Mörike: Nimmersatte Liebe – Analyse

So ist die Lieb! So ist die Lieb! …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=793

http://www.moerike-gesellschaft.de/2007.pdf (dort: im August, Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Nimmersatte+Liebe

Das Gedicht ist 1828 entstanden, 1838 veröffentlicht und später vielfach vertont worden.

Im Kommentar Reiner Wilds ist das Wesentliche zur Analyse gesagt. Ich möchte dazu noch Folgendes ergänzen: In den rahmenden Passagen klingt das Gedicht lehrhaft: „So ist die Lieb’!“ (V. 1, V. 16) Dazu passen die verschiedenen Begründungen, die Reiner Wild erwähnt hat (V. 3 ff.; V. 16b-19). Die mittlere Strophe macht den Ich-Sprecher kenntlich, der von seiner Erfahrung „heute“ (V. 11) mit seiner Geliebten berichtet. Dieser Bericht belegt die Äußerung, dass die Liebe „alle Stund / Neu wunderlich Gelüsten“ (V. 8 f.) hat. Die Aussage von den wunderlichen Gelüsten steht parallel zur Aussage, dass die Liebe „Mit Küssen nicht zu stillen“ (V. 2) ist, und sie bedeutet auch das Gleiche. – Dass die „du“-Anrede in V. 5-7 persönlich gemeint ist, kann man bezweifeln; ich lese hier „du“ eher als „man“. Vielleicht sollte ich noch erklären, wieso die Disparatheit der Begründungen ein ironisches Signal setzt (so Reiner Wild): In Satiren ist es oft so, dass zueinander nicht passende Merkmale (z.B. Dienstkleidung für Abwiegler bei Demonstrationen; oder Kaugummi-Zeitalter usw.) erkennen lassen, dass die Rede nicht wörtlich gemeint ist. Dass hier tatsächlich ein ironisches Signal gesetzt ist und nicht doch bloß „Volkslied“ gespielt wird, kann man dem Text nicht entnehmen – dazu muss man die selige Liebesgewissheit vor der Folie der gebrochenen Liebeserfahrung der Peregrina-Gedichte sehen.

Gemäß dem volksliedartigen Charakter (s. Wild!) sind die Reime semantisch manchmal etwas holperig; aber es gibt auch schöne Entsprechungen, etwa V. 2/7: mit Küssen nicht zu stillen / du tust ihr nie zu Willen.

Abschließend möchte ich noch einige Wörter und Wendungen erklären:

V. 2 stillen: stille machen, also eine Bewegung hemmen; im übertragenen Sinn: „eine in figürlichem Verstande in Bewegung begriffene Sache hemmen, ihrer Bewegung ein Ende machen“. (1) den Aufruhr stillen, das Volk stillen, die Gläubiger stillen, die Schmerzen stillen, den Zorn stillen, die Seele stillen, das Herz stillen. (2) Im engeren Sinn: a) Begierden (Hunger und Durst) stillen, b) ein Kind stillen. (Adelung) – Vgl. das Gedicht Im Frühling! Im Gedicht „An die Geliebte“ ist der Ich-Sprecher „von deinem Anschaun tief gestillt“ (V. 1); im Gedicht „Im Frühling“ fragt das lyrische Ich: „Wann werd‘ ich gestillt?“ (V. 12)

V. 3 f. greift eine Redensart auf: mit einem Sieb Wasser schöpfen (sich vergeblich abmühen).

V. 4 eitel: leer, der Gegenwart anderer Dinge beraubt. 1. wörtlich; 2. im übertragenen Sinn: 1) aller anderen Dinge oder Prädikate entblößt (eitel Herzeleid machen, eitel ungesäuertes Brot essen, eitel Dürre sein); 2) im moralischen Sinn leer sein; 3) Neigung zu eiteln Dingen haben, eitel sein. (Adelung) – Hier liegt die erste übertragene Bedeutung vor.

V. 7: zu Willen tun = den Willen erfüllen.

V. 9 wunderlich: 1. wert, bewundert zu werden (veraltet); 2. seltsam, sonderbar. (Adelung)

V. 13 wird auf eine Redensart angespielt: sich wie ein Schaf zur Schlachtbank führen lassen (sich nicht gegen schlechte Behandlung wehren; alles geduldig mit sich geschehen lassen); hier ist „Schaf“ zweimal verkleinert (Lamm – Lämmlein), was die Liebesbeziehung deutlich macht.

V. 18 f.: Mörike hatte Theologie studiert und war bibelfest: „König Salomo liebte neben der Tochter des Pharao noch viele andere ausländische Frauen: Moabiterinnen, Ammoniterinnen, Edomiterinnen, Sidonierinnen, Hetiterinnen. Es waren Frauen aus den Völkern, von denen der Herr den Israeliten gesagt hatte: Ihr dürft nicht zu ihnen gehen und sie dürfen nicht zu euch kommen; denn sie würden euer Herz ihren Göttern zuwenden. An diesen hing Salomo mit Liebe. Er hatte siebenhundert fürstliche Frauen und dreihundert Nebenfrauen.“ (1 Könige 11,1-3) Durch die Bezeichnung „Herr“ wird Salomo quasi wie ein Zeitgenosse betrachtet, dessen ungeheure Liebeserfahrung den Sprecher bestätigt.

„Die Strophen eins und drei bilden den Rahmen für ein Bild im mittleren Gedichtteil, das zwar  durch eine recht konventionelle Form und einen ziemlich ironischen Tonfall abgeschattet wird, das in seinem Zentrum aber doch einen Abglanz davon enthält, was es mit dem leidenschaftlichen Widerspiel von Küssen und Bissen auf sich hat. Wo die Leidenschaft in der bürgerlichen Stube aufscheint, wird sie als »wunderlich Gelüsten« apostrophiert; unter diesem Signum darf sie aber doch etwas von ihrer Maßlosigkeit entfalten: ihre Sehnsucht nach Verwundung und Schmerz, ihre Bereitschaft zur Hingabe ohne jeden und um allen Preis, ihre Grenznähe zum Tode. So viel Erinnerung an den Abgrund hält Mörikes Gedicht wach – eine Erinnerung, deren mögliche Schrecken durch das Lächeln hindurch und in ihm erhalten werden.“ (Gerhard Härle: Lyrik – Liebe – Leidenschaft, S. 36) In der Vertonung Wolfs, wodurch das Gedicht als Lied lebt, ist von Ironie nichts zu hören. (N.T.)

http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/download/Haerle_LiebLyr_310306.pdf (G. Härle: Lyrik – Liebe – Leidenschaft)

Vortrag

http://media3.roadkast.com/sprechbude/nimmersatte_liebe_moerike_maasch.mp3 (Christoph Maasch)

http://www.podcast.at/episoden/nimmersatte-liebe-eduard-m%C3%B6rike-13029109.html (Chr. Walter)

http://www.youtube.com/watch?v=ejxwAGaRWDU (Michael Betz)

https://www.youtube.com/watch?v=AZA9FTsCsZk (Hugo Wolf: Lucia Popp)

http://www.youtube.com/watch?v=zpYZaAkH0w4 (Hugo Wolf: Barbara Bonney)

http://www.youtube.com/watch?v=SaUrww91mQ4 (Hugo Wolf: Evelyn Lear)

http://www.youtube.com/watch?v=vOI5YkdsUVQ (Hugo Wolf: Christa Ludwig, schöne Alt-Stimme)

http://www.youtube.com/watch?v=aqoU7Z27W6k (Hugo Wolf: Andrea Greenwald)

http://www.youtube.com/watch?v=0Em7e0ZbKDk (Hugo Wolf: Fischer-Dieskau)

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/mp3s/moerikelied_liebe.mp3 (T. Reiprich / K. Kiehl)

Sonstiges

http://www.moerike-gesellschaft.de/So_ist_die_Lieb_.pdf (Mörikes Liebeslyrik)

http://cingolani.com/15em.html (engl. Übersetzung)

http://cingolani.com/Moerike_English (Liste: Mörikegedichte in engl. Übersetzung)

http://www.zeno.org/Adelung-1793 (Adelung: Wörterbuch, 1793-1801)

2 thoughts on “Mörike: Nimmersatte Liebe – Analyse

  1. Pingback: Mörike: Im Frühling – Analyse « norberto42

  2. Pingback: Mörike: An die Geliebte – Analyse | norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s