwachende Tag mit blitzendem Auge (V. 38), die Sonne erhebt sich zum königlichen Flug.

Wenn man bedenkt, was eigentlich „im Gedicht“, im Verlauf der Äußerung des lyrischen Ich geschehen ist, kommt man (ich zumindest) zum Ergebnis: Das Ich hat mit Tagesanbruch seine schönen, der Dunkelheit und der Innenschau verdankten Visionen nach einigem Zaudern abgetan, hat seine Augen geöffnet und wendet sich dem Sonnenaufgang zu. – Muss man dieses Geschehen noch deutend ausweiten? Als Entscheidung für den Übergang Mörikes von der Romantik zum Realismus betrachten (aber Vorsicht: Auch im überaus romantischen „Taugenichts“ gehören schweifende und blitzende Morgenstrahlen zum Programm des Aufbruchs!)? Als (antiromantische?) Absage an Fausts Tiefen- oder Visions- oder Flug-Streben zugunsten der Bejahung des klaren Lichts, des Sehens verstehen? Als Programm von Mörikes Dichten lesen (poetologisches Gedicht, so Claudia Stockinger: Das 19. Jahrhundert: Zeitalter des Realismus, 2010, S. 101; ähnlich Reiner Wild – aber wo steht im Gedicht etwas vom Dichten?)? Als Bild der allgemeinen Erfahrung des Übergangs zwischen Nacht und Tag sehen, ähnlich dem zwischen Nichtsein und Leben, Leben und Tod (so Johannes Klinkmüller – davon finde ich erst recht nichts im Text!)?

Die Form verdiente eine große eigene Untersuchung; hier sei zunächst der Jambus genannt, durchweg fünf Hebungen (aber auch vier oder sechs, etwa V. 23 und V. 10), teils mit männlicher, teils mit weiblicher Kadenz. Die Reime schwanken zwischen umarmenden Reimen (V. 1-4 usw.), Paarreimen (V. 9 f.), „doppelten“ umarmenden Reimen (V. 11-14, V. 14-17) und Variationen dieser Schemata (V. 18 ff., 23 ff., 34 ff.). Gerade die Metaphern verdienten besondere Beachtung: flaumenleicht (V. 1), Gürtel blauer Luft (V. 9), Mark des heutigen Tages (V. 25) usw., ebenso die Vergleiche: Seele als Kristall (V. 5), Schwarm von Bildern als Goldfische im Teich (V. 14 ff.), Klänge wie in der Nacht von Bethlehem (V. 18 f.). Die vielen Fragen (Fragezeichen: V. 2, 4, 13 usw.) entsprechen dem Charakter der Traumvisionen.

Zum Schluss möchte ich noch einmal von meinem Eindruck sprechen, dass man aus diesem Gedicht Mörikes Faust-Lektüre heraushören kann: Sowohl die nächtlichen Visionen wie das Erlebnis des Sonnenaufgangs sind Fausts Visionen und Visionswünschen nachempfunden, nur dass statt der Osternacht die Weihnachtsnacht bei den Klängen bemüht wird; man vergleiche in „Faust I“ die Verse 430 ff.; 462 ff.; 702 ff.; 771 ff.; 1074 f.; 1118 ff. mit Mörikes Gedicht. Was das als Stellungnahme zu Fausts Streben besagen kann, ist gerade bereits angedeutet worden. Ob man beim bunten Schwarm der Bilder und Gedanken (V. 14) auch an den Geisterchor (Faust I, V. 1447 ff.), „die schönen Bilder“ (V. 1440), denken darf? – V. 32 f. erinnert mich an Goethes Gedicht „Auf dem See“: Weg du Traum! So gold du bist…, aber auch in Mörikes Gedicht „Besuch in Urach“ (1827) kommt zweimal das „Hinweg!“ des lyrischen Ichs vor (V. 25, V. 49).

Goethe: Faust I: http://de.wikisource.org/wiki/Faust_-_Der_Trag%C3%B6die_erster_Teil oder http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Goethe/goe_f000.html (Szenen: Nacht, Vor dem Thor) – Goethe: Auf dem See: http://www.textlog.de/18389.html

(Der Artikel „Zauberfaden, luftgesponnen“ zum 200. Geburtstag Mörikes in der ZEIT, http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-1 bis http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-4, trägt außerordentlich zum Verständnis von Mörikes Dichtung bei!)

Deutungen:

http://books.google.de/books?id=bE-mZi-shlsC&pg=PA101&lpg=PA101&dq=m%C3%B6rike+an+einem+wintermorgen+vor+sonnenaufgang&source=bl&ots=6qwORdXBZk&sig=kp9j0ojUItnXfiaLPXAMWbp21MI&hl=de&sa=X&ei=r3FHUdrXG4GN4ASUpoDQAQ&ved=0CDkQ6AEwAzgU#v=onepage&q=m%C3%B6rike%20an%20einem%20wintermorgen%20vor%20sonnenaufgang&f=false (Claudia Stockinger: Das 19. Jahrhundert: Zeitalter des Realismus, 2010, S. 101 ff.)

http://literatur-community.de/forum/gedichte/981-an-einem-wintermorgen-vor-sonnenaufgang/

http://johannesklinkmueller.wordpress.com/2012/11/03/%E2%9D%89-einem-kristall-gleicht-meine-seele-nun-von-wunderkraften-purpurlippen-lustgesangen-und-gartenteichen/ (eine ausgesprochen spinnerte „Deutung“ – Klinkmüller tritt wie ein profetischer Lehrer auf, da darf er aus seiner Fantasie ergänzen, was im Text fehlt!)

Vortrag:

http://www.rezitator.de/gdt/393/ (Lutz Görner, gut)

http://ia700505.us.archive.org/13/items/sammlung_gedichte_010_1007_librivox/sammlung_gedichte_010_16_aneinemwintermorgen_rk_64kb.mp3 (Rolf Kaiser, nicht schlecht, aber noch nicht optimal)

One thought on “Mörike: An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang – Analyse

  1. Pingback: Mörike: Besuch in Urach – Analyse « norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s