Mörike: Früh im Wagen – Analyse

Es graut vom Morgenreif …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=764

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Fr%C3%BCh+im+Wagen

http://www.moerike-gesellschaft.de/2008.pdf (dort im November: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

Die beiden ersten Strophen sind 1843 entstanden, 1846 der Rest; 1846 erschien das Gedicht in Cottas „Morgenblatt“.

Die Struktur des Gedichts ähnelt der von „An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang“, wenn auch Inhalt und Stimmung sich deutlich von dem älteren Gedicht unterscheiden. In den beiden ersten Strophen wird ganz allgemein die Situation der Morgendämmerung beschrieben: Schon (V. 3) kündigt sich im Osten zaghaft die Sonne an, noch (V. 8) ist der Vollmond als Nachtlicht da. Jeweils zwei Verse machen einen Satz aus, der auch durchgängig gesprochen wird, weil der dreihebige Jambus ganz regelmäßig verläuft (männliche Kadenzen) und der Kreuzreim auch die beiden Satzenden sinnvoll verbindet, z.B.: den Morgenstern vergehn / den vollen Mond noch stehn (V. 6/8).

Mit der Partikel „So“ (V. 9) erweist sich der Sprecher als lyrisches Ich („mein“, V. 9), das zu einem anderen Thema überleitet, welches durch die gleiche Schon-noch-Struktur bestimmt ist: Schon geht der Blick in die Ferne, noch – und jetzt müsste folgen: Noch hängt er am Nahen, oder noch geht er zurück. Die letztere Version wird verwirklicht, der Blick geht zurück in die letzte Nacht, die Abschiedsnacht (V. 12). Damit ist das Thema Liebe und Liebesabschied gesetzt, und zwar mit dem Oxymoron „Schmerzensglück“, welches die Ambivalenz von „Willkommen und Abschied“ neu formuliert: Glück der Liebe und zugleich Schmerz des Abschieds. Die 3. Strophe ist ein einziger Satz; die Gliederung erfolgt durch das Ende eines Relativsatzes (V. 10), der Reim ist semantisch etwas holperig.

In den beiden nächsten Strophen wird die Abschiedsnacht „erblickt“, also erinnert, imaginiert. Noch (V. 16) sind der Seelenblick („dunkler See“, V. 14) und der Kuss gegenwärtig, noch ist das Flüstern „hier“ (V. 16). Das alles ist „Dein“; dreimal steht das Possessivpronomen pointiert am Versanfang, beim ersten Mal betont; einmal wird es noch in V. 15 wiederholt („dein Hauch“). Mit allen Sinnen (sehen, spüren, hören) wird das gegenwärtige Du erlebt. In der 5. Strophe wird eher der Schmerz des Abschieds erfahren, hier vergeht dem lyrischen Ich das Sehen (und das Hören – was zu hören wäre, wird nicht gesagt): Das Gesicht begräbt sich weinend, nur noch Purpurschwärze ist da; Purpurschwärze ist mehr als Farbe, ist der Seelenzustand des Abschieds. Wieder machen zwei Sätze die Strophe aus, wieder passen die Reime „mein Gesicht / vor dem Auge dicht“ (V. 18/20, das Nichtsehen) zueinander.

„Die Sonne kommt“ (V. 21) – damit wird das lyrische Ich aus der Abschiedsnacht in die Wirklichkeit zurückgeholt, welche es „Früh im Wagen“ erfährt, vermutlich nach der erinnerten Liebesnacht; die Sonne „scheucht den Traum hinweg“ (V. 21 f.). Traum ist „der Zustand verworrener Vorstellungen im Schlafe, ein mittlerer Zustand zwischen Schlafen und Wachen“ (Adelung); die Sonne steht für Licht und Klarheit, sie gibt den Blick in die Ferne frei, sie ist dem Wachen zugeordnet. Aber mit dem Sieg des Lichts bleibt ein „Schauer“ des Verlusts, der Trauer verbunden (V. 23 f.). Das Wort „Schauer“ bezeichnet „eine schnell vorüber gehende, gemeiniglich zitternde oder doch rauschende Bewegung, deren Laut es eigenthümlich nachahmet“ (Adelung), hier „eine schnell vorüber gehende Erschütterung der Haut, dergleichen man bey einem plötzlichen Anfalle der Kälte, bey einem hohen Grade des Schreckens, des Abscheues, der Angst u.s.f. empfindet“. Was das Ich empfindet, bleibt damit ungesagt. Da der Schauer von den Bergen kommt, haftet ihm auch noch das Naturhafte an: „Ein schnell vorüber gehender Sturm, ein schnell vorüber gehender Platzregen oder Hagel, eine vorüber gehende Erschütterung der Erde, wird noch häufig ein Schauer genannt.“ (Adelung) Der ambivalente Schauer ist die letzte Spur der verscheuchten Erinnerung: „Traum hinweg im Nu / Schauer auf mich zu“ (V. 22/24). Beinahe enttäuscht setzt das lyrische Ich die Fahrt fort; es hat mit seinem Traum etwas von Seele verloren. Wie anders geht das lyrische Ich in Goethes „Ein zärtlich jugendlicher Kummer“ in der Morgendämmerung in die Landschaft hinein!

http://www.moerike-gesellschaft.de/So_ist_die_Lieb_.pdf (Mörikes Liebeslyrik, dort S. 21 f.)

http://deutsch2009.atwiki.com/page/Eduard%20M%C3%B6rike%20-%20Fr%C3%BCh%20im%20Wagen  (schülerhaft unbeholfen)

http://www.lyrikschadchen.de/html/morike.html (dito)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=2g9yWPFXVfw (vom Wortmann)

Sonstiges

http://www.g.eversberg.eu/MWStormWiss/Seite12.htm (Verhältnis Mörike-Storm)

http://cingolani.com/25em.html (engl. Übersetzung)

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