Mörike: An eine Äolsharfe – Analyse

Angelehnt an die Efeuwand …

Text

http://www.moerike-gesellschaft.de/2008.pdf (dort im Mai: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=789

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/An+eine+%C3%84olsharfe

Zuerst wird man heute erklären müssen, was eine Äolsharfe ist: eine Art Saiteninstrument, dessen Saiten vom Wind durch den Luftzug in Schwingung versetzt werden und so melodische Töne erzeugen. Äolsharfen (oder Windharfen) waren schon in der Antike bekannt; sie hatten in der Zeit um 1800 eine Hochkonjunktur. Hier kann man (auf Link 3) Windharfen hören.

Für das Verständnis von Mörikes Gedicht ist es wichtig zu wissen, dass bereits vor Mörike Äolsharfen auch in der Literatur ein Motiv waren. Berühmt ist Coleridges Gedicht The Eolian Harp (1795). Herder hatte 1795 Thomsons Ode  ins Deutsche übersetzt. Goethe erwähnt das Instrument in der „Zueignung“ von „Faust“:

„Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen

Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,

Es schwebet nun in unbestimmten Tönen

Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,

Ein Schauer fasst mich, Träne folgt den Tränen,

Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich…“ (V. 25-30)

Kerner hatte 1823 den „Frauen-Verein zu Weinsberg“ zu Weinsberg gegründet, um die Ruine der Burg Weibertreu vor dem Verfall zu bewahren. In den Schießscharten des „Dicken Turms“ ließ Kerner Äolsharfen anbringen, die Dichtern als Projektionsfläche melancholischer Gedankenspiele dienten. Aus diesem Anlass entstand folgendes Gedicht:

Justinus Kerner: Die Äolsharfe in der Ruine

„In des Turms zerfallner Mauer

Tönet bei der Lüfte Gleiten

Mit bald halb zerrißnen Saiten

Eine Harfe noch voll Trauer.

 

In zerfallner Körperhülle

Sitzt ein Herz, noch halb besaitet,

Oft ihm noch ein Lied entgleitet

Schmerzreich in der Nächte Stille.“

Mit der Äolsharfe, die auch noch bei anderen Autoren erwähnt ist, waren in der Literatur mehrere Aspekte verbunden: „die Klage der Toten aus dem Jenseits, die Klänge aus dem Ganzen der Natur, die poetische Inspiration“ (Georg Braungart).

„Das vermutlich im Frühsommer 1837 entstandene und 1838 in den Gedichten erstmals gedruckte Gedicht ist eine Totenklage; Mörike gedenkt darin (ohne den Namen zu nennen) seines 1824 gestorbenen Bruders August.“ (Reiner Wild, s.o.) Es zählt zu den Dinggedichten.

Das Gedicht beginnt mit dem Zitat einer Strophe aus des Horaz Oden (II.9, V. 9-12) als Motto – das einzige Motto eines Gedichts Mörikes:

„Nur du beweinst in ewigem Klagelied

Des Mystes Tod, dein sehnender Schmerz entweicht

Nicht, wenn des Abends Stern heraufsteigt,

Nicht wenn er flieht vor der glühnden Sonne.“

Dieses Motto ermahnt einen Adressaten, sich der Trauer um einen jungen Mann nicht völlig zu ergeben – Mörike setzt damit vermutlich einen Gedenkstein für seinen Lieblingsbruder August, der 1824 überraschend gestorben war; die ganze verwickelte Beziehung Eduard Mörikes zu August und der Trauer um ihn kann man bei Braungart nachlesen – das Gedicht sollte als veröffentlichtes jedoch nicht nur aus den Details der Biografie Mörikes zu verstehen sein.

In der ersten Strophe wendet sich der Ich-Sprecher an die Äolsharfe, die an eine Efeuwand gelehnt ist; Efeu ist ein Symbol der Treue, der Unsterblichkeit, des ewigen Lebens. Die Äolsharfe wird wiederholt aufgerufen, wieder „Deine melodische Klage“ anzufangen. Die Verse sind in freien Rhythmen abgefasst, sie geben so Raum für die elegische Stimmung des Sprechers.

In der zweiten Strophe werden die Winde angesprochen, welche die Saiten der Harfe zum Klingen bringen sollen. Mit dem gefühlvollen „Ach!“ (V. 9) wird ihrer Herkunft vom Grabhügel des Knaben gedacht, „Der mir so lieb war“ (V. 10) – biografisch gelesen: des Bruders August. Der Ich-Sprecher gesteht: Sie bedrängen „süß“ (V. 14) sein Herz, da sie den vollen Blütenduft aufgenommen haben. In der w-Alliteration (V. 16) wird die Musik der Windharfe beschrieben, die Winde sind in der s-Alliteration benannt (V. 14 f.) und werden im W von „Wachsend“ mit der Musik verbunden, zugleich mit der Sehnsucht des Sprechers. Im Wachsen und Hinsterben sind sie selber lebendig (V. 17 f.).

Die dritte Strophe bringt eine Überraschung, eine Momentaufnahme: Wind und Harfe, in der h-Alliteration verbunden, erzeugen plötzlich den holden Schrei der Harfe und antworten damit der eigenen Seele „plötzliche Regung“ (V. 23). Sie bewirken süßes Erschrecken (V. 22), das genauso ambivalent ist wie der holde Schrei (V. 21), das süße Bedrängen (V. 14) und die melodische Klage (V. 7). Die zweite Folge des Windstoßes ist, dass die voll erblühte Rose „Alle ihre Blätter vor meine Füße“ streut (V. 24 f.). Damit wird sie zum Symbol des Knaben, der aus der Jugend in den Tod gerissen wurde; sie wird zur Gegenblume des Efeus, die blühende Pracht im Untergang. (Rose und Efeu sind beide selbst ambivalente Symbole, in Gehalt oder Verwendung sowohl dem Leben wie dem Tod verbunden.)

Über die Äolsharfe könnte eine weitere Linie zu Mörikes Bruder August führen. Dessen Lieblingsgedicht war Matthisons „Lied aus der Ferne“ (1794 gedruckt). Die letzte Strophe dieses Gedichts lautet so:

„Hörst du, beim Silberglanz der Sterne,

Leis‘ im verschwiegnen Kämmerlein,

Gleich Aeolsharfen aus der Ferne,

Das Bundeswort: Auf ewig dein!

Dann schlummre sanft; es ist mein Geist,

Der Freud‘ und Frieden dir verheißt.“

http://forum.festspiele.de/index.php?page=Thread&postID=43601 (dort ab 10. April 2008; der Autor G. Widmann stützt sich auf Georg Braungarts Aufsatz: Poetische „Heiligenpflege“: Jenseitskontakt und Trauerarbeit An eine Äolsharfe. In: Interpretationen. Gedichte von Eduard Mörike, hrsg. von Mathias Mayer, RUB 17508, S. 104 ff.)

http://buecherei-alstaden.blogspot.de/2010/09/gedicht-des-monats-september-2010-das.html

http://de.groups.yahoo.com/group/Fischer-Dieskau_Forum/message/1381

Symbolik Efeu

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Efeu

http://cologneweb.com/yvonne/efeu.htm

http://www.derkleinegarten.de/800_lexikon/825_symbole/efeu/efeuranke.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Efeu

Symbolik Rose

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Rose

http://globaltalk.de/kolumnen-von-globaltalk/symbolik-der-rose/007093/

http://www.moers.de/C12572210040C568/html/D9FC37F42DD8F70BC125770600347EC0?opendocument

http://de.wikipedia.org/wiki/Rosen

Dinggedicht

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=GaffD57Vdrk (Hugo Wolf: ?)

http://www.youtube.com/watch?v=yuuI-MMt9lg (dito

http://www.youtube.com/watch?v=GaffD57Vdrk&list=PL9B522F7C466771D1&index=6 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=gdGeI_upeIs (Hugo Wolf: N. Greenidge)

http://www.youtube.com/watch?v=jYi2Xk_jIuo (Wolf: Evelyn Lear)

http://www.youtube.com/watch?v=G0ucFkblLXg (Wolf: Fischer-Dieskau, u.a.: An eine Äolsharfe)

http://www.youtube.com/watch?v=4bIMbVO3Mfw (Wolf: Scot Weir)

http://www.youtube.com/watch?v=nvlhJEZHkeg (Brahms: Samanta Weppelmann)

http://www.youtube.com/watch?v=cR9eqvY4zPU (Brahms: Emilio Pons)

http://www.youtube.com/watch?v=uMiq_v3lBsw (Brahms: Marija Vidivic) u.a.

http://www.youtube.com/watch?v=n2GYlUdyJ_E (Henze: An eine Äolsharfe)

Sonstiges

http://www.nostalghia.de/wel-frm.html?windharfe0.html (große Seite über Windharfen!)

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84olsharfe (Äolsharfe)

http://www.windklangkunst.de/whatis.html (Jutta Kelm: Die Äolsharfe)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Matthisson,+Friedrich+von/Gedichte/In+der+Fremde/Lied+aus+der+Ferne (Matthison: Lied aus der Ferne)

http://cingolani.com/21em.html (engl. Übersetzung)

http://jsq.humnet.unipi.it/Poesie.pdf (italien. Übersetzung verschiedener Gedichte Mörikes)

http://www.ku.de/fileadmin/1305/Philologie/Lehre/Interpretationen/I-89-2.pdf (Text und Übersetzung des Horaz-Zitats)

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