Heine: Die Loreley – Analyse

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …

Text

http://www.jhelbach.de/lorelei/loreleyb.htm#Meine%20Loreley (Loreley-Gedichte)

http://www.loreley.de/loreley/loreley.htm (Loreley-Texte!)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1139 (Text des Gedichts)

http://de.wikisource.org/wiki/Ich_wei%C3%9F_nicht,_was_soll_es_bedeuten (dito)

Drei und dreißig Gedichte von Heinrich Heine (der alte Kontext)

Die beiden ersten Gedichte, in denen die Loreley die Hauptfigur ist, brauchen wir hier nicht zu berücksichtigen: Clemens Brentano: Lore Lay, 1801, und  Eichendorff: Waldgespräch, 1812 – zu groß ist die Differenz zu Heines Gedicht. Allenfalls Brentanos Gedicht, das scheinbar einer Volkssage nachgebildet ist, in Wahrheit aber erst den Loreley-Mythos geschaffen hat, könnte von Interesse sein; es gibt entsprechende Gedichtvergleiche. Ob Heine Loebens „Der Lureleyfels“ (1821) gekannt hat, ist nicht sicher; den Stoff dürfte Heine aus Aloys Schreiber: Handbuch für Reisende am Rhein, 2. Aufl. 1818, gekannt haben (Gerhard Höhn im Heine-Handbuch, 2. Aufl. 1997, S. 69).

Heines „Loreley“ (1824) gibt viele Rätsel auf. Auch Heine scheint auf den ersten Blick „ein Märchen aus alten Zeiten“ (V. 3) zu erzählen. Dazu passen die schönste Jungfrau (V. 5 ff.) und der Tod des unglücklichen Schiffers (V. 21 f.), die Wiederholung des Attributs „golden“ (V. 7, 8, 17) und des Satzkerns „er schaut“ (V. 11, 12), die altertümlichen Wortformen „sitzet“, „blitzet“, „Melodei“ (V. 5, 7, 20), der einfache Satzbau, die w-Alliteration (mit wildem Weh, V. 10). Auch die Form des Gedichtes ist volkstümlich bzw. volksliedhaft: Vier Verse pro Strophe mit jeweils drei Hebungen und unregelmäßiger Füllung, dabei (z. T. unsaubere) Kreuzreime und Wechsel weiblich-männlicher Kadenzen. Silchers Vertonung (1837) schließt sich an diese „romantische“ Lesart an und ist so verbreitet, dass man sie beinahe automatisch mithört, wenn man das Gedicht liest.

Es gibt aber auch Hinweise, dass das Gedicht anders zu lesen ist. Die ersten Hinweise liefert der Text selbst. Da ist die Distanzierung des lyrischen Ichs vom Text des alten Märchens, welche im Rahmen zu finden ist: „Ich weiß nicht…“ (V. 1) und „Ich glaube…“ (V. 21); solche Distanzierungen passen nicht zur Tradition von Märchen und Sage. Da ist zweitens das einleitende Bekenntnis, „daß ich so traurig bin“ (V. 2), wofür als Grund (zumindest indirekt) angegeben wird, dass das Märchen dem Sprecher-Ich nicht aus dem Sinn kommt (V. 3 f.). Wie kann die Erinnerung an ein altes Märchen Grund zur Traurigkeit sein? Sieht sich der Sprecher in der Gestalt des untergehenden Schiffers, sodass er von einem ihm drohenden Geschick belastet wird? Auch die Frage, was die eigene Traurigkeit zu bedeuten hat (V. 1 f.), ist ungewöhnlich; sie erschließt sich, wenn man „bedeuten“ im Sinn von „Ein Zeichen einer künftigen Begebenheit seyn“ (Adelung) liest, dann wird der bereits genannte Hinweis auf den eigenen Tod des Sprechers bestätigt.

Mit diesem Verständnis der ersten Strophe ergibt sich ein weiteres Argument dafür, dass das Gedicht nicht bloß als Märchen-Wiederholung zu lesen ist. In der zweiten Lesart wird das Gedicht von der Loreley ausdrücklich im Kontext der Gedichte „Die Heimkehr“ im „Buch der Lieder“ (1827) gelesen. Dieser Gedichtzyklus beginnt folgendermaßen (vgl. hier):

In mein gar zu dunkles Leben…

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…

Mein Herz, mein Herz ist traurig…

Dort wird also einmal ein ähnlich strukturiertes Gedicht angeschlossen (III.), einmal ein erklärendes Gedicht vorangestellt (I.). Vor allem das Gedicht I. (In mein gar zu dunkles Leben) verdient jetzt Beachtung; auch dort beginnt das lyrische Ich mit einem Hinweis (nebst Erklärung: Liebeskummer) auf die eigene Traurigkeit (dunkles Leben, nachtumhüllt). Dann folgt die Erklärung, warum es in dieser Situation singt:

„Wenn die Kinder sind im Dunkeln,

Wird beklommen ihr Gemüth,

Und um ihre Angst zu bannen,

Singen sie ein lautes Lied.“ (V. 5-8)

In der 3. Strophe stellt der Sprecher sich als „tolles Kind“ dar, das ebenso „jetzo in der Dunkelheit“ singt (V. 9 f. – vgl. dazu „Enfant perdu“!). Damit wird eine Differenz zwischen dem normalen und dem eigenen Singen, auch zwischen Inhalt und Anlass des eigenen Singens behauptet.

Wenn man diese Differenz interpretieren will, wird es schwierig. Man könnte die ersten drei Gedichte aus „Die Heimkehr“ allgemein poetologisch verstehen: Die Zeit des ungebrochenen Singens ist vorbei, der Gesang übertönt „heute“ (also 1827, bzw. 1824, bei der ersten Veröffentlichung dieses Zyklus’) nur die gebrochene Existenz der Menschen – wobei wiederum zu fragen wäre, wie diese Gebrochenheit zu erklären oder zu verstehen ist. Man kann aber auch versuchen, die Gedichte speziell auf Heines gebrochene Existenz zu beziehen, wobei sich wiederum die Frage ergibt, wieso diese gebrochen ist. Joycelyne Kolb (in: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine. RUB 8815, 1995, S. 62 ff.) erkennt einen „Bezug auf Heines jüdische Identität“, beruft sich dafür auf die drei letzten Gedichte aus „Die Heimkehr“ (Donna Clara, Almansor, Die Wallfahrt nach Kevelaer) und erfindet dazu den Begriff Echo-Gedicht; aber das ist so gewagt, dass ich es nur referiere, ohne ihm zuzustimmen. Vielleicht ergötzte Heine sich an der Fantasie der Germanisten, wenn er läse, was man ihm alles anhängt. In dem Sinn empfehle ich den ersten folgenden Link; dort kann man die Gedanken von fünf klugen Leuten zum Gedicht lesen, welche 2006 in der ZEIT veröffentlicht worden sind.

Winfried Woesler (in: Gedichte aus sieben Jahrhunderten, Bamberg 1998) verweist dagegen auf den Schluss des Zyklus, wie er zuerst 1824 im Berliner „Gesellschafter“ veröffentlicht worden ist (XXXIII. Wie der Mond sich leuchtend dränget), als Bezugspunkt. Woeslers Ergebnis lautet: „Beide Gedichte arbeiten mit romantischen Klischees der Landschafts- und Stimmungsmalerei, doch der romantische Bruch innerhalb der »Drei und dreißig Gedichte« zeigt zugleich die Rettung des Ich-Autors, der nicht untergegangen ist. Das vorletzte Gedicht berichtet – in Anspielung auf Heines Entscheidung für den Dichterberuf -, wem er seine Rettung verdankt: sich selbst. Er konnte die in der Ouvertüre drohenden biographischen Gefahren durch dichterische Gestaltung überwinden.“ Das leuchtet mir eher ein als das, was Joyceline Kolb geschrieben hat; im „Buch der Lieder“ ist der ursprüngliche Zusammenhang der „Heimkehr“ aufgelöst, es sind weitere Gedichte eingefügt worden, sodass 1827 ein ganz neuer Zyklus vorliegt. Fürs Verständnis des Gedichtes ist aber zunächst der alte Zusammenhang heranzuziehen.

http://www.zeit.de/2006/19/freud_loreley (fünf Deutungen bzw. Kommentare)

http://www.litde.com/gedichte-aus-sieben-jahrhunderten-interpretationen/ich-wei-nicht-was-soll-es-bedeuten-heinrich-heine.php (Winfried Woeslers Text, eine große Interpretation, kann man auf dieser Seite gescannt finden.)

http://www.lyrikmond.de/interpretationen.php (interessante Interpretation – lesenswert!)

http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/707.pdf (Gedichtvergleich Heine – Kästner)

http://referaty.aktuality.sk/kontrastiver-vergleich-der-gedichten/referat-4517# (Gedichtvergleich Brentano – Heine)

http://raetselderkunst.blogspot.de/2007/02/die-loreley.html

http://www.lyrik-und-lied.de/media/FA/typ/2731/Kommentar.pdf (historischer Kommentar)

http://www.lehrer-online.de/loreley.php (Loreley-Gedichte, Unterrichtsreihe)

http://www.jhelbach.de/lorelei/loredeu.htm (über das Missverständnis des Gedichts)

http://de.wikipedia.org/wiki/Loreley

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Lore-Ley (mit Text)

http://www.goethe.de/lrn/prj/mlg/mad/mdr/de8892785.htm (die Entstehung des Loreley-Märchens)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/ich-weiss-nicht-was-soll-es-bedeuten.html (Fritz Stavenhagen)

http://wernerseuken.podspot.de/post/heinrich-heine-ich-weiss-nicht-was-soll-es-bedeuten/ (Werner Seuken)

http://www.rezitator.de/gdt/240/ (Lutz Görner) = http://www.rezitator.de/gdt/358/

http://www.youtube.com/watch?v=jXFswO0Mpoc (naiv: Esteban)

http://www.youtube.com/watch?v=YwFZ5gpuBHE (Dana A. Nigrim)

http://www.youtube.com/watch?v=uU8LYg2K384 (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=L1zungv0qCc (unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=_w_w_eKPtI4 (von Gruftierocker)

http://www.youtube.com/watch?v=Vkfx5CyPb50 (Melodie: Silcher)

http://www.youtube.com/watch?v=aGRV9RvZB1I (Silcher: Peter Seiffert)

http://www.youtube.com/watch?v=TOaJZY49-LM (Silcher: Heinrich Schlusnus)

http://www.youtube.com/watch?v=QY72JF4Uy6M (Silcher: Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=kmqKIuo1iYk (Silcher: Amateuse)

http://www.youtube.com/watch?v=qeebLSnNStk (Kunstprojekt 7. Klasse)

http://www.youtube.com/watch?v=CohX3pibpQw (Max Biundo: zwei Versionen)

Rheinromantik

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinromantik

http://www.erlebnis-rheinland.de/Themen/Rheinromantik/Rheinromantik.html

http://www.sammlung-rheinromantik.de/

http://www.fr-online.de/kultur/rheinromantik-fluss-ohne-uhrzeit,1472786,22188920.html

http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-im-fluss/135612/der-rhein (Rhein als europ. Erinnerungsort)

http://www.germany.travel/de/freizeit-erholung/ferienstrassen/rheinischer-sagenweg.html

http://www.wdr5.de/sendungen/tiefenblick/derrhein102.html

Sonstiges

http://phoenics1.wordpress.com/2011/09/13/heinrich-heine-die-lorelei-sachsisch-und-ruhrpottisch/ (Parodien)

http://www.youtube.com/watch?v=AnuiT_nat18 (Parodie angeblich)

Es gab schon zu Heines Lebzeiten Parodien, wie Winfried Woesler berichtet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s