Mörike: Frage und Antwort – Analyse

Fragst du mich, woher die bange …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=772

http://www.moerike-gesellschaft.de/2009.pdf (dort Januar: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Frage+und+Antwort

Das Gedicht ist im Frühjahr 1828 entstanden, als Mörike ein paar Wochen in Scheer an der Donau war (vgl. Reiner Wilds Kommentar).

Der Ich-Sprecher wendet sich an ein Du und fragt, ob das Du ihn etwas fragt; das ist die fiktive Gesprächssituation. Das lyrische Ich wird so indirekt gefragt, „woher die bange / Liebe mir zu Herzen kam“ (V. 1 f.). Das ist eine unergründliche Frage – so darf man gespannt sein, welche Antwort das Ich darauf zu geben weiß. An dieser Frage fällt auf, dass es sich um ein „bange Liebe“ handelt. Im wörtlichen Sinn wird mit „bange“ „die Empfindung einer schmerzhaften Furcht“ bezeichnet, im übertragenen Sinn auch das, was solche Furcht verursacht, mit ihr verbunden ist oder sie verrät (Adelung). Die Liebe des Ich bereitet ihm also zumindest Kummer, verursacht Schmerzen; sie ist eine gestörte Liebe. Die Frage könnte damit entweder auf die Herkunft dieser Liebe oder auf die Herkunft des Schmerzes, des Stachels in der Liebe zielen; was genau gemeint ist, ist nicht zu entscheiden. Die zweite Frage (V. 3 f.) ist nicht weniger unklar; denn wir wissen nicht, um welchen Stachel es sich handelt und wie das Ich ihr diesen Stachel überhaupt nehmen könnte. Aber verständlich ist die Frage schon: Wenn du an dieser Liebe leidest, warum beseitigst du nicht das, was dir Leiden verschafft?

Die Form des Gedichtes ist die der Volksliedstrophe: vierhebige Trochäen, im Kreuzreim verbunden, im zweiten und vierten Vers um eine Silbe verkürzt (männliche Kadenz); da im zweiten und vierten Vers auch jeweils ein Satz endet, wird dort eine deutliche Pause gemacht. Der entscheidende Reim ist demnach auch der von V. 2/4: die Liebe zu Herzen kam / ich ihr den Stachel nahm, das sind einfach die beiden an das Ich gerichteten Fragen, die auf die Ursache(n) seiner Leiden abzielen.

Da in der Überschrift „Frage und Antwort“ angekündigt sind, kann man erstens die beiden Fragen als eine einzige verstehen: als Frage nach der Ursache des Leidens, und man kann erwarten, dass darauf jetzt die Antwort gegeben wird. Die Antwort wird in zwei Schritten gegeben; das möchte ich bei der ersten Teilfrage näher ausführen. Das Ich antwortet auf die Frage zunächst mit einer Gegenfrage – genauer mit der Aufforderung („Sprich“, V. 5), eine Gegenfrage zu beantworten: Warum weht der Wind? (V. 5 f.) Das Ich spricht etwas poetischer von den Flügeln des Windes, also metaphorisch, aber stellt eben doch diese simple Gegenfrage. Als normaler Mensch weiß man darauf zu sagen, dass der Wind eben weht, weil er der Wind ist; heute weiß man als gebildeter Mensch etwas von Luftdruckunterschieden, von Hoch und Tief zur Erklärung zu sagen. Im Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon (Stichwort „Wind“, Band 4, 1841) findet man als das Wissen aus Mörikes Zeit: „Was die Ursachen der Winde im Allgemeinen anlangt, so gehören dazu allerdings die örtliche Erwärmung und damit bewirkte Verdünnung der Luft, was den Andrang der dichtern aus kältern Gegenden nach sich zieht, die Umdrehung der Erde die Einwirkung von Gewässern und Gebirgen und der Elektricität; aber es ist bisher nur im Einzelnen gelungen, so genügende Erklärungen für die Strömungen der atmosphärischen Last, wie z.B. für die Passatwinde, aufzustellen.“ Der Poet, der poetisch Sprechende weiß nicht einmal das, er weiß: Der Wind weht, weil er der Wind ist. Deshalb kann das Ich in seinem Gedankengang mit einer an das Du gerichteten Aufforderung fortfahren: „Banne du (…) mir den Wind in vollem Lauf!“ (V. 9 f.) Sowohl Ich wie Du wissen, dass das nicht möglich ist; man kann den Wind nicht aufhalten, er ist eine Naturkraft. Damit ist die Logik der Antwort vollendet: Du kannst nicht den Wind aufhalten; genauso wenig kann ich mich der bangen Liebe widersetzen. Diese einfach Logik wird dadurch etwas komplizierter, dass sie um jeweils einen Zwischenschritt vergrößert wird: Ich kann die Herkunft meiner Liebe nicht erklären, so wenig wie du dir Herkunft des Windes erklären und dich seiner Kraft wiedersetzen kannst; aus dem zweiten Doppelschritt ergibt sich als Ergänzung des ersten Schritts: „Ich kann mich der Macht der Liebe nicht widersetzen.“ Das kann man als Klage hören, da das Ich an seiner Liebe zu leiden scheint; man könnte hier aber auch sein Einverständnis mit der schmerzhaften Liebe vernehmen: So ist es eben, so geschieht es.

Die zweite Reihe der Antwort verläuft entsprechend in Gegenfrage und Aufforderung: Woher bekommt die Quelle ihr Wasser? Halte du (mit einer Zaubergerte – anders geht es ohnehin nicht!) die Quellen in ihrem Strömen auf, das kannst du auch nicht. In der Form sind die zweite und dritte Strophe der ersten gleich; die Reime verbinden die parallelen Phänomene Wind und Quellen: die Flügel rührt / Wasser führt (V. 6/8); Wind in vollem Lauf / Halte die Quellen auf (V. 10/12).

Ob im „Du“ auch der Leser angesprochen ist, bezweifle ich nicht nur aus methodischen Gründen: Das fragende Du in der 1. Strophe ist ja auch nicht der Leser – wie könnte der das Ich nach seiner schmerzhaften Liebe fragen? Er kennt das Ich ja gar nicht, das Ich tritt mir der Du-Frage überhaupt erst auf. Dann braucht der Leser sich aber auch im Du der zweiten Strophe nicht angesprochen zu fühlen; erst recht ist das Du der dritten Strophe eher „man“ als eine bestimmte Person. Es wäre sogar zu erwägen, ob die Verteilung auf Ich und Du nicht ein reines Selbstgespräch darstellen: Das Ich im Gespräch mit sich selbst, es bedenkt seine schmerzhafte Liebe. Dies tut es in einfachen Worten, in schöner Form, mit klarer Logik der Analogien, sodass auch wohl Leser sich in diesen Peregrina-ähnlichen Überlegungen wiederfinden könnten.

http://www.reiprich.com/peregrina/Frage_und_Antwort.pdf (Interpretation: Christine Langer)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=cZuzCDeN4xQ (Hugo Wolf: Elizabeta Zapolskikh)

Sonstiges

http://cingolani.com/26em.html (engl. Übersetzung)

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