Mörike: In der Frühe – Analyse

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=770

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/In+der+Fr%C3%BChe

Das 1828 entstandene und veröffentlichte Gedicht weist einen eigenwilligen Rhythmus auf: In einem ersten Teil (V. 1-6) ist es im Jambus gehalten, vier Hebungen, wobei im 3. und 6. Vers jeweils eine Silbe fehlen, die letzte Hebung nämlich, was eine weibliche Kadenz und eine kleine Pause bedeutet; die beiden Verse reimen sich, während die zwei anderen Doppelverse jeweils im Paarreim verbunden sind. Dann wechselt der Takt zum Trochäus, und zwar nach einem Gedankenstrich, der eine Pause (von zwei Takten) signalisiert, mit vier Hebungen.

Diese Zweiteilung spiegelt die Stimmung des lyrischen Ich: Im ersten Teil ist es bedrückt und klagt „In der Frühe“ über Schlaflosigkeit, Zweifel und Verstörung. Die relativen Zeitbestimmungen „noch nicht“ (V. 1) und „schon“ (V. 2) machen in ihrer Spannung (noch nicht Schlaf – schon Tag) die Zerrissenheit des Ich deutlich. Was den Sinn verstört (V. 4) oder Zweifel hervorruft (V. 5), wird nicht gesagt, nur das Ergebnis wird umschrieben: Nachtgespenster (V. 6). Nachtgespenster kommen in Goethes Gedicht „Schlechter Trost“ (im West-östlichen Divan) vor; sie beobachten den sich nach der Liebsten Sehnenden und werden von ihm fortgeschickt. Heinrich Christian Boie (1744-1806) hat in seiner „Romanze“ die Geschichte einer Jungfrau erzählt, die zur Strafe für ihr „sprödethun“ mit einem Bart bestraft und schließlich unter die Nachtgespenster aufgenommen wird. Beide Gedichte nehmen also die Nachtgespenster nicht sonderlich ernst; das ist später bei Mörike anders, da gehören die Nachtgespenster wieder zu den realen Quälgeistern, wenn auch das lyrische Ich, seine Situation beschreibend und dabei reflektierend, die Nachtgespenster als solche benennen und damit entzaubern kann. Dementsprechend macht es danach eine Pause und besinnt sich seiner besseren Möglichkeiten: „Aengste, quäle / Dich nicht länger meine Seele!“ (V. 7 f.) Das klingt ein wenig bemüht: Wenn man sich quält, nützt es nicht viel zu sagen: Mensch, quäle dich nicht! Es folgt die Aufforderung: „Freu dich!“ Diese Aufforderung ist genauso sinnlos wie die beiden vorhergehenden; denn man kann sich nicht mit einer Begründung (Morgenglocken wach geworden, V. 9 f.) zur Freude aufrufen – Freude stellt sich ein, ist eine Stimmung des Gemüts. Morgenglocken ersetzen auch keinen Schlaf, können keine Zweifel zerstreuen, können allenfalls Nachtgespenster vertreiben.

Morgenglocken sind ein beliebtes Requisit der Romantik: Wenn man bei zeno.org „Morgenglocken“ in der Suchmaske eingibt, stößt man bei Hölderlin, Eichendorff und Mörike mehrfach auf solche Gebilde. So spricht bei Mörike „Der alte Turmhahn“:

„Um fünfe, mit der Morgenglocken,

Mein Herz sich hebet unerschrocken,

Ja voller Freuden auf es springt,

Als der Wächter endlich singt:

»Wohlauf, im Namen Jesu Christ!

Der helle Tag erschienen ist!«“

Und in Eichendorffs Gedicht „Sonntag“ ist es noch schöner, da denkt das lyrische Ich am frühen Morgen beim Anblick von Blumen:

„»[…] Schon klingen Morgenglocken,

Der liebe Gott nun bald

Geht durch den stillen Wald.«

Da kniet ich froherschrocken.“

Solche Morgenglocken hören wir allenfalls noch im Urlaub; ansonsten weckt uns vielleicht der Straßen-, Schienen- oder Luftverkehr.

Die Ermahnung zur Freude ist durch zwei Paarreime gekennzeichnet; der Trochäus signalisiert Entschlossenheit. Semantisch sind die gereimten Verse bei den Paarreimen jeweils sinnvoll, wenn auch nicht originell aufeinander bezogen (z.B. verstörter Sinn / zwischen Zweifeln her und hin, V. 4 f.).

Interpretation: Das Gedicht ist vom Gegensatz Nacht – Tag beherrscht, dem der metaphysische Dualismus Finsternis – Licht (Finsternis lag über der Urflut, Gott ruft dann das Licht hervor, Gen 1) entspricht; die Nachtgespenster gehören der Finsternis an, die Morgenglocken verkünden die Ankunft des Lichts. In der Seele des lyrischen Ichs herrscht noch die Finsternis als „verstörter Sinn“ (V. 4), der selber Nachtgespenster erschafft (V. 6); doch beim Glockengeläut kann das Ich hoffen, sich von ihnen zu befreien und wieder froh zu werden (V. 9 f.). Dabei weiß es, dass es nicht von Nachtgespenstern, sondern von sich selbst gequält wird (V. 7 f.). – Dieses Selbstverständnis des lyrischen Ichs lässt die metaphysische Tradition des Dualismus anklingen, verlegt ihn aber ganz in die Seele; das Ich kann sich so selber ermutigen: „Freu dich!“ Dafür beruft es sich darauf, dass es schon Morgenglocken hören kann; das innere Geschehen spiegelt sich im Äußeren, gehorcht aber eigenen Gesetzen, so dass die Berufung auf das Läuten der Glocken nur ein Relikt der religiösen Tradition ist.

Man nimmt das Gedicht zur Kenntnis und hört dem Selbstgespräch des Ichs verwundert zu; nach einer schlaflosen Nacht und mit einem von Zweifeln (woran?) geplagten Sinn kann man sich schwerlich so einfach zur Freude aufrufen, da helfen auch keine Glocken. Das Beste am Gedicht ist noch der Rhythmuswechsel hinter V. 6, der Rest ist Literaturgeschichte. Heute würde ein verstörtes Ich sich nicht der Morgenglocken erfreuen, hörte sie vermutlich überhaupt nicht, sondern nähme Tranquilizer ein: Das romantische Gedicht Mörikes gehört einer Epoche des Übergangs an.

 

http://www.michaelseeger.de/k2d/Vergleich%20Moerike%20und%20Eichendorff-ausgefuellt.doc (Gedichtvergleich mit Eichendorff: Neue Liebe – Tabelle)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=A8Nlpq4Gvng (Wolf: Evelyn Lear)

http://www.youtube.com/watch?v=iTkCkK3eUJ0 (Wolf: Lotte Lehmann)

http://www.youtube.com/watch?v=DsSIsJBlbDs (Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=0DTxB4U8A0I (Gérard Souzay)

Sonstiges

http://www.alle-noten.de/pdf/EF3154.pdf (Noten: Michael Ostrzyga)

http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-1 (zu Mörikes 200. Geburtstag, gut!)

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