Volker Demuth: Stille Leben – Rezension

Eigentlich müsste ich das Buch jetzt noch einmal lesen, um zu prüfen, ob meine Arbeitshypothese stimmt: Im Roman „Stille Leben“ ist zwar der Biologe Arne die Hauptfigur; aber es geht in Wahrheit um „das Fleisch“, was heißt: um die Zerstörung von Tier und Mensch durch den Menschen.

Wir haben eine Herausgeberin, welche von ihr vorgefundene Materialien in eine (ziemlich wirre, also nur schwer enträtselbare) Ordnung bringt. Sie ist Mieterin des Hauses in Guatemala, in dem Arne bis zu seinem spurlosen Verschwinden gewohnt hat. Die von ihr gefundenen Materialien kennen zwei Ich-Perspektiven: die Arnes und die Carolines. Außerdem kommt an einer Stelle Rembrandt zu Wort.

Wir begleiten als Leser also Arne in seinem Erleben und in seinen Erinnerungen. Da ist einmal seine letzte Fahrt mit Ute, seiner Frau, und seinem Sohn Anton, die beide nach einem Verkehrsunfall verbrennen; diese Geschichte wird durch Erinnerungen an seine Jahre mit Ute erweitert. Dann gibt es, etwa ein Jahr später, seinen Flug von Berlin nach Guatemala. Dazwischen ist er unter der Last des Verlustes zusammengebrochen, hat seine Arbeitsstelle gekündigt, hat im Frühjahr in Paris Caroline kennengelernt, ist nach Berlin-Wedding umgezogen, hat eine Annonce („Suche Geliebte“) aufgegeben, Verhältnisse mit einigen Frauen gehabt, ist Sachverständiger des Umweltministeriums geworden, hat den 11. September 2001 erlebt, ist wieder von Caroline besucht worden und hat schließlich deren Selbstmord hinnehmen müssen, den er mit einer Sezierung ihrer Leiche krönt. Dann löst er seine Berliner Wohnung auf und fliegt nach Guatemala.

Das zweite erlebende Ich der Materialien ist Caroline, eine Kunststudentin, die nach Flötners Bild „Das Menschenalphabet“ experimentiert hat und von der Zerfaserung des Fleisches fasziniert ist: Sie hat eine solche Aktion in einem Waschsalon durchgeführt und betrachtet in Paris Rembrandts Gemälde „Geschlachteter Ochse“; dabei lernt sie Arne kennen, und das Thema des geschlachteten Fleisches ist es auch, welches die beiden neben einer kurzen Affäre verbindet. Caroline erlebt ferner eine Fahrt zu ihrer Schwester Manuela nach Straßburg, mit der sie in einem schwierigen Verhältnis verbunden ist, und schließlich deren Hinsiechen wegen Unterernährung – das Verschwinden ihres Fleisches. Als sie sich von Arne getrennt hat, fliegt sie nach New York und arbeitet dort als Modell für den Fotografen Jay sowie später als Geliebte Virgils, der sie beim Sex schlägt und würgt – geschundenes Fleisch. [Dass man den Namen „Caroline“ zu „Carne“ = Fleisch verkürzen kann, ist allerdings ein platter Scherz, den zumindest der Lektor hätte eliminieren sollen.] Sie ist auf der Suche nach dem gültigen Kunstwerk, fotografiert sich auch nackt und übermalt dann im Bild ihren Körper – bringt also Fleisch zum Verschwinden. Als sie zu Arne zurückkehrt, ist sie heruntergekommen und inszeniert schließlich ihren nicht weiter erklärten Selbstmord in einer großen Fleisch- und Blutperformance.

Das eigentliche Thema ist die Zurichtung und Zerstörung des Fleisches; das wird durch eine Reihe von Bildern der europäischen Tradition dokumentiert, die von den Akteuren gesucht, betrachtet, beschrieben und kommentiert werden. Wenn ich keines übersehen habe, sind es folgende:

http://images.zeno.org/Kunstwerke/I/big/HL20800a.jpg (Peter Flötner: Das Menschenalphabet)

http://www.meisterwerke-online.de/rembrandt/original4055/geschlachteter-ochse.jpg (Rembrandt: Geschlachteter Ochse)

http://www.altertuemliches.at/files/5857L.jpg (Rembrandts Selbstbildnis – unklar, ob dies das richtige Bild ist)

http://media.kunst-fuer-alle.de/img/41/m/41_00343220.jpg (Rembrandt: Anatomie des Dr. Johan Deijman)

http://bilder.poster.net/p/LRG/66/6636/3EUE100Z/Weenix-Jan-Jagdstilleben-Vor-Einer-Landschaft-Mit-Schloss-Bensberg-1712.jpg (Jan Weenix: Jagdstillleben vor einer Landschaft mit Schloss Bensberg)

http://de.academic.ru/pictures/dewiki/80/Pieter_Aertsen_005.jpg (Pieter Aertsen: Darstellung einer Metzgerei = „Fleischerbude“)

Zwischendurch stehen immer wieder Wörterlisten, etwa „Aus dem Wortschatz gejagten Lebens“ (S. 170 f.) und ähnliche. Aertsens Bild wird so kommentiert: „Das Bild aber markierte die entscheidende Gelenkstelle,  den Umschlagpunkt [von der Verdammung der gula (Gaumenlust, Fresslust, Lust auf Fleisch) durch Gregor den Großen zur modernen Fleischfabrik]. Dort in die Ferne rückendes Heilsgeschehen, hier Nahrungskette und Verwertungsprozess. Und beides klaffte unendlich weit auseinander. Aertsen, so dachte ich, hatte die offene Wunde der Neuzeit gemalt.“ (S. 277)

Die Figuren sind mir menschlich nicht nahegekommen; sie sind Figuren eines Buches geblieben, Oberflächen und Handlungsträger, Bezugspunkte von Bildbetrachtung, Reflexionen und Beobachtungen. Dazu trägt sicher bei, dass die verschiedenen Erzählstränge mit wechselnden „Ichs“ wie in Filmen hart geschnitten sind und schnell wechseln; während man im Film jedoch Bilder der Figuren sieht und sie so leicht identifizieren kann, liest man im Buch nur „Ich“ – so kann nur schwer ein Bild der Figuren entstehen, sofern man nicht intensiv an ihrem Innenleben teilnehmen kann. Und das kann man in Demuths Roman nicht, finde ich.

Das Ende des Geschehens verstört mich: Der Selbstmord Carolines liegt gewissermaßen in der Linie des Untergangs ihrer Schwester und ihrer eigenen, offenbar gern erduldeten masochistischen Qualen; da verstehe ich die Logik des Geschehens. Aber wozu muss Arne sie sezieren, ohne dass das wirklich erklärt würde? Oder aber: „Das Faktische des Fleischs. Nur das. Zellen, Organe. […] Und das Fleisch, es war abgeschnitten von jedem göttlichen Wort, das ihm einst eingewohnt hatte, es war isoliert worden von seinem Sinn, in dem es sich aufgehoben gewusst hatte. Und so sah es seiner letzten Verwandlung entgegen, der letzten Form seiner Unvergänglichkeit.“ (S. 331) Ich weiß nicht, ob ich den letzten Satz richtig verstehe; aber ich verstehe jedenfalls nicht, wieso das ein Grund ist, die Leiche Carolines zu sezieren: Töten um der Verwertung willen ist etwas anderes als die Leiche einer Bekannten sezieren. Auch kann man die alte fürstliche, heute industrialisierte Abschlachtung von Tieren nicht mit der eigenen Selbstvernichtung (oder Arnes spurlosem Verschwinden) vergleichen; das Stichwort „Fleisch“ verbindet sie nur oberflächlich, im „Material“.

Ich weiß nicht, ob in diesem Roman der Schlüssel zum Verständnis der Neuzeit steckt, ich bezweifle es eher, auch wenn 9/11 explizit in das Geschehen eingebaut wird [so wichtig ist 9/11 für das Verständnis der Neuzeit nicht!]; aber als Einführung in die Jagdstillleben ist er großartig. Darauf spielt ja auch der Titel „Stille Leben“ an, wie man hinterher merkt.

Außerdem hätte die Herausgeberin sich etwas mehr Mühe beim Sortieren der Materialien machen können, zumal da sie als Wissenschaftlerin eingeführt wird; die wirre (Un)Ordnung bleibt künstlich, ohne Notizen hätte ich den Durchblick verloren. Da die Bildtitel ziemlich genau angegeben werden, erhält man via „google-Bilder“ jedoch Einblick in ein bedeutendes Genre europäischer Malerei. Daran (wie auch an einer Reihe von Fachbegriffen und Farbbezeichnungen) erkennt man vielleicht die berufliche Herkunft des Autors Volker Demuth (vier Jahre Professor für Medientheorie).

Und jetzt, wie gesagt, müsste ich eigentlich den Roman zum zweiten Mal lesen; aber so sehr interessiert mich nun doch nicht, ob meine Arbeitshypothese sich in einer zweiten Lektüre bewährt.

Eine Rezension gibt es bisher im Netz: http://www.kulturfinder-bw.de/index.php?id=buchkritik-volker-demuth, ferner den Bericht von einer Dichterlesung sowie einige Angaben zur Person des Volker Demuth:

http://www.swp.de/reutlingen/lokales/reutlingen/Ein-alptraumhaftes-verstoerendes-scharfsinniges-Werk;art5674,1913107

http://de.wikipedia.org/wiki/Volker_Demuth

http://www.poetenladen.de/volker-demuth.htm

http://www.zak.kit.edu/KG_Reporter/?p=841 (Gespräch mit Volker Demuth)

Volker Demuth: Stille Leben. Roman. Klöpfer & Meyer 2013

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