Mörike: Im Frühling – Analyse

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=766 (1828)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=768 (aus „Maler Nolten“, 1832)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Im+Fr%C3%BChling (1867)

http://www.moerike-gesellschaft.de/2007.pdf (dort im Mai: Text mit Kommentar von Reiner Wild)

„Am 13. Mai 1828 schickte Mörike das Gedicht an seinen Freund Johannes Mährlen; im Begleitbrief schreibt er dazu: ‚Hier hast Du einen Vers, der erst diesen Morgen ausgeschlupft ist.’ Noch im selben Jahr erscheint es im Morgenblatt für gebildete Stände; wie die meisten seiner frühen Gedichte hat Mörike es dann in den Maler Nolten aufgenommen, wobei er einige Änderungen vorgenommen hat. Bei der Aufnahme in die Gedichte gibt er dem Gedicht die Überschrift Im Frühling.“ (Reiner Wild, s.o.) An diese Fassung halten wir uns.

Ein Ich-Sprecher liegt im Frühling auf einem Hügel und gibt sich seinen Eindrücken und Gedanken hin. Die Situation wird aber nicht erlebt, sondern eher vorgestellt: Der Sonne intensiver goldener Kuss (V. 14) passt nicht recht zur Dämmerung golden grüner Zweige (V. 24); aber das finden wir auch bei Eichendorff, dass Naturrequisiten zu einem Bild zusammengestellt werden. Das Ich setzt sich in Beziehung zur Wolke und zu einem Vogel, die für ein leichtes Fliegen stehen (V. 2 f.); das Ich möchte aus dem Hier (V. 1) und Jetzt entschwinden. Drei Fragen zeigen, wohin die Reise gehen soll: An die Liebe gerichtet: Wo bleibst du? (1. Str.) An den Frühling gerichtet: Was bist du gewillt? (2. Str.) Ans eigene Herz gerichtet: Was für Erinnerungen webst du? (3. Str.)

Das Ich spricht gebunden, aber doch locker; gebunden insofern, als die Verse sich in verschiedenen Formen reimen (Paarreim, umarmender Reim, Kreuzreim), locker insofern, als es kein festes Metrum gibt und auch keine gleichmäßige Anzahl von Hebungen oder Silben pro Vers. Die Sätze beschränken sich oft auf einen Vers, können aber auch bis zu drei Versen umfassen (V. 22-24). Diese Art freien Sprechens kommt dem Assoziieren des Ich zugute; es springt von Eindruck zu Eindruck und drückt so sein unbestimmtes Sehnen aus.

Als erste „Figur“ wird die Liebe angesprochen. Die personifizierte Liebe wird die „all-einzige“ genannt (V. 4); wenn man dieses seltsame Attribut entschlüsselt, bleibt als Kern „einzig“, sodass ich die all-einzige Liebe als die eine große Liebe verstehe. Sie soll sagen, „Wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe!“ (V. 5) Der indirekte Fragesatz bedeutet zunächst „wann du kommst“; durch den folgenden dass-Satz erhält das „Bleiben“ eine andere Bedeutung, etwa „wo du wohnst“. Ist die große Liebe gefunden, möchte das Ich bei ihr bleiben, sie nicht mehr verlieren – die romantische Liebesvorstellung wird überstrapaziert, man kann schließlich nur bei Menschen bleiben. Es folgt deshalb die resignierte Feststellung: „Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.“ (V. 6) Die Lüfte sind der Bereich, wo man fliegt: der eingangs geäußerte Wunsch. Fliegen und Bleiben passen nicht zusammen, weiß das Ich, Lüfte und Liebe haben kein Haus.

Das Ich wendet sich nun dem eigenen Fühlen zu. Dem Frühling entsprechend wird die geöffnete Sonnenblume zum Vergleich bemüht: Ähnlich dieser ist „mein Gemüte offen“ (V. 7). Die Bedeutung von „Gemüt“ ist einmal sehr weit, anderseits hat sie sich im Lauf der Zeit geändert; „so ist das wesentliche des begriffes die einheit unsers inneren, in der auch der geist in dem heutigen engeren sinne mit aufgeht als in seinem ganzen, und zwar von der ältesten zeit her bis nahe an unsere zeit heran. es kommt darin mit sinn ganz oder nahe überein, worin auch jener ursprünglichen einheit ein glücklicher ausdruck aus alter zeit her bewahrt geblieben ist bis heute.“ (DWB) „Gemüt ist im allgemeinen die innere (seelisch-geistige) Seite unsers Wesens überhaupt, im besondern die Fähigkeit zum Fühlen, im Gegensatz zum Geiste, der Fähigkeit zum Denken, und zum Charakter, der Grundlage des Wollens.“ (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1907) Dieses Gemüt, an den Leib gebunden, der „hier“ (V. 1) liegt, ist offen, und, da zum Fliegen bereit, „Sehnend, / Sich dehnend“ (V. 8 f.), die Grenzen des Ich überschreitend „in Lieben und Hoffen“: hoffend auf die große Liebe, die der Frühling mit seinem Aufbruch verspricht. Und so fragt das Ich: „Frühling, was bist du gewillt?“ (V. 11) Was bist du gewillt, mir zu bringen, wie sich aus der Fortsetzung (V. 12) ergibt – die etwas eigenwillige Formulierung zielt darauf, dass Sehnsucht und Liebeshoffnung gestillt werden; vgl. das Gedicht Nimmersatte Liebe. Im Gedicht „An die Geliebte“ ist der Ich-Sprecher „von deinem Anschaun tief gestillt“ (V. 1). – Auch der Frühling ist personifiziert und daher ansprechbar.

In vielen Ausgaben werden die restlichen 13 Verse auf zwei Strophen verteilt; die Historisch-kritische Gesamtausgabe hat aber nur eine einzige Strophe: Nach seiner Frage an den Frühling wendet sich das Ich seinem eigenen Empfinden zu – was es sieht, wie es den warmen Sonnenschein (bezeichnend: als „goldener Kuß“ empfunden, V. 14) erlebt, körperlich erregend erlebt – „bis ins Geblüt [‚die ganze Masse des in einem Körper befindlichen Blutes’, Adelung – lautlich und sachlich entspricht das Geblüt dem Gemüt, V. 7] hinein“ (V. 15). Wie beim Küssen sind die Augen geschlossen, nur der Nahsinn des Hörens ist noch tätig. Aber das Ich verfolgt keine Ziele mehr, obwohl es sich auszudehnen angetrieben ist, was zur Unruhe führt: dies und das denkend, sich unklar sehnend, gesteigert empfindend (V. 19-21) – ambivalent in seiner Ziellosigkeit (halb Lust, halb Klage, V. 21). So fragt es sein Herz: „Was webst du für Erinnerung (…)?“ In diese unbestimmte Frage muss man vorsichtig hineinhören: Da ziellos, also nicht direkt auf Künftiges gerichtet, greift das Herz auf Vergangenes zurück, um seinem Sehnen Gestalt geben zu können – so unbestimmt wie der grünen Zweige „Dämmerung“, in der das Ich liegt. Das Herz webt Erinnerung, verknüpft verschiedene Momente zu einem Text, in dem das Wort „Liebe“ eingewebt ist. In der Erinnerung (V. 23) tauchen „Alte unnennbare Tage“ (V. 25) auf: Was von ihnen empfunden wird, ist nicht aussagbar, unnennbar, da es wesentlich in Gemüt und Geblüt lebt (und damit dem im Aufbruch der deutschen Literatur herrschenden Gesetz vom Vorrang des innersten Erlebens entspricht – vgl. H. Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur): Im Frühling.

P.S. Die Frage „Wann werd’ ich gestillt?“ in Vers 12 klingt nicht nur eigenwillig (für: Wann wird mein Sehnen gestillt?), sondern deutet vielleicht ungewollt etwas von der Schwäche Mörikes an. In einem unglaublich guten Artikel anlässlich des 200. Geburtstags Mörikes stand 2004 in der ZEIT (u.a.):

Es war eine schöne Täuschung, der sich Mörike und sein Tübinger Kreis hingaben: dass Dichtung ein freier Akt der Fantasie sei. Denn diese poetische Unbedingtheit wollte die sozialen Bedingtheiten vergessen, denen sie, Theologiestudenten am Stift, unterlagen. Für sie war die Aussicht, Pfarrer zu werden, eine ökonomisch begründete Pflicht, der sie mit innerer Reserve, ja Abneigung gegenüberstanden und der sie sich, sobald es ging, entzogen. […]

Während seinen Freunden bald der Ausweg in einen weltlichen Beruf, als Professor oder Schriftsteller zumeist, gelang, verbrachte Mörike, ängstlicher, rücksichtsvoller und abhängiger als sie, trotz ständiger Vorsätze und kurzer Ausbrüche seine beste Zeit in dieser unglücklichen Stellung. Als er nach zwanzigjähriger Vorbereitung und Tätigkeit – die oft nur eine besoldete Untätigkeit war – dieses Dienstes ledig war, konnte er nicht mehr zum verlorenen Anfang einer poetischen Existenz zurückfinden.

Vielleicht aber sind es gerade die beklagten und dennoch akzeptierten Einschränkungen eines unbedeutenden Lebens, denen er den besonderen Ton seiner Lyrik verdankt. Da er seiner Umgebung keine Extravaganzen zumuten wollte, auch von sich selbst keinen Heroismus fordern mochte, musste er – zum Vorteil seines Werkes – auf den großen Stil verzichten, den ihm Wilhelm Waiblinger etwa mit seinem abenteuerlichen Leben und in einer hochgestimmten Dichtung vorführte. Bereits als Zwanzigjähriger diagnostizierte Mörike, nicht zufällig in einem Brief an Waiblinger, seine eigene Lebensschwäche: „Es ist überhaupt in meinem wirklichen Zustand ein besonders peinlicher Zug, dass alles, auch das Kleinste, Unbedeutendste, was von außen an mich kommt – irgendeine mir nur einigermaßen fremde Person, wenn sie sich auch nur flüchtig nähert, mich in das entsetzlichste bangste Unbehagen versetzt und ängstigt, weswegen ich entweder allein oder unter den Meinigen bleibe, wo mich nichts verletzt, mich nichts aus dem unglaublich verzärtelten Gang meines innern Wesens heraus stört und zwingt.“

„Der unglaublich verzärtelte Gang meines innern Wesens“: Das ist die lyrische Situation, die Mörike zur Sprache gebracht hat. (Heinz Schlaffers Artikel „Zauberfaden, luftgesponnen“ zum 200. Geburtstag Mörikes in der ZEIT, hier http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-3 bis http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-4)

http://www.gesamtschule-eiserfeld.de/AAblage/Lernpfade/D/LYRIK/Liebeslyrik/Moerike_Im%20Fruehling.pdf (unbeholfen-schülerhaft)

Friedrich Strack: Wehmütige Liebeserwartung in Mörikes früher Lyrik. Eine Analyse des Gedichts Im Frühling. In: Gedichte und Interpretationen 4. Hrsg. von Günter Häntzschel. Reclam 1983, S. 83 ff.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=VcHTkTjA1u8 (Hugo Wolf: vertont)

http://www.youtube.com/watch?v=C3jcVdZsP54 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=FRox_cBwmh4 (Hugo Wolf: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=w_uCfv-RdSo (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=5q2RO0PPvWU (Hugo Wolf: Viviane Rocha)

Sonstiges:

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/jahreszeitengedichte/index.php?fnr=300&szaehler=3d (Frühlingsgedichte)

http://www.gedichte.levrai.de/gedichte/fruehlingsgedichte/a_fruehling_gedichte_ueber_den_fruehling.htm (dito)

2 thoughts on “Mörike: Im Frühling – Analyse

  1. Pingback: Mörike: Nimmersatte Liebe – Analyse « norberto42

  2. Pingback: Mörike: An die Geliebte – Analyse « norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s