Mörike: Um Mitternacht – Analysen

Gelassen stieg die Nacht ans Land …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=756

http://www.moerike-gesellschaft.de/2010.pdf (dort: Oktober, mit Kommentar Reiner Wilds)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Um+Mitternacht

Es gibt so viele gute Analysen des 1827 entstandenen, 1828 erstmals veröffentlichten Gedichts, dass es sich für mich verbietet, selber eine weitere zu schreiben; offensichtlich handelt es sich um ein bedeutendes und breit rezipiertes, also häufig analysiertes Gedicht.

Analysen

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/heydebrand_zeit/heydebrand_zeit.pdf (R. von Heydebrand) Die Autorin geht bei ihrer Analyse stärker von der Form aus und kommt zu diesem Ergebnis: „Das Gedicht ist demnach, wenn diese Beobachtungen zutreffen, nicht einfach ein Naturgedicht oder ein mitternächtliches Stimmungsbild. Es gibt vielmehr, mit Requisiten einer nächtlichen Landschaft, zwei unterschiedlichen, aber nicht eindeutig hierarchisierten Formen von Zeitempfinden Ausdruck. Wer aber ist deren Subjekt? Ein ‘lyrisches Ich’, wie die Literaturwissenschaft den Stellvertreter des Autors in der Lyrik genannt hat, scheint es nicht zu geben. Aber das gilt nur, wenn man ein explizites Ich im Text erwartet. Das sogenannte ‘lyrische Ich’ muß in vielen Gedichttypen in Analogie zum Erzähler in fiktionaler Prosa, ja zur ‘Erzählfunktion’ oder zum ‘abstrakten Autor’, die den gesamten Text verantworten, gesehen werden. In Um Mitternacht äußert sich ein solches ‘lyrisches Ich’ in der Nacht und in den Quellen; es stellt damit dem Leser unterschiedliche, werthaltige Erfahrungsweisen der mitternächtlichen Situation vor Augen. Es ist das lyrische Ich, das einerseits – mit den Quellen – in rastloser Bewegung sich verströmt und dem Zeit- und Selbstverlust nur die Erinnerung an das Vergangene im steten Fluß der Zeit entgegenhalten kann. Es ist das lyrische Ich, das andererseits – mit der Nacht – in Ruhe meditiert, der immer gleichen Mahnung ans bewegte Vergangene »müd« (V. 10) ist und jenen glücklichen Zeitpunkt genießt, in dem die Lasten des Vergangenen wie des Künftigen ‘gleichgewogen’ tragbar werden. Daß hier ein Konflikt gestaltet wird, scheint offenbar, aber das Gedicht vermittelt nicht, daß er angstvoll erlitten würde. Es veranschaulicht vielmehr in seiner ausgewogenen, dichten Form, daß die Gelassenheit, mit diesem Konflikt zu leben, zwar immer wieder errungen werden muß, aber auch errungen werden kann.

Man kann dieses sehr abstrakte Schema einer Deutung, freilich spekulativ, auf unterschiedlichen Ebenen konkretisieren, wenn man es auf den Entstehungskontext des Gedichts und die Situation seines Autors bezieht…“ (S. 7 f. – Klammern von mir gestrichen, N.T.)

http://mpg-trier.de/d7/read/moerike_ummitternacht.pdf (umfangreiche Interpretation, bezieht sich kritisch auf R. von Heydebrand) Zusammenfassung des Sinns: „Die Nacht wendet sich der Gegenwart zu, die Quellen hingegen berichten vom Vergangenen. Doch dies ist nicht das Hauptthema dieses Gedichts. Es geht hier vor allem um den Widerspruch zwischen dem Sein und dem Werden, der letztlich nicht zu überbrücken ist, den schon die Philosophen in der Antike nicht auflösen konnten. Das Beständige, das Sein, wird mit der Nacht dargestellt, das Vergängliche, das Werden mit seinen ständigen Veränderungen, zeigt sich bei den Quellen. Das Streben nach ewigen Werten, die die Zeiten überdauern, wird mit der Hingabe an das Leben und seinen alltäglichen Bedürfnissen konfrontiert. Bei allen notwendigen Veränderungen sehnt sich der Mensch nach etwas, was die Zeit überdauert, strebt er nach dem Besitz von nicht vergänglichen Werten. Er fühlt, dass es bei allen Veränderungen hinter diesen verborgen etwas Dauerndes, Unveränderliches gibt. Ein dritter Gegensatz zeigt sich in den unterschiedlichen Interessen der Mutter und ihrer Kinder. Die Mutter löst sich von den Sorgen des Alltags, für einen kurzen Augenblick fühlt sie sich einem Höheren hingegeben, einem Erhabenen zugewendet. Davon zehrt sie noch eine längere Zeit. Die Kinder zeigen für dieses Verhalten der Mutter wenig Verständnis, sie verlangen von der Mutter ihr Recht.“ (S. 10) Es folgen noch gut fünf Seiten Formanalyse.

http://www.alexanderkroll.de/Website_10/akademisch.html  (dort die Gedichtanalyse anklicken; A. Kroll geht vom Textaufbau aus und von dort aus zu den formalen Elementen weiter.) „‚Um Mitternacht’ ist ein Gedicht von Dualismus und Einheit, Gleichgewicht und Kreislauf. Der Aufbau spiegelt das inhaltliche Wesen des Gedichts wieder.“ (S. 2) Alexander Kroll schreibt schwer verständlich, für Insider, mit Bezug auf den Anfang des Johannesevangeliums als Schlusswort: „Das Mittel, das die Quellen so glorreich trotzen lässt, das sie mit lebensfroher Inbrunst gegen die Lethargie und Todessehnsucht der mächtigen Nacht bestehen lässt, ist gleichermaßen ‚das Wort’, ist das Lied als stärkstes Lebenszeichen. ‚Um Mitternacht’ macht dieses Lied mit Nachhall zum Sieger und das Bebilderte strahlt doppelt zurück: Das Gedicht spiegelt sich im Lied, das die Urform aller Lyrik ist, und spiegelt sich im Bild des Lebens als Schöpfer, der die Welt mit seinem lyrischen Instrumentarium mimetisch wiedererschafft. So ist ‚Um Mitternacht’ in seiner Kunst und Konstruktion zugleich ein Gedicht von der Geburt des Gedichtes, wie eines von der Schöpfung der Welt im Gedicht.“ (S. 16)

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/ringleben_moerike/ringleben_moerike.html (J. Ringleben geht die Verse der Reihe nach einzeln oder zu Paaren durch, mit folgendem Ergebnis: „Dass das Gewesene ins erinnernde Wort der Dichtung findet, das zeigt sich be­sonders an der Rolle, welche die Wiederholung in diesem Gedicht spielt. Sie gestattet, Fortschreiten und abrundende Einheit zu vereinigen, wobei allerdings das voranschreitende Reden sich eher auf die Nacht und das wiederholende sich auf die Quellen bezieht. Genau betrachtet, findet man zweimal je vier Verse zur Nacht und ebenso zweimal je vier Verse zu den Quellen (davon reden jeweils zwei vom Tage). Beide Komplexe behaupten sich im Gedicht gegeneinander, so dass im Ganzen ein “Gleichgewicht” zwischen der Ruhe der Nacht und der Bewegtheit der Qellen, zwi­schen der verträumten Mutter und ihren unruhigen Töchtern entsteht.

Was so in ausgewogener Spannung gegeneinander steht, ist zum einen das Vergangensein des vorhergehenden Tages, der mit seinem bunten Geschehen im Gold des Immer-und-ewig-Gleichen erloschen ist, und zum andern das Recht des Einmaligen und Besonderen dieses bestimmten “heute gewesenen” Tages, der sich dem spurlo­sen Verschwinden ins nächtliche Dunkel widersetzt. Recht verstanden, enthält schon die Wendung vom “heute gewesenen Tage” diese spannungsvolle Verbindung eines Vergänglich-Vergangenen und zugleich unaufhörlich Hervorgehenden, also das Aneinander von Ruhe der Nacht und Unruhe des Werdens, Vollendung und schöpferischer Bewegung, Urgrund und Ursprung.

In seinem letzten Horizont deutet das Gedicht auf das Geheimnis der Beziehung und des Unterschiedes von Zeit und Ewigkeit: diese als ausgleichende Vollendung und jene als immer neues Hervorgehen und ins Ewige Übergehen verstanden…“

http://www.kisc.meiji.ac.jp/~mmandel/pdf/moerike_zeit.pdf (M. Mandelartz, Vergleich mit „Am Rheinfall“; eigenwillig, aus der Reihe fallend)

http://www.gymnasiumtostedt.de/Faecher/Deutsch/FacharbeitenDeutsch03/HTML/Maike%20Poepel.htm (Facharbeit Maike Poepel, stark an M. Mayer angelehnt, ziemlich knapp und ein bisschen unbeholfen) Ergebnis (mit kleinen Korrekturen): „Jeweils die ersten vier Verszeilen beider Strophen sind der Nacht zugeschrieben. Sie ist Sprecherin des lyrischen Ichs und Mittelpunkt des Geschehens zugleich. Die Nacht verinnerlicht die Beständigkeit und die Ruhe. Fern von der Betriebsamkeit des Tages, in der es keine Zeit zum Ausruhen gibt, erlaubt sie sich selbst vor sich hinzuträumen und die eigene innere Ausgewogenheit zu genießen, als würde die Zeit stillstehen. Durch die Dunkelheit wirkt die Natur schlafend, ruhig und langsam. Diesen Zustand sucht und genießt die Nacht in Mörikes Gedicht. Sie ist als fiktive Person zu betrachten, die der Sehnsucht nachhängt, einmal dem fortwährend Lauf des Wechsels zwischen Tag und Nacht zu entrinnen, um für einen kurzen Augenblick das ewige Leben ohne Zeit zu spüren.

Zu diesem Wunschtraum in Kontrast stehen die Quellen, denen jeweils die letzten vier Verszeilen der beiden Strophen gehören. Bei ihnen ist nichts von Ruhe und Beständigkeit zu spüren. Sie sprudeln und rauschen frech hervor und umspielen die Nacht. Die Quellen wenden sich in ihrem Gesängen jede Nacht aufs Neue dem Vergangenen zu und wollen es nicht loslassen. Für sie ist die Nacht nur der Übergang zwischen den Tagen und wie Kinder, die voll Übermut nicht schlafen können, reden sie von dem, was gewesen ist.

Und die Zeit läuft stetig weiter. Sie erlaubt weder der Nacht in diesen lastfreien Stunden zu verweilen, noch können die Quellen sie daran hindern, einen weiteren Tag enden zu lassen. Diesem Lauf der Dinge ist alles irdische Leben unterworfen. Dies ist der Punkt, in dem der vorhergegangene Bruch zwischen der Nacht und den Quellen in einer Sehnsucht wieder zu einer Einheit zusammengeführt wird.

Mörike erschafft eine Vorstellung, in der es so scheint, als könnte die Zeit für einen kurzen Augenblick angehalten werden und Altes sowie Neues würde ausgewogen vor einem liegen. Gleichzeitig führt er dem Leser mit diesem Bild die schlichte Realitätserkenntnis vor Augen, dass die Zeit etwas ist, das nicht angehalten oder verändert werden kann.

Was bleibt, ist allein die Sehnsucht nach auch einem Augenblick, der einen aus der Vergänglichkeit der Zeit in das Ewige entreißt.“

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literaturunterricht/moerike/um-mitternacht.html (mit didaktischen Überlegungen, für Kl. 8-10 gedacht, was ich für reichlich verwegen halte; für Lehrer einige Anregungen)

http://lyrik.antikoerperchen.de/eduard-moerike-um-mitternacht,textbearbeitung,218.html (schülerhaft „schlau“)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/um-mitternacht.html (Fritz Stavenhagen, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=_r0s40XJHvs (Donata Höffer)

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/mp3s/moerike_mitternacht.mp3 (Martina Volkmann)

http://ia700505.us.archive.org/13/items/sammlung_gedichte_010_1007_librivox/sammlung_gedichte_010_13_mitternacht_ny_64kb.mp3 (nicht gut)

http://www.youtube.com/watch?v=3c5AhkIOQtU (Hugo Wolf: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=RpimC_8ScWI (Hugo Wolf: G. Souzay)

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/mp3s/moerikelied_mitternacht.mp3 (Lied)

Sonstiges

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=23776 (Übersicht: Vertonungen)

http://www.youtube.com/watch?v=SQ6CvbVYQLc (für Chor und Klavier)

http://www.poemswithoutfrontiers.com/Um_Mitternacht.html (engl. Übersetzung)

http://cingolani.com/22em.html (andere engl. Übersetzung)

http://www.oslo.diplo.de/Vertretung/oslo/no/06/Kultur__Smakebiter/Lyrikk__Moerike__Seite.html (auf der Seite der Dt. Botschaft in Oslo)

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