Mörike: Verborgenheit – Analyse

Lass, o Welt, o lass mich sein! …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=755

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Verborgenheit

http://nddg.de/gedicht/2827-Verborgenheit-M%C3%B6rike.html (mal eine andere Quelle)

http://www.moerike-gesellschaft.de/2007.pdf (dort im Oktober: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

Das Gedicht ist 1832 entstanden und 1838 in den „Gedichten“ veröffentlicht worden. Es liegt ein Kommentar Reiner Wilds vor (s.o.), dem ich aber weithin nicht folgen kann: Ich kann nicht nachvollziehen, wieso hier Motive einer christlichen Weltflucht und ein religiös eingefärbtes Vokabular vorliegen sollen. Das wäre nur dann so, wenn vom „Himmel“ als der wahren Heimat die Rede wäre oder zumindest darauf angespielt würde; dem ist aber nicht so. Mit der Überschrift „Verborgenheit“ zitiert Mörike vielmehr Epikur, dessen Motto Λάθε βιώσας („Lebe im Verborgenen“) von Plutarch in seiner Schrift „De latenter vivendo“ diskutiert worden ist. Und die erste Zeile des Gedichts zitiert ebenfalls eine andere Tradition: „Laß, o Welt, o laß mich sein!“ Das heißt: „Lasst mich in Ruhe!“ Dieser Satz  findet sich heute in vielen Äußerungen (s. Suche im Internet); das damit ausgesprochene Lebensgefühl versteht man eher, wenn man unter „taedium vitae“, „Lebensüberdruss“ oder „Melancholie“ nachschaut. Melancholie gilt als eine mögliche Grundbefindlichkeit („Temperament“). „Weltschmerz ist ein 1823 von Jean Paul geprägter Begriff für ein Gefühl der Trauer und schmerzhaft empfundener Melancholie, das jemand über seine eigene Unzulänglichkeit empfindet, die er zugleich als Teil der Unzulänglichkeit der Welt, der bestehenden Verhältnisse betrachtet. Er geht oft mit Pessimismus, Resignation oder Realitätsflucht einher. In das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm ging es als tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt ein. Nachträglich wurde der Begriff insbesondere auf eine Geisteshaltung und den ihr entsprechenden literarischen Ausdruck der Romantik (u. a. Joseph Freiherr von Eichendorff, Clemens Brentano, Nikolaus Lenau) übertragen. Heinrich Heine nahm den Ausdruck auf und beschrieb ihn als ‚Schmerz über die Vergänglichkeit irdischer Herrlichkeit’ und Thomas Mann umschrieb ihn mit ‚Lebenswehmut’.“ (Art. „Weltschmerz“ in Wikipedia, April 2013).

Der Ich-Sprecher wendet sich an die „Welt“ und meint damit die anderen, mit denen er zu tun hat (Plural: „Locket nicht…“, „Laßt…“). „Welt“ bedeutet so viel wie „alle“. Doppelt legt das Ich seinen Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, aus: Es möchte keine „Liebesgaben“ erhalten, wobei Liebesgabe eine „gabe mitleidiger menschen“ (DWB) ist, also Ausdruck des Mitleids (in der Sicht des Ich). Und dann folgt das entscheidende Stichwort „alleine“: Nur für sich möchte es Wonne und Pein, also alles erleben. Und das heißt Verborgenheit, sein Erleben möge vor den anderen verborgen bleiben.

Dadurch, dass V. 1 und V. 4 um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), erhält das jeweils letzte einsilbige Wort einen stärkeren Akzent (wegen der folgenden kleinen Pause, wegen des Satzendes): Sein-lassen, Pein-ertragen, die auch im Reim verbunden sind. Auch der andere Reim (nicht Liebesgaben / allein haben) ist sinnvoll, weil er die „Verborgenheit“ artikuliert. Diese Strophe ist von l-Alliterationen bestimmt.

Dass diese Strophe als 4. wiederholt wird, gibt ihr besonderes Gewicht: Entweder nimmt man sie als Rahmen der beiden anderen, die dann die eigentliche Aussage des Gedichts darstellten, oder man versteht die beiden Mittelstrophen lediglich als Ausschmückung der Anfangs- und Schlussstrophe, welche auch als „letztes Wort“ des lyrischen Ich besonders wichtig wäre – ich neige zur zweiten Auffassung, welche auch der Überschrift gerecht wird. In den beiden Mittelstrophen umschreibt das Ich lediglich bestimmte Gefühlslagen, womit es seine Abkehr von der Welt erklärt.

In der 2. Strophe beschreibt das Ich sein ihm unerklärliches Leiden an der Welt (V. 5), „ein unbekanntes Wehe“ (V. 6); zwar gibt es „der Sonne liebes Licht“, also die Welt in ihrer Schönheit, aber es sieht sie „Immerdar durch Thränen“ (V. 7). „Immerdar“  ist durch Inversion an den Satzanfang gestellt, bekommt so sein Gewicht: nicht gelegentlich wie alle, sondern immerdar sieht es die Welt betrübt. Warum das so ist, weiß das Ich nicht.

In der 3. Strophe beschreibt das Ich, in welchem Zustand es sich „oft“ befindet; ob das seltener als immerdar ist oder nur eine Variation des temporalen Adverbials darstellt, sei dahingestellt. Im ersten Satz fehlt das entscheidende Objekt: Wessen ist das Ich oft „kaum bewußt“ (V. 9)? Sinnvollerweise sollte „meiner selbst“ ergänzt werden. Diese Aussage bedeutet so viel wie: Ich führe nicht mein Leben, es treibt so dahin. In der zweiten Aussage umschreibt das Ich die Ambivalenz seines Fühlens: Im Bedrückenden (vgl. 2. Strophe) erlebt es „helle Freude“, gar „wonniglich“. Wieder fehlt das entscheidende Objekt: Freude worüber? Es könnte Freude über der Sonne liebes Licht sein (vgl. V. 7 f.), aber auch Freude am Leiden selbst: „Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein.“ (Victor Hugo, 1802-1885) Das wäre vielleicht ein rechtes sich selbst im Leiden Genießen. „Sorgen, Ängste, Kummer haben wir alle immer mal wieder. Die Melancholie aber ist eine Zwischenstimmung, sehnsuchtsvoll und dennoch tröstend, wie ein Wiegenlied. Und da wir inzwischen erwachsen sind und uns niemand mehr ein Wiegenlied singt, können wir uns dieses süße Geborgensein nunmehr selbst angedeihen lassen – falls wir es aus lauter Angst nicht gleich im Keime ersticken.“ (Gesine von Prittwitz) Dieses Zitat erklärt auch, warum nach der 3. Strophe die 1. als 4. wiederholt werden kann: Forderung nach Einsamkeit als Konsequenz des schönen Leidens. Die innere Widersprüchlichkeit des Melancholikers erkennt man auch daran, dass er sagt: „Lasst mich alle in Ruhe!“ Wozu sagt er das wohl, anstatt zu verstummen? Wozu gar macht er ein Gedicht, statt seinen Schmerz nur hinauszuschreien?

Auch in der 3. Strophe passen die reimenden Verse semantisch gut zueinander: ich mir kaum bewusst / in meiner Brust (V. 9/12); Freude zücket / Schwere, so mich drücket (V. 10 f.: Gegensatz).

Was sich aus dem Text des Gedichtes nicht ergibt, sind Antworten auf die Fragen, woher dieses ambivalente Gefühl stammt, ob es eine moderne Befindlichkeit ausdrückt und ob hier ein Künstler spricht, der seine Kreativität in Abkehr von der Welt gewinnt. Antworten auf diese Fragen müssen aus anderen Quellen oder in einer Theorie der Melancholie gewonnen werden. Eine solche Theorie stelle ich nicht auf – ich verweise nur auf einige Links, die man im Anschluss an das Gedicht besuchen kann. Zudem seien einige deutsche Melancholie-Gedichte (es gibt da eine große europäische Tradition!) genannt:

D – r – n: Melancholicon (Leipziger Musenalmanach aufs Jahr 1776)

Gottfried August Bürger: Trauerstille (1789)

Ernst Moritz Arndt: An die Wehmut (1813)

Ludwig Tieck (1773-1853): Melankolie

Karl Egon Ebert (1801-1882): Melancholie

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=Wtr1xieJxuk (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=TvmUALh2_Vc (Judi)

http://www.youtube.com/watch?v=vU_W0QRy8_0 (Hugo Wolf: Eilika Krishar)

http://www.youtube.com/watch?v=IkaAXW1se7o (Wolf: Olga Nazaykinskaya)

http://www.youtube.com/watch?v=N0t7ZM5WRok (Wolf: Rachelle Moss)

http://www.youtube.com/watch?v=TG-FuspTt3g (Wolf: Evelyn Lear)

http://www.youtube.com/watch?v=CbMThjtA5hg (Wolf: Aryn Calhoun)

http://www.youtube.com/watch?v=UPCblbSoosE (Wolf: Lotte Lehmann)

http://www.youtube.com/watch?v=IsA5HchAdU4 (Wolf: Kathleen Ferrier)

http://www.youtube.com/watch?v=PtIJz23Dawk (Wolf: Joseph Santaniello)

http://www.youtube.com/watch?v=BdWIZz4YXxY (Wolf: Ivan Plazacic)

http://www.youtube.com/watch?v=xy4tavTLjP8 (Wolf: Jussi Björling) u.a.!

http://www.youtube.com/watch?v=bixRQbE1Kc0 (Holzinger: für gemischten Chor)

Sonstiges

http://cingolani.com/24em.html (engl. Übersetzung)

„Lasst mich in Ruhe!“ / Lebensüberdruss / Melancholie

http://www.youtube.com/watch?v=S3mhIudI6m4

http://www.youtube.com/watch?v=gPyfzVUposU (Song)

http://www.youtube.com/watch?v=xpuTXcQWltk (Nina Hagen)

http://gedichte.xbib.de/lass+mich+in+ruhe_gedichte_recherche.htm (Gedichte)

http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/depression4a.html (Depressionen)

http://www.youtube.com/watch?v=ZpWGs8PTuzc (Film: Depression)

http://de.wikipedia.org/wiki/Melancholie

http://www.psychology48.com/deu/d/melancholie/melancholie.htm (Lexikon)

http://gedichte.xbib.de/_Melancholie_gedicht.htm (Gedichte)

http://www.textlog.de/freud-psychoanalyse-trauer-melancholie-psychologie.html (Freud: Trauer und Melancholie)

http://www.psychotherapie-wissenschaft.info/index.php/psy-wis/article/view/35/151 (zu Freuds Aufsatz: S. Benvenuto)

http://www.die-kunst-zu-leben.de/archiv/psychologie_melancholie.htm (Verteidigung der Melancholie)

http://www.josef-zehentbauer.de/Grafik_j_z/melanchol-artikel-gross.pdf (dito)

http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/kreativitaet-und-niedergeschlagenheit-schoepferische-melancholie-ist-ein-mythos-1.1505245 (kritisch dazu)

http://www.untier.de/pdf/der_lange_schatten_der_melancholie.pdf (U. Horstmann: Der lange Schatten der Melancholie)

http://www.culture.hu-berlin.de/hb/static/archiv/volltexte/texte/natsub/melancho.html (H. Böhme: Kritik der Melancholie und Melancholie der Kritik)

http://web.ev-akademie-tutzing.de/cms/get_it.php?ID=649 (J. Völlnagel: Trauer – Melancholie – Depression)

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=2852 (D. von Engelhardt: Melancholie in der Medizin- und Kulturgeschichte)

http://www.novego.de/wissen/depression/was-ist-melancholie

http://de.wikipedia.org/wiki/Melencolia_I (Dürers Bild)

http://de.wikipedia.org/wiki/Melancholie_(Picasso) (P. Picasso)

http://www.medienkomm.de/PDFs/melan.pdf (V. Friedrich: Symbole der Melancholie)

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