Mörike: Peregrina V – Analyse

Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=1641 (1828)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=1641 (1829)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=783 (1867)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Peregrina/5.+%5BDie+Liebe,+sagt+man,+steht+am+Pfahl+gebunden%5D

http://www.moerike-gesellschaft.de/2006.pdf (Peregrina I – V, jeweils mit Kommentar von Reiner Wild, dort von Januar bis Mai)

http://hor.de/gedichte/eduard_moerike/peregrina.htm (Peregrina I – V)

http://www.peregrina.de/eins.html (dito)

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/klaeger_moerike/klaeger_moerike.pdf (dito, mit Kommentar zu Maria Meyers / Peregrina)

„Das Gedicht ist wahrscheinlich 1828 entstanden; in diesem Jahr nimmt Mörike es unter dem Titel Verzweifelte Liebe in eine seiner Sammelhandschriften auf. Im folgenden Jahr wird es, nunmehr überschrieben mit Und wieder, gedruckt; es ist das einzige der Peregrina-Gedichte, das einzeln veröffentlicht wurde. Im Maler Nolten erscheint es erstmals im Zyklus und bildet von da an das Schlussgedicht. In der Nolten-Fassung wird auch, in der fünften Zeile des Sonetts, die Geliebte zum ersten Mal ‚Peregrina’ genannt; zuvor hieß es noch: „So hab auch ich die Liebe jüngst gefunden“. (Reiner Wild, s.o.) In der Gedichtsammlung 1838 heißt das Gedicht dann „Peregrina V“; dabei ist es dann auch in späteren Ausgaben geblieben – wir halten uns an die Fassung von 1867. Vertont wurde das Gedicht von Wolfgang Ulrich (1982), Friedrich Rauchbauer (1987), Walther Prokop (2003) und anderen.

„Peregrina III“ als Kern des ganzen Zyklus sollten Sie kennen (vgl. meine Analyse). In „Peregrina IV“ wird eine erneute Vereinigung mit der verstoßenen Geliebten phantasiert, wieder in äußerster Ambivalenz:

„[…]

Ach, gestern in den hellen Kindersaal,

Bei’m Flimmer zierlich aufgesteckter Kerzen,

Wo ich mein selbst vergaß in Lärm und Scherzen,

Tratst du, o Bildniß mitleid-schöner Qual;

Es war dein Geist, er setzte sich an’s Mahl,

Fremd saßen wir mit stumm verhalt’nen Schmerzen;

Zuletzt brach ich in lautes Schluchzen aus,

Und Hand in Hand verließen wir das Haus.“

„Peregrina V“ schließt als Sonett den Zyklus ab. „Verläuft die Bewegung in den Quartetten von der leidenden, erlösungsbedürftigen Liebe zur sinnlich-erfüllten, aber todbringenden Erotik, so setzt in den Terzetten eine Gegenbewegung ein: von der Vision der Vereinigung bis zum endgültigen Verlust.“ (Christine Lubkoll, in: Interpretationen. Gedichte von Eduard Mörike. Hrsg. von M. Mayer, RUB 17508, S. 77; vgl. auch Peter von Matt: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur, dtv 4566, S. 205 ff.)

Im ersten Quartett macht sich der Ich-Sprecher nicht als solcher bemerkbar; er spricht über die personifizierte Liebe und weiß, was man in der ganzen Welt von ihr sagt: Sie stehe „am Pfahl gebunden“ (V. 1). Diesen Pfahl kann man sich als Pranger vorstellen: „Der Pranger, Schandpfahl oder Kaak war ein Strafwerkzeug in Form einer Säule, eines Holzpfostens oder einer Plattform, an denen ein Bestrafter gefesselt und öffentlich vorgeführt wurde. Zunächst Folter-Werkzeug und Stätte der Prügelstrafe (Stäupen), erlangten Pranger ab dem 13. Jahrhundert weite Verbreitung zur Vollstreckung von Ehrenstrafen.“ (wikipedia, Art. „Pranger“) Aber auch die Geißelung Jesu wird in der christlichen Bildtradition häufig an einer Säule vollzogen (http://www.antwerpener-schnitzaltar.de/images/217a13geielung26b.jpg oder http://images.zeno.org/Kunstwerke/I/big/78f031a.jpg ) Die Liebe wird gequält, geschlagen, dann laufen gelassen. Wie sie fortgeht (V. 2), erinnert sie an den armen unbeschuhten Eros, den Begleiter der Aphrodite (so Diotima in Platons „Symposion“); dass sie keinen Platz hat, um ihr Haupt auszuruhen, verbindet sie mit dem Menschensohn (Mt 8,20). Auch die Sulamith des Hohenliedes wird von den Wächtern geschlagen und ihres Mantels beraubt (Hl 5,7). Im zweiten Quartett wird Peregrina als eine solche Gestalt gequälter Liebe vom Ich-Sprecher „gefunden“, der sie ja selber verstoßen hat (Peregrina III). Sie ist vom Wahnsinn geschlagen – wie Hamlets Ophelia und Fausts Margarethe. Peter von Matt sieht noch einen Widerschein der Szene aus der „Äneis“ (IV 450 ff.), wo Aeneas die verlassene Dido in der Unterwelt trifft. Peregrina tritt mit glühenden Wangen und Kränzen im Haar auf, „Schön war ihr Wahnsinn“ (V. 6) , sie scherzt im Wüten (V. 7): die verstoßene Geliebte aller Zeiten, in purer Ambivalenz.

Angesichts dieser gequälten Schönheit kommt der Ich-Sprecher zur Besinnung: „War’s möglich, solche Schönheit zu verlassen?“ (V. 9) Ihn quält die Reue, er will die Verstoßung rückgängig machen, „das alte Glück“ wiedergewinnen (V. 10), „gar reizender“ (denkt er in seiner Verblendung), und bittet: „O komm…!“ (V. 11) Sogleich erschrickt er jedoch angesichts des Blicks Peregrinas (V. 12), der wie ihr Kuss „zwischen Lieben (…) und Hassen“ (V. 13) schwebt. Dann endet alle Ambivalenz: „Sie kehrt sich ab“ (V. 14), jetzt weist sie ihn ab; und er weiß, dass endgültig Schluss mit der Liebe ist („kehrt mir nie zurück“).

Das Gedicht besteht aus fünfhebigen Jamben, die abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen aufweisen; jeder Vers ist eine Sinneinheit, wenn auch nicht immer ein Satz, und endet deshalb mit einer wenigstens kleinen Pause; das entspricht dem betrachtend-reflektierenden Gestus des Sprechers, zu der die strenge Form des Sonetts passt. In den Quartetten finden wir umarmende Reime, in der Terzetten einen durchgehenden Kreuzreim. Die Reime binden Verse sinngemäß aneinander, sei es in der Gleichheit  der Qual (V. 1-8, z.B. am Pfahl gebunden / der Füße Wunden), sei es in den Spannungen der abschließenden Hoffnung und Enttäuschung (V. 9-14, z.B. das alte Glück / dieser Blick / nie mehr zurück).

Der Peregrina-Zyklus ist „die poetische Bearbeitung eines anthropologischen Grunddilemmas“: die Aporien der Geschlechterbeziehung; es ist die Strategie des Textes, in seinen Ambivalenzen „beide Lesarten gleichzeitig gelten zu lassen“ und die einfachen oder eindeutigen Deutungen zu durchkreuzen (Christine Lubkoll, a.a.O., S. 62).

(Der Artikel „Zauberfaden, luftgesponnen“ zum 200. Geburtstag Mörikes in der ZEIT, http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-1 bis http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-4, trägt außerordentlich zum Verständnis von Mörikes Dichtung bei!)

http://publikationen.stub.uni-frankfurt.de/frontdoor/deliver/index/docId/26056/file/8_Goebel_Gluecksschuh_und_goldne_Waage_Eduard_Moerikes_artistische_Balance_zwischen_Klassik_und_Moderne.pdf (über E. Mörike)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/489/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=boMup7o3szg Rap, nach Mörike

http://www.youtube.com/watch?v=DBgcMrIU9Ck (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=Od93R4V1kZY (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=zDxSz0GKGM4 (dito)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Maler_Nolten (Mörike: Maler Nolten)

http://www.xlibris.de/Autoren/Moerike/Werke/Maler%20Nolten (dito)

http://m.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-1832-11298679.html (dito)

http://wiki.zum.de/Maler_Nolten (dito)

http://www.moerike-gesellschaft.de/So_ist_die_Lieb_.pdf (Mörikes Liebesgedichte, mit kurzem Kommentar von R. Wild)

http://cingolani.com/69em.html (engl. Übersetzung)

http://schule.ccpowered.de/Deutsch/Sitlmittel_Wirkung.pdf (Rhetorische Figuren)

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