Heine: Blamier mich nicht, mein schönes Kind – Analyse

Blamier mich nicht, mein schönes Kind,

Und grüß mich nicht unter den Linden;

Wenn wir nachher zu Hause sind,

Wird sich schon alles finden.

Text

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Nachlese/Verschiedene/Blamier+mich+nicht,+mein+sch%C3%B6nes+Kind

http://www.lyrik123.de/heinrich-heine-blamier-mich-nicht-9746/

Das kleine Gedicht (1824 in „Der Gesellschafter“ veröffentlicht) lebt von der offen vertretenen Diskretion bzw. Verheimlichung: Das lyrische Ich hat ein Verhältnis mit einem Mädchen („mein schönes Kind“), welches vom männlichen Ich-Sprecher ermahnt wird, in der Öffentlichkeit Distanz zu ihm zu wahren. Offensichtlich gibt es, wie schon durch die Anrede deutlich wird, einen großen Standes- oder Bildungsunterschied, sodass ein gemeinsames öffentliches Auftreten, ja die bloße Bekanntschaft (im Grüßen manifestiert) zu einem Eklat führen könnte; der Mann würde dadurch blamiert werden, also sein Ansehen verlieren. Vielleicht gehört das Mädchen auch der Halbwelt an, aber dafür gibt es keine direkten Anhaltspunkte. „Unter den Linden“ in Berlin kann er sich mit dem Mädchen nicht sehen lassen; aber „wenn wir nachher zu Hause sind“, wird die Gemeinschaft möglich, wird’s mit dem Schmusen losgehen: „Wird sich schon alles finden.“ Die Situation des Paares, Ort und Anlass des Gesprächs, der Status des (eventuell verheirateten?) Mannes, das alles bleibt unbestimmt; dadurch wurde es möglich, die beiden ersten Verse des Gedichtes beinahe sprichwortartig zu verwenden.

Der Witz des kleinen Gedichtes liegt in dem doppelten Kontrast: öffentlich ‚Unter den Linden’ / [nachher] privat zu Hause, und ‚dich nicht kennen, weil mich mit dir blamieren / [nachher] mit dir schmusen’; die beiden Kontraste sind miteinander verwoben. Sie zeigen so ein Liebesverhältnis, welches das Ideal der großen enthusiastischen oder romantischen Liebe (Friedrich und Luise: Kabale und Liebe; Mörike: Peregrina) hinter sich gelassen hat und dadurch den schönen Schein des gesellschaftlich-respektablen Lebens (Unter den Linden) zusammen mit einem Verhältnis zur linken Hand aufrecht erhalten kann (vgl. Fontane: Irrungen, Wirrungen). – Es bleibt offen, ob das lyrische Ich hier Heines damalige Einstellung zur Liebe vertritt oder lediglich Gegenstand seiner Berliner Beobachtungen ist.

Die Form des kleinen Gedichts (1822), das aus den Gedichtsammlungen ausgeschieden wurde, ist einfach: eine Volksliedstrophe; abwechselnd vier und drei Hebungen, zumeist Jambus; Kreuzreim, Wechsel männlicher und weiblicher Kadenzen.

Unter den Linden – wie es da aussah und zuging, muss man wissen, um Heines kleines Gedicht zu verstehen. Zuerst ein Gedicht von Heine selbst, dann einige historische Bilder der Straße „Unter den Linden“:

Heine: Unter den Linden in Berlin 

Ja, Freund, hier, unter den Linden,
Kannst du dein Herz erbaun,
Hier kannst du beisammen finden
Die allerschönsten Fraun.

Sie blühn so hold und minnig
Im farbigen Seidengewand;
Ein Dichter hat sie sinnig
Wandelnde Blumen genannt.
 

Welch schöne Federhüte!
Welch schöne Türkenschals!
Welch schöne Wangenblüte!
Welch schöner Schwanenhals!

http://kochbuch.kulturpixel.de/Bilder/pueckler-kranzler-berlin-unter-den-linden.jpg (Bild: historisch)

http://www.heimatsammlung.de/topo_unter/10/mitte_03/mitte_linden_02.htm (Bilder: alte Postkarten)

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/laenderreport/1721441/ (Heine in Berlin 1821-1823, ausführlich und informativ)

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/stadtbaeume/pix/alleen/unter_den_linden/unter_den_linden_01.jpg (Bild: Unter den Linden,  heute)

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/zum-150-todestag-von-heinrich-heine-amor-im-saeurebad-a-397118.html (Würdigung Heines, 2006)

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/HeineNachlese/ (Nachgelesene Gedichte – Übersicht), genau wie http://www.liberley.it/h/heine/nachlese.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Unter_den_Linden (Unter den Linden, Berlin)

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