Mörike: Das verlassene Mägdlein – Analyse

Früh, wann die Hähne krähn …

Text

http://www.moerike-gesellschaft.de/2006.pdf (dort im November: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://www.guntramerbe.de/moerike/textfassungen.htm (Vergleich mehrerer Textfassungen)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1638

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=762 (andere Fassung)

Das Gedicht ist 1829 entstanden und wurde 1832 ohne Überschrift im Roman „Maler Nolten“ veröffentlicht. Es gibt die solide Analyse Reiner Wilds (s.o.); ich möchte daher nur einige Ergänzungen anbringen:

In einigen Versen liegt ein Daktylos vor (V. 1 und 3; V. 5 und V. 6 f., dort mit Auftakt; V. 9-11; V. 13-15), was eigentlich ein flottes Sprechen ermöglicht. In allen Schlussversen der vier Strophen liegt das gleiche Schema des zweihebigen Trochäus mit Auftakt vor, was den Redefluss merklich stört. Diese Unregelmäßigkeit passt zum „Volkslied“.

Die Reime der jeweils zweiten und vierten Verse passen semantisch gut zueinander: eh die Sterne verschwinden / muss ich Feuer anzünden (V. 2/4); es springen die Funken / bin in Leid versunken (V. 6/8: Situation und Person); treuloser Knabe /von dem ich geträumet habe (V. 10/12); Träne stürzet hernieder / ginge der Tag wieder (V. 14/16: Leid /Wunsch nach dessen Ende).

Die Bezeichnung „Mägdlein“ in der Überschrift ist Diminutiv der Form „Magd“; das sollte man hier wörtlich nehmen, da das Mädchen offensichtlich für die Küchenarbeit zuständig ist: als erste aufstehen und Feuer machen – Magd ist zunächst allerdings „ein jedes junges unverheirathetes Frauenzimmer“ (Adelung), sodass die Abgrenzung zur Dienstmagd unscharf ist. Die Bezeichnung entspricht dem Diminutiv „Sternlein“ (V. 2); hier ist das einfache Mädchen die Sprecherin, während die Überschrift auf das Konto des Autors geht, der so eine junge Magd bezeichnet, als wenn er selber Mitleid mit ihr hätte. Auch ihre Anrede „Knabe“ (V. 10: „In der weitesten Bedeutung, eine jede junge Mannsperson, selbst ein junger Mann, d. i. eine männliche Person, bis bald nach dem angetretenen männlichen Alter; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, in welcher es noch mehrmahls in der Deutschen Bibel vorkommt. Im Scherze sagt man noch ein alter Knabe“, Adelung) spricht eher für ein jugendliches Alter der Magd, wenn Mörike auch oft veralteten Sprachgebrauch aufgreift.

In der 1. Strophe beschreibt die Ich-Sprecherin, was sie regelmäßig in der Frühe tun muss; in der 2. Strophe wechselt sie unbemerkt in eine Jetzt-Perspektive: „Es springen die Funken“ könnte noch „immer“ geschehen; „Ich schaue so drein“ ist sicher nur „jetzt“. Hier wird „Leid“ thematisiert (V. 8), womit das Stichwort geliefert ist, an das sie im Folgenden anknüpfen kann.

Mit dem Adverb „Plötzlich“ (V. 9) markiert sie die entscheidende Änderung des Geschehens; „da kommt es mir“ ( V. 9) bedeutet, dass sie nicht frei über ihre Gedanken verfügt, sondern als einfaches (Dienst)Mädchen sich ihren Gedanken oder Assoziationen überlässt. Mit der fiktiven Anrede „Treuloser Knabe“ (V. 10) zeigt sie, dass sie ein Streitgespräch mit ihrem untreuen Geliebten imaginiert, dass sie trotz seiner Untreue in seiner Gegenwart „lebt“, was ja auch der Traum bezeugt (V. 11 f.). Das Adverbial „dann“ (V. 13) passt nicht recht in eine Jetzt-Situation, sondern eher in ein „Immer“-Geschehen; es ersetzt wohl nur des Reimes wegen die passenden Wörter „jetzt“ oder „nun“, ist eigentlich sogar eher überflüssig. Die Äußerung in V. 15 bezeugt eine Distanz von der Situation des Leidens; so spricht jemand, der das Geschehen von fern betrachtet, oder jemand, der eine hohe Stilebene wählt (als Ersatz für: „Das fängt heute ja toll an!“). Im Wunsch des letzten Verses höre ich nur die Verzweiflung des Mädchens, nicht aber den Wunsch nach einem neuen Traum.

Das „O“ verdient es, einmal von allen Seiten beleuchtet zu werden: „ein Empfindungslaut, welcher der natürliche Ausdruck zunächst der Verwunderung, hernach aber auch fast aller lebhaften Gemüthsbewegungen mit allen ihren Schattirungen und Unterarten ist. 1) Der Verwunderung […] 2) Einer jeden angenehmen Empfindung, nach allen Graden ihrer Stärke. […] 3) Einer jeden unangenehmen Empfindung von der Verzweifelung, der auffahrenden Wuth an, bis zum kältern Hohne, und dem gelassenern Unwillen. […] 4) Des Wunsches, des Mitleidens, der Sehnsucht. […] 5) Ja fast einer jeden veränderten Gemüthsstellung, besonders in der vertraulichen Sprechart.“ (Adelung, jeweils mit Beispielen)

Liebesleid ist ein Thema über die Jahrtausende hin; so verwundert es nicht, dass es viele englische Übersetzungen des schlichten Gedichts gibt.

Vortrag

http://www.lutzgoerner.de/gdt/505/ (Lutz Görner)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/das-verlassene-maegdlein.html (Fritz Stavenhagen, gut!)

http://www.sprechbude.de/category/eduard-moerike/ (Juliane Fechner)

http://oracleplaylist.com/album/id:203477103/tid:203477298/M%C3%B6rike_Lieder__No__7__Das_verlassene_M%C3%A4gdlein#play/tid/203477298 (Hugo Wolf: Sukmanova)

Sonstiges

http://www.gedichte.com/threads/88393-Das-verlassene-M%C3%A4gdlein-vs.-Die-verlassene-B%C3%BCrokauffrau („moderne“ Nachdichtung)

http://www.draeseke.org/essays/verlasseneMagdlein_text.pdf (engl. Übersetzung)

http://myweb.dal.ca/waue/Trans/Moerike-Verlassen.html (dito)

http://cingolani.com/2em.html (dito)

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