Mörike: Auf eine Lampe – Analyse

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=759

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem&ds=2558

http://www.moerike-gesellschaft.de/2008.pdf (dort im Oktober: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://germanistik.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_germanistik/projekte/eybl/Folie_13_M%C3%B6rike.pdf (Text mit Sekundärlitertur)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Auf+eine+Lampe

Emil Staiger hat in seinem großen Aufsatz „Die Kunst der Interpretation“ 1955 am Beispiel des Gedichts „Auf eine Lampe“ erläutert, was für ihn Interpretation eines Gedichtes heißt. Dieser Aufsatz ist immer noch lesenswert, deshalb auch gescannt greifbar (s.u.).

Dort erklärt Staiger den Rhythmus als das Charakteristische eines Kunstwerks (S. 5 f.); doch dürfe man den Dichter nicht vergessen (S. 8). Was den klassizistischen Mörike auszeichnet, beschreibt er S. 9 f. Den Rhythmus des Gedichts untersucht er S. 13 f. Die historische Interpretation des Gedichts steht am Schluss (S. 17-19):

„Der jüngere Mörike, Dichter der «Peregrina-Lieder», des «Maler Nolten», zeichnet noch keine so klar umgrenzten Räume wie in «Auf eine Lampe». Sein Element ist eher die Zeit. Er lebt im Bann der Erinnerung, ein letzter König von Orplid, und lauscht den Tönen, die aus dem Vergangenen, seiner Kindheit und fernen, sagenumwobenen Völkern herüberklingen.“

Später „gedieh aber eine schon früher gelegentlich angekündigte Kunst zu immer größerer Vollkommenheit, die klassizistische Poesie, die sich bewußt an Goethe und an Meister antiker Lyrik anschließt. Da herrscht nun die räumliche Gegenwart vor; die Anschauung drängt die Stimmung zurück; die Reime weichen den Distichen und andern antiken Maßen, deren Tugend minder im Klanglichen als in reinlichen Gliederungen besteht. Und doch verleugnet der scheue Mörike auch in diesen klassizistischen Werken seine Eigenart nicht. Es fällt ihm nicht ein, der Kunst ein Maß zu geben und das Leben auf ein gültiges Vorbild auszu­richten, wie Goethe dies in «Hermann und Dorothea» unter­nommen hat.[…] Er kennt nun zwar gegenwärtige Schönheit; aber er kennt sie nur als Rest, als Überbleibsel, als ausgesparten Raum in nüchterner Umgebung, so den Kreis von «dämonischer Stille», in dem die «Schöne Buche» steht, so das Grab von Schillers Mut­ter oder im Garten den Lieblingsbaum, in den er Höltys Namen geschnitten, Stätten also, die eine Beziehung auf die Vergangen­heit auszeichnet, so auch die Sommerlandschaft und die Kloster­gebäude von Bebenhausen und so — vielleicht der reinste aus­gesparte Raum — das «Lustgemach», in dem die schöne Lampe hängt.

«Fast vergessen» ist es; zwar, die Lampe ist «noch unver­rückt», heute, aber wie lange noch? Niemand achtet des Kunstgebilds. Nur er, der Dichter, nimmt es wahr in seiner unauf­dringlichen Schönheit. Er ist von außen eingetreten. […] Er schal­tet nicht als Herr in diesem Haus, in dem die Lampe hängt. Da scheint überhaupt kein Herr mehr zu sein. Doch zugehörig fühlt er sich noch; er wagt es, wenigstens halb, sich noch als Ein­geweihten zu betrachten. Gerade darauf beruht vielleicht der schmerzlich-schöne Zauber des Stücks. Er sieht die Lampe nicht so als Kunstwerk, wie sie Goethe sehen würde, nämlich in brüderlicher Verehrung, als organisches Gebilde, dessen Baugesetze mit denen des menschlichen Körpers und Geistes verwandt sind. Der Efeukranz, der Kinderreigen wirkt auf den Betrachter mehr dekorativ, das heißt, er sieht sich das Kunstwerk mehr — nicht ganz, aber mehr — von außen an. Er fühlt sich jedenfalls nicht damit eins, so wenig wie noch mit seiner Kindheit, an die viel­leicht die Kinderschar eine wehmutsvolle Erinnerung weckt. Halb nah, halb fern, «halb Lust, halb Klage», wie das Gedicht «Im Frühling» sagt.

Es ist vor allem der letzte Vers, in dem dieser Ton am reinsten erklingt:

«Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.»

«Die Schöne bleibt sich selber selig», sagt Goethe im zweiten Teil des «Faust». Er weiß darüber Bescheid. Er spricht sich ent­schieden und unzweideutig aus. Mörike geht nicht so weit. Er traut sich nicht mehr ganz zu, zu wissen, wie es der Schöne zu­mute ist. «Was aber schön ist, selig scheint es . . .», ist alles, was er zu sagen wagt. Und nun ersetzt er noch gar, mit jenem letz­ten Raffinement, über das nur ein Spätling verfügt, das «sich» durch «ihm»: «Selig scheint es in ihm selbst.» Hätte er «in sich selbst» geschrieben, so hätte er sich noch immer allzusehr in die Lampe hineinversetzt. Ganz abgerückt ist das Schöne wieder, wenn es selig ist «in ihm selbst». Es ist, als habe der Betrachter das Lustgemach bereits wieder verlassen und denke nun über das Kunstwerk nach. Nachzudenken ist ihm gemäß, ihm, der sich als Nachgeborener fühlt. Im Nachdenken findet er aber den Trost, das Schöne bedürfe der Würdigung nicht; es sei sich selbst, «ihm» selbst genug — einen gültigen, aber doch schmerzlichen Trost, der jeden seinem Bereich überläßt, das Schöne dem fast vergessenen Raum, den Menschen der Gleichgültigkeit des Tages.“ – An diesem Aufsatz (und dem Verb „scheint“ des V. 10) hat sich Staigers Kontroverse mit Heidegger über die Frage entzündet, was Kunst sei und was Interpretation bedeute.

Das 1846 entstandene Gedicht „stellt einen Reflexionsvorgang dar, der zudem im ruhigen Fluss des Versmaßes – Mörike wählte das antike Maß des jambischen Trimeters oder Senars – seinen Ausdruck findet. Der zunehmenden Konzentration des Blicks auf die Lampe folgt die empathetische Reaktion des Betrachters (‚Wie reizend’), die in eine sentenzartige Feststellung mündet; die Anschauung des schönen Gegenstands wird in ein Urteil über Schönheit überführt.“ So beschreibt Reiner Wild (s.o.) den Aufbau des Gedichts; anschließend erklärt er, wie dort die ästhetische Erfahrung zustande kommt. „Dabei vertraut Mörike (noch) darauf, dass Schönheit dem Gegenstand selbst zugehört; sie wahrzunehmen und damit sichtbar zu machen, ist Aufgabe und Leistung des Betrachters: Schönheit bedarf des Gewahrwerdens, mithin der Kommunikation und also der Geselligkeit [die letzten vier Worte sind logisch nicht gedeckt, N.T.]. Und mehr noch: sie zur Darstellung zu bringen und also im Kunstwerk des Gedichts auszusprechen, ist die Leistung des Dichters, der so die ‚schöne Lampe’ der Vergessenheit entreißt und ihre Schönheit bewahrt.“ (Reiner Wild)

Man muss von den beiden Schlussversen ausgehen, um das Gedicht zu verstehen. Da finden wir zuerst das zusammenfassende Urteil „Ein Kunstgebild der ächten Art“ (V. 9). Ein solches ist es, weil sich in ihm Lachendes und „ein sanfter Geist des Ernstes“ (V. 7 f.) zu etwas Reizendem verbinden. Diese Eigenschaften weisen der Efeukranz und der Ringelreihen der Kinder in ihrer Verbindung auf der weißen Schale auf (V. 4 ff.). Diese wiederum hängt als Lampenschale an der Decke „des nun fast vergeßnen Lustgemachs“ (V. 1-3); nicht nur die leichten Ketten weisen sie als Schmuckstück aus. So ist die vom Sprecher angesprochene schöne Lampe (V. 1) ein Kunstgebilde der echten Art. Das wird in drei Sätzen gesagt, die rhythmisch gegliedert knapp 9 Verse umfassen.

Es folgt als reflektierende Frage überraschend: „Wer achtet sein?“ (V. 9) Wer achtet also des Kunstwerks? Die Frage ist dadurch gerechtfertigt, dass die Lampe in einem fast vergessenen Raum hängt (V. 3). Sie ist noch einmal deswegen berechtigt, weil man im Lustgemach mehr mit der Schönheit fremder Körper als mit der Schönheit der Lampe befasst ist, weil die dort erlebte Lust nicht auf der distanzierten Betrachtung schöner Dinge beruht. Gerade das seltene Wort „Lustgemach“ versetzt das Zimmer in eine fremde Zeit oder Welt; bürgerlich wäre ein Schlafzimmer. Wenn man die Frage als rhetorische liest, weiß man die Antwort sogleich: Niemand achtet auf die Lampe, obwohl sie schön ist.

Diese enttäuschende Antwort, die eine Missachtung des Schönen bezeugt, wird im letzten Vers relativiert, ausgeglichen, „aufgehoben“, wie die Konjunktion „aber“ signalisiert: „Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.“ (V. 10) Dieser Vers hat es in sich. Gegen Wild besagt er, dass die Schönheit der Lampe auch besteht und bestehen kann, wenn man sie nicht beachtet; damit scheint der Sprecher durchaus zufrieden zu sein. Zweitens ist der Satz aber nur möglich, wenn der Sprecher selber der Schönheit der Lampe inne geworden ist; doch dann verabschiedet er sich von sich als Betrachter und reflektiert den Vorgang des beachtenden Betrachtens: Auch wenn beachtende Betrachter fehlen, scheint Schönes „selig […] in ihm selbst“ zu sein. Es scheint (videtur) so, als brauchte das Schöne keine Betrachter. Ob das allerdings wirklich so ist, darüber sagt der Ich-Sprecher nichts; er ist kein Theoretiker, sondern ein Bewunderer der schönen Lampe, die sonst von niemandem beachtet wird.

http://www.eule2003.de/gbereich/g-Deutsch/d12/Realismus/BIEDERMEIER.htm (Skizze einer Analyse)

http://www.ruhr-uni-bochum.de/lidi/Acht-Sitz-Basis_11-01-05.ppt (kurze linguist. Analyse)

http://vladas2005.narod.ru/Emil_Staiger.doc (Emil Staiger: Die Kunst der Interpretation, 1955, dort v.a. ab S. 8)

http://www.academia.edu/2089566/Heidegger_und_Staiger_uber_Morikes_Auf_eine_Lampe_2007 (Streit Heidegger-Staiger über das Gedicht)

http://www.cultd.eu/tepe1/texte/a05_pt_meth1/pt_meth1_89.htm (zu Staigers Interpretation)

http://harpers.org/blog/2008/08/morikes-to-a-lamp/ (hört einen ironischen Ton)

http://de.wikipedia.org/wiki/Trimeter (Versmaß: Trimeter)

http://www.muellerscience.com/SPEZIALITAETEN/Varia/Literatur/Moerike.htm

http://archiv.ub.uni-marburg.de/es/2008/0001/pdf/KuDaE.pdf (Mörikes Dinggedichte)

http://www.rilune.org/mono8/9_Bloch.pdf (Bild-Ding-Gedichte, dort S. 83)

Vortrag

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/mp3s/moerike_lampe.mp3 (Diana Schade)

Sonstiges

http://kops.ub.uni-konstanz.de/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-46152/Eleganz_und_Abgrund.pdf?sequence=1 (zu Mörikes Lyrik) = http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/vongraevenitz_moerike/von_graevenitz_moerike.html

http://gedichte.xbib.de/_Lampe_gedicht.htm (Lampengedichte)

http://cingolani.com/18em.html (engl. Übersetzung)

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