Heine: Mein Herz, mein Herz ist traurig – Analyse

Mein Herz, mein Herz ist traurig …

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Heimk-03.html

http://heinrich-heine.com/baud5.htm (Text, mit Interpretation)

http://de.wikisource.org/wiki/Drei_und_drei%C3%9Fig_Gedichte_von_Heinrich_Heine (dort IX.)

http://de.wikisource.org/wiki/Mein_Herz,_mein_Herz_ist_traurig

Das „Buch der Lieder“ (1827), die erste große Gedichtsammlung Heines, umfasst mit Gedichten aus der Zeit zwischen 1817 und 1826 Heines Frühwerk; alle Zyklen waren bereits zuvor unter anderen Titeln erschienen, so „Die Heimkehr“ in Hamburg 1826, bei Hoffmann und Campe. „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ (1824 in „Der Gesellschafter“ veröffentlicht) gehört in „Die Heimkehr“. Von den 237 Gedichten im „Buch der Lieder“ sind 142 mit einer unglücklichen Liebe befasst (Wikipedia). Als biografischer Grund wird Heines unerwiderte Zuneigung zu seiner Cousine Amalie Heine genannt – Heine selbst hat solche biografischen Erklärungsversuche zurückgewiesen: „Nur etwas kann mich aufs schmerzlichste verletzen, wenn man den Geist meiner Dichtungen aus der Geschichte (Sie wissen was dieses Wort bedeutet) aus der Geschichte des Verfassers erklären will. […] Man entjungfert gleichsam das Gedicht, man zerreist den geheimnißvollen Schleyer desselben, wenn jener Einfluß der Geschichte den man nachweist wirklich vorhanden ist; man verunstaltet das Gedicht wenn man ihn fälschlich hineingegrübelt hat. Und wie wenig ist oft das äußere Gerüste unserer Geschichte mit unserer wirklichen, inneren Geschichte zusammenpassend! Bey mir wenigstens paste es nie.“ (Brief an Karl Immermann, 10. Juni 1823)

Ein lyrisches Ich spricht von sich selbst und von dem, was es erlebt: „Mein Herz“ steht zuerst im Fokus, die Wendung wird wiederholt: „ist traurig“ (V. 1); mit der kontrastiven Konjunktion „doch“ leitet das Ich zu dem über, was es von seiner Umgebung wahrnimmt: „Lustig leuchtet der Mai“ (V. 2). Im Prädikat „lustig leuchtet“ (Alliteration) ist schon eine Spannung spürbar, wenn auch „lustig“ im direkten Kontrast zu „traurig“ steht: Der „richtige“ Kontrast wäre „fröhlich“; „lustig“ wirkt dagegen etwas gezwungen – bei Goethe leuchtet die Natur „herrlich“ (Mailied). Anschließend wird noch die Position des lyrischen Ichs beschrieben: an die Linde gelehnt, auf der alten Bastei (Festung); dort ist das Ich dem Geschehen, welches es in den folgenden Strophen beschreibt, entrückt, wie seine Traurigkeit auch von Lustigkeit entfernt ist.

Es folgen in vier Strophen Beschreibungen idyllischer Mai-Eindrücke (der Stadtgraben, die Landschaft, die Mägde, das Schilderhäuschen mit Soldat). Die bereits beim Adjektiv „lustig“ bemerkte Ambivalenz wird auch in der 3. Strophe deutlich, wo nach den Gärten und Menschen die Ochsen genannt werden – Menschen und Ochsen, das passt nicht zusammen; auch „Wiesen und Wald“ (V. 12) ist so stereotyp, dass trotz oder gerade wegen der Alliteration die Aufzählung „freundlich[er]“ (V. 9) Eindrücke verdächtig ist. Ebenso empfinde ich als Stilbruch, dass die Mägde herumspringen (V. 14); Klischee ist auch, dass die Wassertropfen am Mühlrad als Diamanten bezeichnet werden (V. 15). Parallel zu den springenden Mägden ist der rotgeröckte Bursche (V. 19) zu nennen; „Soldat“ wäre das Mindeste, was in eine Idylle gehört, ein „Bursche“ ist dort ein Fremdkörper. Das Gleiche gilt davon, dass er mit seiner „Flinte“ (!) „spielt“ (V. 21) – ein mit der Flinte spielender Bursche ist wenig heldenhaft und nicht geeignet, Obrigkeit und Macht zu repräsentieren.

So verwundert der Schlussvers nur begrenzt: „Ich wollt’, er schösse mich tot.“ (V. 24) Dieser Wunsch scheint zwar der anfangs genannten Traurigkeit zu entsprechen; doch ist er zugleich Konsequenz dessen, dass die ganze Maien-Fröhlichkeit nur aufgesetzte Lustigkeit ist, dass ein Riss nicht nur durch das eigene Herz, sondern durch die ganze Welt geht. Was für ein Riss das ist, wird nicht erklärt – aber er wird spürbar in der Natur (Ochsen und Menschen) und im Auftreten der Menschen (Mägde, Bursche).

Der Schluss erinnert mich an Eichendorffs Gedicht „Das zerbrochene Ringlein“, 1810 entstanden, 1813 erschienen, die letzte Strophe:

„Hör ich das Mühlrad gehen:


Ich weiß nicht, was ich will -


Ich möcht am liebsten sterben,


Da wär’s auf einmal still!“

Da hat Heine vermutlich das Vorbild für seinen Schluss gefunden – wenn man nicht die ganze Mischung aus unglücklicher Liebe und Todessehnsucht als romantisches Weltempfinden erklären will, aus dem dann auch die romantische Ironie entspringt (http://de.wikipedia.org/wiki/Romantische_Ironie, vgl. als Beispiel Heine: Das Fräulein stand am Meere).

Das Gedicht besteht aus sechs Strophen zu vier Versen, welche jeweils drei Hebungen mit freier Füllung aufweisen; es reimen sich der zweite und vierte Vers, ein Satz geht oft über zwei Verse. Die erste Silbe ist in der Regel nicht betont (Anklang an ein jambisches Muster), ausgesprochen „ungelenke“ Ausnahmen sind V. 4, 6, 9 11, 20. Solche Takt-Störungen passen zu den Brüchen in der Wortwahl, die oben erklärt sind.

Das Gedicht folgt nicht nur auf „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“, sondern soll auch mit diesem zusammen in Lübeck entstanden sein und das Gegenstück zum Loreley-Gedicht bilden.

http://lyrik.antikoerperchen.de/heinrich-heine-mein-herz-mein-herz-ist-traurig,textbearbeitung,41.html (schülerhaft unbeholfen)

http://www.cultur-concept.de/PublikationenHeine2.html (Lokalisierung des Gedichts: in Lüneburg entstanden)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=brYCrmx47Wo (Jürgen Hentsch)

http://www.youtube.com/watch?v=3__wn0zLUY4 (Ole Irenäus, besser)

http://www.youtube.com/watch?v=y7gb9jGm0LA (gesungen von Jentine de Boer)

Sonstiges

http://www.literaturatlas.de/~ld9/index.htm („Homepage von H. Heine“)

http://www.cultur-concept.de/PublikationenHeine4.html (Heine in der Salzstadt – Zeichnung)

2 thoughts on “Heine: Mein Herz, mein Herz ist traurig – Analyse

  1. Pingback: Heine: Die Loreley – Analyse « norberto42

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