Mörike: Gesang Weylas – Analyse, Interpretation

Du bist Orplid, mein Land! …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=757

http://www.moerike-gesellschaft.de/2005.pdf (dort im Oktober: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Gesang+Weylas

Das vermutlich 1832 entstandene Gedicht wurde erstmals 1838 veröffentlicht. „Orplid heißt ein von Ed. Mörike und seinen Freunden (besonders Ludwig Bauer) in phantastischen Jugendträumen erfundenes Land, eine Insel, die man sich im Stillen Ozean zwischen Neuseeland und Südamerika dachte; die göttliche Beschützerin des Landes ist Weyla.“ (Meyers, 1908)

„Damit diese Erfahrung des Wunsches, der Angst und des Verzichts [auf die ‚Zigeunerin’ Maria Meyer] zu Poesie, zu Mörikescher Poesie werden konnte, bedurfte es einer Umgebung, die diesen Traumgewinn und Realitätsverlust mit ihm teilte und in einer privaten Mythologie fortspann. Solche Mitdichter fand Mörike unter den Freunden im Tübinger Stift, die wie er Theologie studierten, aber von Dichtung und Erdichtung lebten, vor allem Wilhelm Waiblinger und Ludwig Amandus Bauer. Sie kannten das ‚Geheimnis’ und erfanden gemeinsam die Figuren, unter deren Namen es Mörike in einem Werk versteckt und enthüllt: Peregrina, Ulmon, Thereile, Wispel, der sichere Mann. Auch sie bewohnen das Fantasieland Orplid, das Mörike im Gesang Weylas beschwört: […] Orplid ist der poetische Traum von einer mythischen Welt, in der missglückte Liebe bereits zu einer uralten Geschichte geworden wäre. [Der letzte Satz bezieht sich auf das Schattenspiel in „Maler Nolten“. N.T.]“  So erklärt Heinz Schlaffer (in DIE ZEIT 21/2004) den lebensgeschichtlichen Hintergrund des Orplid-Mythos.

Wie die Überschrift sagt, singt Weyla, die Göttin Orplids, was man nur aus dem Schattenspiel im „Maler Nolten“ weiß. Sie spricht die Insel bzw. das Land Orplid an, im Sinn eines Lobpreises, einer identifizierenden Zusage des Heils: „Du bist [wirklich] Orplid, mein Land!“ (V. 1) Als erstes Attribut erkennt sie ihrem Land zu, dass es „ferne leuchtet“. Das Leuchten ist Zeichen und Ausdruck seiner göttlichen Qualität, wir kennen es als Nimbus (vulgär: Heiligenschein). Dass dieses Leuchten „ferne“ geschieht, kann nicht die Perspektive Weylas sein; das Land leuchtet in die Ferne, leuchtet den Menschen als Verheißung aus der Ferne. In der zweiten Aussage wird das Land als Insel sichtbar („dein besonnter Strand“, V. 3): Es liegt selber im Licht (und kann so leuchten); so dampft es den Nebel des Meeres empor, zerstäubt ihn, dass er in der Höhe „der Götter Wange feuchtet“. Der Weg des Nebels ist das große „Empor!“. „So“ (V. 4) ist hier „ein Wörtchen, welches die Stelle eines relativen Fürwortes vertritt, da es denn in allen Zahlen und Geschlechtern unverändert bleibt, aber nur von einem Zeitworte gebraucht wird, welches die erste oder vierte Endung erfordert“ (Adelung). Orplid gleicht den utopischen Phantasien, die sich an „Hawaii“ gebunden hatten. Gerhard Kaiser verweist auf Böcklins „Toteninsel“ als eine Parallele zu Orplid/Hawaii.

Das Metrum ist der Jambus, in den beiden ersten Versen zu 3 bzw. 2 Hebungen (Summe 5), in den beiden nächsten Versen zu 5 Hebungen. Das Rufzeichen am Ende von V. 1 erzwingt eine kleine Pause, ebenso die weibliche Kadenz von V. 2. Vers 3 scheint ein ganzer Satz zu sein, aber zu Beginn von V. 4 bemerkt man die Fortsetzung (Enjambement) mit dem Akkusativobjekt, welches „dampft“ zu einem transitiven Verb macht. „Du“ (V. 1) ist gegen das Metrum betont, genauso wie „Ur-„ in V. 5, beide mit einem tiefen u-Laut. In der zweiten Strophe wird der Rhythmus noch dynamischer: 3 / 4 / 3 / 5 Hebungen, abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen; V. 5, 6 und 7 sind wieder relativ abgeschlossen (Kadenz-Pause, Rufzeichen am Satzende).

In der zweiten Strophe wird die Insel im Bild eines Kindes gesehen: als Kind der Göttin. Das göttliche Kind ist nicht nur im Weihnachtsmythos, sondern auch im Hinduismus lebendig und wird von C.G. Jung als Archetyp identifiziert; Weyla erkennt ihm ausdrücklich seine „Gottheit“ (V. 7) zu. Das göttliche Kind ist Jugend und Freiheit; es verjüngt die uralten Wasser, die in die Empor!-Bewegung einbezogen werden (V. 5 f.). Es gehört dem Wasser und dem Land an, steht bis zu den Hüften als Orplid im Wasser. Die erneute Anrufung des Kindes (V. 5 f.) ist wieder verehrende Geste der Gottesmutter Weyla. In ihrer letzten Aussage spricht sie von den Königen, „die deine Wärter sind“ (V. 7 f.). Sie beugen sich vor dem Kind, ihre Verehrung ist die Gegenbewegung zum „Empor!“. Das Auf und das Ab schwingen ineinander – das erinnert mich an Goethes Ganymed. Die Könige erinnern an die Magier aus dem Morgenland, welche das göttliche Kind Jesus verehren (Mt 2).

Gerhard Kaiser (O Lied, mein Land. Eduard Mörike: „Gesang Weylas“, in: Augenblicke deutscher Lyrik, 1987, S. 269 ff.) erklärt, weshalb sich bei diesem Gedicht die Interpretation „in Vermutungen verlieren“ muss: „weil das Gedicht noch mehr als das Orplid-Spiel Imaginationsräume öffnet, ja ein Imaginationsraum ist“ (S. 276) „Orplid“ erinnert ihn an den Sänger Orpheus, „der die Welt zum Lied machte“ (S. 277): Der letzte „Gegenstand“ des Gedichts sei es selber in seiner unscharfen Bildlichkeit, seiner Lautung, seinem Rhythmus. „Was ist das Einzigartige dieser acht Zeilen? Ihre schöne Unverständlichkeit, die durch jede Interpretation schon gefährdet wird.“ (G. Kaiser, a.a.O., S. 281) Hans Georg Gadamer sagt abschließend: „In dem Gedicht hat der Dichter offenbar von seiner Privatmythologie Distanz genommen und ein Lied geschaffen, dessen Seelenmelodie das tiefe Bedürfnis der Menschheit nach Verjüngung und nach einer heilen Welt traumgleich heraufbeschwört. Das heißt nicht, daß das ferne Land das Gedicht meint [gegen Kaiser!] – wohl aber, daß alle Gedichte das ferne Land meinen, die nirgendwo seiende heile Welt.“ (Ästhetik und Poetik: Hermeneutik im Vollzug, Bd. II, 1993, S. 210)

http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-1 (Schlaffer)

Gadamers Interpretation, S. 208-210

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=9V8Q2MVvzqU (Hugo Wolf: H. Schlusnus)

http://www.youtube.com/watch?v=nD8Cy5ngavo (Wolf: Iván Fischer)

http://www.youtube.com/watch?v=nfSXXHvLXV0 (Wolf: Gérard Souzay)

http://www.youtube.com/watch?v=yW1jCqlbup0 (Wolf: Peter Anders)

http://www.youtube.com/watch?v=IDKXuCmVdaE (Wolf: Anna Kiryuta)

http://www.youtube.com/watch?v=fS9H21b6Y8A (Wolf: C. L. Farmer)

http://www.youtube.com/watch?v=NGK2Z9jUKs0 (Wolf: Scot Weir)

http://www.youtube.com/watch?v=lLuqiTGoATY (Wolf: A. Kechlibareva)

http://www.youtube.com/watch?v=856S9PJbk8E (Wolf: Waltraud Meier)

http://www.youtube.com/watch?v=y3fkZQlEOck (Wolf: Jared S. Klein)

http://www.youtube.com/watch?v=UFY6uP1j6tI (Wolf: Marija Sklad)

http://www.youtube.com/watch?v=8hoYWRBMVL8 (Wolf: Lisa Jackson)

http://www.youtube.com/watch?v=hSDvvS952-k (Wolf: Chen Xu) u.a.

http://www.youtube.com/watch?v=PS0Ugx7_-MI (Holzinger: Chor)

Sonstiges

http://universal_lexikon.deacademic.com/230599/Du_bist_Orplid,_mein_Land! (Orplid)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/235/173.pdf (Noten Hugo Wolfs)

http://cingolani.com/29em.html (engl. Übersetzung)

http://de.wikipedia.org/wiki/Orplid_(Band)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s