Mörike: Die schöne Buche – Analyse

Die intensivste Interpretation, die ich kenne, ist die von Barbara Wiedemann: „Ganz verborgen“ – Kunstvolle Kunstlosigkeit, in: Interpretationen. Gedichte von Eduard Mörike. 1999, RUB 17508, S. 131 ff.

Das 1842 entstandene, erstmals 1847 veröffentlichte Gedicht besteht aus zwei Teilen; der Einschnitt ist durch einen Gedankenstrich vor V. 15 markiert. Damit geht der Wechsel vom beschreibenden Präsens ins berichtende Präteritum einher; im zweiten Teil wird berichtet, wie der Sprecher die Buche und den sie umgebenden Platz kennen gelernt hat, während im ersten Teil der Buchenhain beschrieben wird.

Das Gedicht besteht aus Distichen (Wechsel von Hexametern und Pentametern): „Die erste Zeile lädt aus, breit und frei; die zweite zieht sich zusammen und schafft einen leisen Stillstand. [… Diese Form ist] was sie sein soll: Weise von Leben. Sie ist wie das Atmen, das ja nicht als solches gewußt wird, sondern als stiller Rhythmus durch alles Tun geht.“ (R. Guardini) Dieses griechische Versmaß ist auch deshalb angemessen, „weil Mörike hier ein Weltmodell entwirft, das die deutsche Kultur seit dem späten 18. Jahrhundert vor allem aus der Antike abgeleitet hat […] Es ist das Modell einer sinnvoll geordneten, auf ein Zentrum bezogenen Welt, in der der Mensch in der Natur in Kontakt mit dem Göttlichen gerät, in der ihm bewusst wird, dass er einen Geist besitzt, der ihn leitet.“ (D. von Petersdorff, s.u.)

Wenn ich es recht sehe, geht der Sprecher in Schritten von jeweils zwei Distichen voran: Er führt eine Buche ein, „man sieht schöner im Bilde sie nicht“ (V. 2). Hier fällt auf, dass er in der Entfaltung des Attributs „bildschön“ einen negativen Bezug von Natur (Buche) und Kunst (Bild) herstellt; er beschreibt die Buche kurz. Dadurch, dass sie „einzeln“ (V. 3) steht, kann sie dem einsamen Ich (V. 16 ff.) begegnen.

In den beiden nächsten Distichen (V. 5-8) wird die nächste Umgebung der Buche beschrieben, und zwar als Idylle (V. 6 f.): „Zur literarischen Idylle gehört der Topos des locus amoenus, des lieblichen Ortes, oft an einem abgelegenen Quell oder in einem ruhigen Hain gelegen.“ (Art. „Idyll“, wikipedia) Wieder fällt der negative Bezug zur Kunst auf, ausdrücklich thematisiert (V. 8). Vor allem wird hier die Ordnung des Raumes als Kreis offenbar (umzirkt = schließt in Kreisform ein, Neologismus; Stamm in der Mitte; dies liebliche Rund, V. 7 f.) – jene Ordnung, von der D. von Petersdorff spricht (s.o.). Die etwas weitere Umgebung „umkränzt“ dieses Rund, wie in den nächsten beiden Distichen beschrieben wird (V. 9-12); die anderen Bäume schirmen den Kreisraum gegen die Welt und den Himmel ab.

V. 13 f. ist von Mörike erst nach dem ersten Druck des Gedichts eingefügt worden. Einmal fügt der Doppelvers die schützende Felswand der Idylle hinzu (B. Wiedemann); sodann taucht auch der Ich-Sprecher (V. 1) noch einmal pronominal auf, was den ersten Teil des Gedichts abrundet.

Die gleiche Abrundung finden wir auch im zweiten Teil, wo die Stichworte „einsam/Einsamkeit“ den Kreis um die Verse schließen. Im zweiten Teil wird berichtet, wie das sprechende Ich diesen lieblichen Ort gefunden hat: „Die im zweiten Teil präsentierte Erfahrung ist die Bedingung dafür, dass die Buche und ihr Ort als ‚schön’ wahrgenommen werden kann, mithin als Kunst, die im Gedicht Gestalt gewinnt; und so ist die Selbsterfahrung des Sprechers – ‚Aber ich stand und rührte mich nicht; dämonischer Stille, / Unergründlicher Ruh’ lauschte mein innerer Sinn’ – auch eine Initiation zum Dichter.“ (Reiner Wild, s.o.)

Im ersten Doppeldistichon (V. 15-18) berichtet das Ich, wie es „unlängst einsam“ den lieblichen Platz gefunden hat: Es ist von der Gottheit des Hains dort hin- und eingeführt worden. „Zahlreiche antike Belegstellen geheiligter Waldstücke wurden mit dem Wort ‚Hain’ ins Deutsche übersetzt und reicherten ihrerseits den Begriff mit sakralen und poetischen Konnotationen an. […] Bei den Griechen wählte man ein Waldstück aus und weihte es einer Gottheit, der man darin bald auch Altäre, Tempel und Statuen errichtete.“ (Art. „Hain“, wikipedia) Dieser heilige Geist des Hains hat seinerseits das Ich an den heiligen, tempelartigen Ort geführt. Das Merkmal „plötzlich“ (V. 18) zeigt an, dass das Geschehen den Charakter der Offenbarung (Epiphanie) hatte; der Betroffene ist dementsprechend ein Staunender.

Im nächsten Doppeldistichon wird die erste Begegnung mit dem heiligen Ort berichtet. Das Ich erlebt ein großes Entzücken (V. 19). „Entzücken“: „1) Des Bewußtseyns berauben, und zugleich in den Zustand übernatürlicher Empfindungen versetzen, gleichsam jemanden sich selbst entziehen, in welchem Verstande aber nur das Mittelwort entzückt üblich ist. […] 2) In weiterer Bedeutung, von angenehmen Empfindungen, wenn sie uns gleichsam das Bewußtseyn unser selbst rauben, den höchsten Grad des Vergnügens auszudrucken“ (Adelung, 1811). Zweifellos liegt im Gedicht die alte erste Bedeutung vor; denn es ist „die hohe Stunde“ (V. 19) da, die Zeit der Erfüllung, die sich durch Stille und Festlichkeit auszeichnet.

„Jetzo“ wird das Ich aktiv, aber so, wie es dem Einsamen in der Stille geziemt: Es lässt die Augen „rundum“ gehen, erfasst den Kreis, dessen Gestalt durch die Sonne betont und erhöht wird (V. 23-26). Die umherblickenden „Augen“ nehmen erneut ein Stichwort auf, das bereits im ersten Teil wie unabsichtlich gebraucht war: „das Aug’ still zu erquicken“ grünte der Rasen (V. 6), Rasen und Auge sind füreinander da. Die feurig strahlende Sonne (V. 25) ist seit Platon Symbol der unanschaubaren Wahrheit, deren erhellenden Strahlen man nur in Schattenbildern standhalten kann.

Im nächsten Distichon wird der Moment der Offenbarung beschrieben, den das Ich bewegungslos erträgt (V. 27 f.). Die äußeren Sinne schweigen, es lauscht (!) nur „mein innerer Sinn“ (V. 28). „Der innere Sinn ist die Fähigkeit des Subjekts (der Seele), die eigenen Modifikationen anzuschauen (wahrzunehmen).“ (Eisler: Kant-Lexikon) Entscheidend ist hier vermutlich der Gegensatz des inneren gegenüber den äußeren Sinnen: Wenn das Ich „dämonischer Stille, / Unergründlicher Ruh’“ lauscht (V. 27 f.), so wird es einerseits des Göttlichen (dämonisch, unergründlich) inne, anderseits spricht dieses nur in der Stille und erfüllt das Ich mit seinem Eigensten, begabt es zum Dichten: „Ganz nahe zu dämonisch ist genial zu stellen (genius = daemon).“ (F. Mauthner) Zum Schluss des Offenbarungsberichts spricht das Ich im Jetzt des Sprechens die Einsamkeit an, die seine eigene Mitte ist (vgl. V. 15), welche es im Innersten des Kreises findet. Es bekennt: Da „fühlt ich und dachte nur dich!“ (V. 30) „Die beiden letzten Verse vollziehen einen kühnen Zeilensprung (‚Zauber-/Gürtel’), mit dem bildlich und rhythmisch das Schließen des Gürtels dargestellt wird.“ (D. von Petersdorff) Hier zeigt sich die poetologische Seite des Gedichts: „Nicht mehr die Natur ist gestaltende Kraft, sondern, mit seinem Eintreten ins Zentrum des Kreises, das Ich – der Künstler.“ (B. Wiedemann) Die im ersten Teil des Gedichts betonte Kunstlosigkeit des Hains hat hier ihr Gegengewicht gefunden.

Zum Abschluss noch ein Wort zum Verhältnis des biografischen Ichs Mörikes zum lyrischen Ich des Gedichts: Barbara Wiedemann sieht in einer am 10. Juni 1838 an Hartlaub geschickten Schilderung Mörikes den „Kern“ des Gedichts „An eine Buche“. Er spricht darin von einer Stelle im Wald, auf der eben das Gras frisch gemäht ist: „Der Platz ist ein längliches Viereck […] An der vordern schmalen Seite, wo man herkommt, ist ein dammartig aufgeworfener, mit dichtem Moos überzogener Hügel, worauf die schönste Buche steht. Da sezte ich mich nieder, hing meinen Träumereien nach, indeß die Amsel musicirte, und zog zulezt ein Buch, welches wir ehmals beide gleichsehr liebten.“ (RUB 17508, S. 132) Man sieht hier den Buchenkern des Gedichts, in welchem dann ein ganz neues Buchenerlebnis kreiert ist.

http://www.neueredeutscheliteratur.uni-jena.de/pdfs/Vorlesungen%20DvP/02%20Nach%20den%20Utopien%20WS200910.pdf (Dirk von Petersdorff: Vorlesungen über Literatur des 19. Jh.;  dort das 1. Beispiel, nicht im Inhaltsverzeichnis)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=U_pDyUfDPos (Peter Bieringer, gut, etwas zu schnell)

Innerer Sinn

http://www.lucerna-magica.de/index.php?option=com_content&view=article&id=62&Itemid=66 (Mittelalter)

http://www.textlog.de/32622.html (Kant: innerer Sinn)

http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinsinn

http://www.textlog.de/4148.html (Gemeinsinn)

http://www.textlog.de/19095.html (Mauthner: „Sinn“)

Sonstiges

http://archiv.ub.uni-marburg.de/es/2008/0001/pdf/KuDaE.pdf (Mörikes Dinggedichte – „Die schöne Buche“ ist im strengen Sinn kein Dinggedicht!)

http://gedichte.xbib.de/_Buche_gedicht.htm (Buchengedichte)

http://cingolani.com/64em.html (engl. Übersetzung)

http://gedichteaufenglisch.blogspot.de/2012/02/die-schone-buche-by-eduard-morike.html (dito

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